Bei Turo kann man sein eigenes Auto vermieten

Berlin  Turo will das Airbnb für Autos werden. Auf der Carsharing-Plattform bieten 1500 Besitzer in Deutschland ihre Fahrzeuge zur Miete an.

Ein klares Ziel vor Augen: Der Geschäftsführer Marcus Riecke will Turo in Deutschland zum populären „Airbnb für Autos“ machen.

Ein klares Ziel vor Augen: Der Geschäftsführer Marcus Riecke will Turo in Deutschland zum populären „Airbnb für Autos“ machen.

Foto: Reto Klar

Für Marcus Riecke ist es eine einfache Rechnung. „In Deutschland sind mehr als 45 Millionen Fahrzeuge angemeldet. Im Schnitt wird jedes Auto am Tag nur eine Stunde gefahren. Die übrigen 23 Stunden steht es ungenutzt auf der Straße oder in der Garage“, sagt der Geschäftsführer der Carsharing-Plattform Turo: „Warum es also nicht vermieten und damit auch noch Geld verdienen, um die Betriebskosten zu decken?“

Mit dieser Grundidee hat Turo weltweit bereits rund 300.000 Fahrzeuge in 5500 Städten im Angebot und mehr als acht Millionen Nutzer gewonnen. Seit Jahresbeginn ist das Start-up aus San Francisco auch in Deutschland aktiv und hat hier innerhalb weniger Monate bereits mehr als 1500 Fahrzeuge von Privatleuten gelistet, berichtet der 52-Jährige. Riecke hofft, dass Turo einen ähnlichen Siegeszug antritt wie die Wohnplattform Airbnb, über die Privatleute ihre Wohnungen vorübergehend an Fremde vermieten.

Der maximale Kilometerstand darf 150.000 betragen

Das Prinzip funktioniert ähnlich. Autobesitzer bieten ihr Fahrzeug auf dem Portal zu einem selbst festgelegten Preis an. Maximaler Kilometerstand: 150.000, nicht älter als zehn Jahre – Oldtimer ausgenommen. Interessierte Mieter können über die Plattform anfragen, ob der Wagen für die gewünschte Zeit zur Verfügung steht. Kommt der Deal zustande, erhält Turo 25 Prozent des Mietpreises als Vermittlungsgebühr. In dieser ist als zusätzlicher Service eine Versicherung für das Auto enthalten. Die Plattform könnte eine neue Konkurrenz und Herausforderung für professionelle Autovermieter werden.

Riecke ist ein Profi der New Economy für Peer-to-Peer-Portale (P2P) – also Online-Plätze, auf denen sich Gleichgesinnte austauschen. Mehrere Jahre arbeitete der gebürtige Hamburger in Leitungsfunktionen für Ebay, StudiVZ, Monster und Nextdoor, gründete die Online-Lernplattform Iversity, die er verkaufte. Sein langjähriger Kollege Andre Haddad, der Turo seit 2011 in den USA mit auf die Beine stellte, holte Riecke nun für die Expansion in Deutschland an Bord.

Unternehmen ist in USA, Kanada, Deutschland und Großbritannien aktiv

„Noch arbeitet Turo nicht profitabel – und zwar bewusst nicht“, sagt Riecke. „Die Expansion steht derzeit im Vordergrund. Wir investieren in Wachstum.“ Nach den USA, Kanada und Deutschland folgte im Oktober Großbritannien. Das Geld dafür kommt von internationalen Investoren – darunter auch die Daimler AG, die bei der letzten Finanzierungsrunde 35 Millionen der bislang insgesamt 200 Millionen Dollar beisteuerte. Aktuell hat das Unternehmen 280 Mitarbeiter – davon acht in Deutschland. „Entscheidend ist, viele Kunden zu gewinnen. Ziel ist ein Börsengang.“

Insgesamt ist Carsharing ein Wachstumsmarkt. In Deutschland sind rund 18.000 Autos im Angebot, die von rund zwei Millionen Kunden in 677 Städten genutzt werden, nennt der Vorstand des Bundesverbands Carsharing (bcs), Gunnar Nehrke, aktuelle Zahlen. Die meisten Fahrzeuge sind an Stationen gebunden, 7000 können innerhalb von sieben Großstädten irgendwo abgestellt werden. Auch die Autoindustrie hat längst erkannt, dass sich die Verbrauchergewohnheiten ändern und sie diese nicht ignorieren können. Als erste stieg die Daimler AG vor zehn Jahren mit Car2Go in das Geschäft ein, es folgten BMW mit Drive Now (2011) und zuletzt VW mit der Elektroauto-Flotte We Share.

Im Schnitt werden Autos hierzulande 3,5 Tage gemietet

Bei der Autowahl zeichnen sich schon jetzt bei Turo interessante Trends ab. „Gefragt sind oft außergewöhnliche, skurrile und individuelle Fahrzeuge“, berichtete Riecke. So sind in den USA vor allem Jeeps, Mercedes, VW, Audi, BMW, Porsche und Tesla gefragt. In Deutschland reicht die Palette von Minis über Porsche-Cabrios und Campingbusse bis hin zu Oldtimern wie einem Ford Mustang aus den 1960er-Jahren. Im Schnitt werden die Autos hierzulande 3,5 Tage gemietet, die Einnahmen liegen bei rund 250 Euro je Buchung – also 80 Euro pro Tag, berichtet Riecke. „Durchschnittlich genügen neun Tage Vermietung pro Monat, um die Kosten eines Autos inklusive Anschaffung einzufahren.“

Das Wachstumspotenzial ist riesig. In Deutschland gibt es rund 45 Millionen Autos. Würden sich nur 0,1 Prozent aller Besitzer an dem System beteiligen, wären dies schon 45.000 Fahrzeuge – mehr als doppelt so viele wie heute im Carsharing angeboten werden, rechnet Riecke vor. „Das zeigt: Der Markt befindet sich noch in einem embryonalen Zustand.“

Carsharing-Auto ersetzt sieben bestehende Wagen

Das Teilen bringt auch ökologische Vorteile. Laut Studien ersetzt ein Carsharing-Auto sieben bestehende Wagen. Dennoch werden Privatautos aus Sicht des Turo-Chefs nicht verschwinden. Vielmehr nutzen manche Autofahrer die Einnahmen aus der Vermietung, um sich ein höherwertiges Auto zu leisten. In USA kursiert dafür bereits der Begriff „to turo-up“. Die Einnahmen werden als zinslose Autofinanzierung genutzt.

Langfristig ist Riecke jedoch überzeugt: „Das Prinzip des Sharings (Teilens) wird dramatisch steigen.“ Zumindest in industrialisierten Staaten. „Der Besitz ist immer weniger entscheidend, sondern der Zugang zu Dingen.“

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