Durchbruch für elektrisch getriebene Nutzfahrzeuge

Berlin  Lange machte die Logistikbranche einen Bogen um E-Mobilität. Nun haben auch die etablierten Hersteller ihre Zukunftspläne verkündet.

Vom Streetscooter hat die Post bereits einige tausend Fahrzeuge im Einsatz

Vom Streetscooter hat die Post bereits einige tausend Fahrzeuge im Einsatz

Foto: -- / HF

Nicht nur im Pkw-Markt bewegt sich in naher Zukunft in Sachen E-Mobilität einiges, auch die Lkw-Branche befindet sich im Aufbruch. Neben branchenfremden Start-ups haben auch etablierte Nutzfahrzeughersteller Elektrolaster für die Zukunft angekündigt.

Erst kürzlich sorgte Tesla für großen Wirbel. Der im November offiziell enthüllte Semi Truck könnte ab 2019 die Logistikbranche in den USA ein Stück weit revolutionieren. Der für Lasten bis 36 Tonnen entwickelte Sattelschlepper soll nicht nur Energie und CO2 einsparen, sondern auch im Unterhalt günstiger als Dieseltrucks sein. Laut Tesla lässt sich der Semi Truck zudem 1,6 Millionen Kilometer quasi pannenfrei einsetzen. Außerdem bietet die Zugmaschine teilautomatisierte Fahroptionen.

Tesla macht vollmundige Versprechen

Die angegebenen technischen Daten und Fahrleistungen sind beeindruckend. So soll die Zugmaschine aus dem Stand auf Tempo 100 nur fünf Sekunden brauchen, mit Hänger weniger als 20 Sekunden. Eine Batterieladung soll für 800 Kilometer reichen, Strom für weitere 640 Kilometer lässt sich in 30 Minuten in die Akkus füllen.

Einige Unternehmen in den USA hat das Zahlenspiel so überzeugt, dass sie bereits Bestellungen abgaben. Der US-Ableger von DHL orderte zehn Semi Trucks, der Biergigant Anheuser-Busch, der seine CO2-Emissionen bis 2025 um 30 Prozent reduzieren will, gab sogar 40 E-Laster bei Tesla in Auftrag. Ob sich Teslas Versprechen realisieren lassen, wird in der Branche mit Spannung erwartet.

DHL verfolgt ehrgeizige Ziele, Emissionen zu reduzieren

Ähnlich eindrucksvoll ist der im September vorgestellte Brennstoffzellen-Lkw One des US-Start-ups Nikola, dessen Serienproduktion für 2021 angekündigt ist. Nikola arbeitet bei seinem Projekt eng mit dem Zulieferer Bosch zusammen. Die Deutschen steuern unter anderem die Antriebseinheiten in Form der sogenannten E-Achse bei. Die in Hinblick auf Leistung skalierbare Komponente bündelt Motor, Getriebe, Leistungselektronik und Achse in einem Bauteil.

Für seine Zugmaschinen will Nikola Antriebe mit über 1000 PS und über 2700 Newtonmeter Drehmoment realisieren. Um hohe Reichweiten zu ermöglichen, werden die Laster den Strom für den Vortrieb aus Batterien und einer Brennstoffzelle beziehen.

Im Vergleich zu rein batterieelektrischen Antrieben erlaubt die Brennstoffzelle ein schnelleres „Aufladen“ und größere Reichweiten. Zwischen 1300 und 1900 Kilometer weit sollen die E-Laster mit einer Ladung kommen. Wie Tesla verspricht auch Nikola den Logistikunternehmen im Vergleich zu Diesel-Lkw deutlich bessere Fahrleistungen, geringe Kosten und eine hohe Effizienz.

Streetscooter von DHL bereits täglich im Einsatz

Wesentlich bescheidener, dafür aber bereits in großer Zahl im täglichen Einsatz befinden sich die Streetscooter der Deutsche Post DHL Group. Das vor allem für Paketlieferungen bekannte Logistikunternehmen verfolgt seit einiger Zeit ehrgeizige Ziele zur Reduzierung seiner CO2-Emissionen, was unter anderem mithilfe der E-Mobilität gelingen soll.

Schon vor Jahren erkundigte sich DHL bei deutschen Autobauern nach Möglichkeiten zum Aufbau einer elektrisch getriebenen Lkw-Flotte, doch kein etablierter Hersteller wollte in die Serienproduktion einsteigen, weshalb die Deutsche Post DHL Group zusammen mit der TU Aachen ihren eigenen Elektrotransporter entwickelt und 2016 die Großserienproduktion in einer eigenen Fabrik gestartet hat.

DHL arbeitet bereits an Updates

Bereits 5000 dieser emissionslosen Streetscooter in verschiedenen Größen und Aufbauvarianten sind bei DHL und Deutscher Post im Einsatz. Laut Unternehmensangaben haben sich die Streetscooter bewährt. Die Eckdaten des Standardmodells Work, 85 km/h Höchstgeschwindigkeit und 80 Kilometer Reichweite, klingen zwar bescheiden, doch Upgrades sollen bereits in der Pipeline sein.

Schon bald sollen Varianten mit Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h und Reichweite von 200 Kilometer folgen. Sogar eine Version mit Brennstoffzelle und 500-Kilometer-Radius ist geplant. Streetscooter sind übrigens nicht exklusiv DHL oder der Post vorbehalten – seit Frühjahr 2017 dürfen Drittkunden den Elektro-Transporter zu Preisen ab 32.000 Euro kaufen.

Der Transporter aCar wird vor allem in Afrika angeboten

Wie der Streetscooter ist der für 2019 angekündigte Lowtech-Transporter aCar aus einem Universitätsprojekt geboren. In diesem Fall hat die TU München den rein elektrisch getriebenen Kleinlaster entwickelt, um ihn in naher Zukunft vor allem in afrikanischen Ländern zu produzieren und anzubieten.

Für 2019 ist parallel auch ein Marktstart in Deutschland angedacht. Hierzulande könnte der Kleinlaster dann 20.000 bis 25.000 Euro kosten, in Afrika rechnen die aCar-Verantwortlichen mit Preisen deutlich unterhalb von 10.000 Euro.

Angetrieben wird das für modulare Aufbauten konzipierte Fahrzeug von 48-Volt-Motoren von Bosch an Vorder- und Hinterachse, die mit einer Leistung von 16 kW/22 PS die Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h erlauben. Eine 20-kWh-Lithium-Ionen-Batterie soll 80 Kilometer Reichweiten ermöglichen.

aCar-Manufaktur in Afrika geplant

Produzieren wird das aCar die frisch gegründete EVUM Motors GmbH. Zunächst will das Start-up in Süddeutschland eine kleine Manufaktur aufbauen, in der ab Mitte 2018 eine erste Vorserie von zehn Prototypen entstehen soll. Bereits Mitte 2019 könnte dann die Serienproduktion starten. Neben dem Produktionsstandort in Deutschland soll im selben Jahr in Afrika eine aCar-Manufaktur aufgebaut werden.

Wenn etablierte Lkw-Hersteller wie Mercedes oder MAN noch vor wenigen Jahren auf das Thema E-Mobilität mit Desinteresse reagierten, scheint seit einigen Monaten bei den Branchenriesen der Funke übergesprungen zu sein.

Mercedes kündigt den Aufbau einer Versuchsflotte des Urban eTrucks an

So arbeitet MAN zusammen mit dem österreichischen Council für nachhaltige Logistik (CNL) an der Entwicklung und Erprobung emissionsfreier Laster. Für 2017 wurde der Aufbau einer Versuchsflotte von neun Verteiler-Lkw angekündigt. Ab Ende 2018 will MAN mit der Produktion einer Kleinserie beginnen. Ein Jahr später kommen vollelektrische Stadtbusse dazu. Ab 2021 plant der Hersteller den Bau eines Serien-e-Trucks, der dank modularen Baukastens von Antriebskomponenten diverse Anwendungen ermöglichen soll.

Ähnliche Pläne verfolgt Mercedes. Ebenfalls für 2017 kündigte der Konzern den Aufbau einer Versuchsflotte des Urban eTrucks in niedriger zweistelliger Stückzahl. Der lokal emissionsfrei fahrende Lkw für den Verteilerverkehr bietet ein zulässiges Gesamtgewicht von bis zu 25 Tonnen, an Zuladung sind bis zu 12,8 Tonnen erlaubt. Technische Daten für das Kleinserienmodell nennt Mercedes nicht.

Eine im September 2016 präsentierte Studie wurde von zwei Elektromotoren mit einer Gesamtleistung von 250 kW/340 PS und einem Drehmoment von 1000 Nm angetrieben. Drei modulare Batteriepakete mit Gesamtleistung von 212 kWh sollen für 200 Kilometer Reichweite gut sein, was für eine Tagestour im Verteilerverkehr üblicherweise voll ausreicht. Die Ladezeit beträgt knapp über zwei Stunden.

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