Bedingungsloses Grundeinkommen

Ein Jahr Grundeinkommen: So hat das Geld Dominic verändert

| Lesedauer: 8 Minuten
Bedingungsloses Grundeinkommen auf dem Prüfstand

Bedingungsloses Grundeinkommen auf dem Prüfstand

Das bedingungslose Grundeinkommen sorgt immer wieder für Diskussionen. Es soll jeden Menschen unabhängig von der gesellschaftlichen Position und dem Einkommen unterstützen.

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Berlin.  Dominic Schiffer glaubte, er hätte „einen Sechser im Lotto“ gewonnen. Nach einem Jahr Grundeinkommen zieht er eine gemischte Bilanz.

Rein äußerlich hat sich Dominic Schiffer im vergangenen Jahr nicht verändert. Poloshirt, Jeans, kurze Haare, freundliche Art, wie damals. „Hallo, lange nicht gesehen“, sagt er zur Begrüßung. Dieses Mal ist er nach Berlin gekommen. Rund 422 Kilometer und rund fünf Stunden fährt man mit dem Auto von seiner Heimat Waldeck bei Kassel bis zur Hauptstadt. Erst am Vormittag ist er eingetroffen. Sein Hotel liegt in der Nähe vom Hauptbahnhof. „Berlin ist echt Chaos!“, sagt er. Dabei lächelt er versöhnlich: Denn volle Straßen sind ja keine echten Probleme. Und er hat ja sonst keine. Genug Geld hat er zumindest, oder?

Dominic Schiffer ist einer von 122 Versuchsteilnehmern, die drei Jahre lang 1200 Euro vom „Pilotprojekt Grundeinkommen“ erhalten. Einfach so, steuerfrei. Ohne es je zurückzahlen zu müssen. Die erste Auszahlung gab es am 1. Juni 2021, die Teilnehmer und Teilnehmerinnen wurden ausgewählt. Sie sollen in ihrer Gesamtheit den Durchschnitt der Bevölkerung abbilden. Darunter sind Studentinnen, Angestellte und Rettungssanitäter wie Dominic Schiffer. Die Initiatoren des Projekts wollen an Menschen wie Schiffer untersuchen: Was machen Menschen, wenn sie Geld geschenkt bekommen? Macht sie das Geld glücklicher? Oder macht es sie faul?

Bedingungsloses Grundeinkommen: Wie geht Dominic Schiffer nach einem Jahr?

Zeit für einen Zwischenstand, Dominic Schiffer hat sich mit unserer Redaktion bereits vor einem Jahr getroffen. Damals hat er das Geld erst ein paar Mal bekommen, im Interview mit dieser Redaktion jubelte er damals: „Das fühlt sich an wie ein Sechser im Lotto!“ Wie geht es ihm nach einem Jahr?

„Es geht mir gut!“, betont Dominic Schiffer. Doch er jubelt nicht mehr. Kurz noch einmal zu den Fakten: Der Rettungssanitäter ist 26 Jahre alt, verdient netto rund 2100 Euro, dazu kommen die 1200 Euro Grundeinkommen. Mit 3300 Euro netto hat er mehr Geld zur Verfügung als der bundesweite Durchschnitt. Laut Statistischem Bundesamt lag Durchschnittseinkommen im Jahr 2021 bei 49.200 Euro brutto. Das entspricht einem Monatsbruttogehalt von etwa 4100 bei einer Vollzeitstelle, macht im Bundesland Hessen bei Steuerklasse 1 etwa 2523,76 Euro netto. Also hat er rund 800 Euro mehr als der Durchschnittsdeutsche. Ohne das Grundeinkommen läge er 400 Euro darunter. Auch wenn Portale wie „Stepstone“ auf etwas mehr in ihrem Gehaltsreport kommen.

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„Ich kann mich wirklich nicht beklagen“, sagt Schiffer. Trotzdem mache er sich Sorgen. „Die Inflation kickt auch bei mir voll rein“. Er habe mit einem Rechner im Internet seine persönliche Inflationsrate ausgerechnet: „Die liegt bei zehn Prozent. Teilweise habe ich das Gefühl, ich weiß gar nicht, wo das Geld bleibt.“

Er steht auf der grünen Wiese vor dem Reichstagsgebäude. „Da würde ich auch gern mal rein. Mich mal mit einem Abgeordneten über das Grundeinkommen unterhalten“, sagt er mit Blick auf das graue Steingebäude mit der gläsernen Kuppel. Vor allem von der Partei Die Linke gibt es Ideen für das Grundeinkommen für alle. Doch keine breite Mehrheit im Parlament, auch wenn Initiativen eine Volksabstimmung dazu erreichen wollen.

Schiffer hat sich viele Gedanken gemacht im vergangenen Jahr. Wenn man beispielsweise voll arbeiten und nur den Mindestlohn verdiene, dann würde er sich schon fragen, ob man nicht besser dran ist, wenn man Hartz-IV beantragen würde. Der 26-Jährige spricht über „gerechten Lohn“, „Arbeitszeit und Lebenszeit“, die in Balance zueinanderstehen müssten.

Ohne das Grundeinkommen hätte er Schwierigkeiten zu tanken

Wenn er nicht das Grundeinkommen erhalten würde, dann hätte er nun Schwierigkeiten sein Auto zu tanken, das wiederum benötige er, um arbeiten zu können. „Meine Freundin und ich haben uns im vergangenen Jahr den Luxus gegönnt, kaum auf das Geld zu achten. Bisher kaufen wir uns, was wir wollen, gehen essen und laden regelmäßig unsere Familien zu uns ein.“ Das sei ein schöner Effekt des Geldes, von dem alle profitierten. Und er konnte einen Teil seiner Schulden begleichen. So wie er es geplant hatte.

Vor einem Jahr musste er noch 6000 Euro seines silbernen VW-Golf Variant abbezahlen. Ein Jahr später hat er das geschafft. Jeden Monat hat er 500 Euro getilgt. Nur noch ein Kredit steht aus. Schiffer guckt auf seine Bank-App. „Der liegt gerade noch bei 10.000 Euro.“

Im Monat zahlt er 350 Euro ab. Auf die Frage, ob er jetzt nicht den monatlichen Betrag erhöhen könnte, weil er das Auto ja abbezahlt habe, weicht er ein wenig aus. Er wolle sparen, aber erst einmal gucken, wie sich alles entwickelt. Im Februar erfüllt er sich seinen Traum, eine große Reise: Zwei Wochen Thailand im Februar. Für seine Freundin und ihn kostet der Urlaub 5000 Euro. „Ich wollte auch nicht in die schlechtesten Hotels gehen“, sagt er halb entschuldigend.

Schiffer hat noch einen Nebenjob angenommen. Er hilft auf 400 Euro-Basis bei einem anderen Rettungsdienst aus und macht zudem seine Ausbildung zum Versicherungsmakler. Ein Gedanke vom Grundeinkommen ist auch, dass sich die Empfänger nicht so viele Sorgen, um ihr Auskommen machen müssen, vielleicht ihre Arbeitszeit reduzieren und sich zum Beispiel stattdessen gesellschaftlich engagieren.

Bei Dominic Schiffer ist nach einem Jahr das Gegenteil eingetreten, er arbeitet mehr als vor dem Grundeinkommen. Warum? „Ich kann einfach nicht auf der faulen Haut liegen und ich will mir etwas aufbauen“, ist seine Antwort. Außerdem mache er sich Sorgen, wie sein Geld reichen soll, wenn in weniger als zwei Jahren die 1200 Euro wegfallen. Im Juni 2024 ist Schluss.

Grundeinkommen für alle? Eher nicht

Ob er denn finde, dass es das Grundeinkommen für alle geben sollte? „Das nicht, aber jeder sollte zusätzlich einen Grundbetrag vom Staat für seine Altersvorsorge bekommen. So 400 oder 500 Euro im Monat.“ Er würde viele ältere Menschen kennen, deren gesetzliche Rente nicht ausreichen würde. „Das ganze Leben arbeiten und dann nicht genug haben am Ende. Das ist nicht okay“, sagt er.

Das vergangene Jahr sei schön gewesen, sagt der 25-Jährige. Schließlich zog er mit seiner Freundin zusammen, hat sich mit ihr die Wohnung eingerichtet. Doch zuletzt sei er etwas „geizig“ geworden. „Ich bin vorsichtig, ich will immer mindestens 1000 Euro als Puffer auf dem Konto haben und mich nicht wieder verschulden.“ Anderen erzählt Schiffer nicht mehr von seinem „Sechser im Lotto“. Gerade wenn es um finanzielle Sorgen gehe, würde er nicht ernstgenommen. „Manche sagen dann: Was willst du denn schon mitreden? Da fühle ich mich schon außen vor.“

Budapest: Dominic ist überrascht

Vier Tage nach dem Treffen in Berlin wacht Dominic Schiffer in Budapest auf einem Hotelboot am Ufer der Donau auf. Per Whatsapp-Video erzählt er, was er an Tag eins seines Urlaubs plant.

Er steht auf einem großen Platz, hinter ihm sieht man das ungarische Parlament. Das große weiße Gebäude mit dem roten Dach wirkt heller und freundlicher als der Deutsche Reichstag. Die ungarische Morgensonne strahlt hell, der Himmel blau. „Ich hätte gedacht, dass Budapest ein bisschen günstiger ist als Berlin. Kann man aber nicht sagen“, erklärt Dominic. Für einen Cappuccino, eine Fanta und zwei Croissants zum Frühstück hat er elf Euro bezahlt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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