Nuklearenergie

Atomkraft: Bundesamt warnt vor mehr radioaktivem Müll

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Wirtschaftsforscherin: Atomkraft-Renaissance ist "keine gute Lösung"

Wirtschaftsforscherin- Atomkraft-Renaissance ist keine gute Lösung

Ökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hält eine Renaissance der Atomkraft in Deutschland angesichts ausbleibender Gaslieferungen für "keine gute Lösung". Die Unternehmen sollten lieber schnell auf erneuerbare Energien umsteigen, empfiehlt Kemfert.

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Berlin.  Können die Atomkraftwerke einfach am Netz bleiben? Das Bundesamt für Nuklearentsorgung hat große Bedenken. Vor allem aus einem Grund.

Wie sicher ist ein Weiterbetrieb der drei deutschen Atomkraftwerke? Mareike Rüffer ist Expertin im Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) und erklärt, welche Gefahren es gibt.

Die Energiekrise durch den russischen Angriffskrieg stellt den Atomausstieg in Deutschland in Frage. Können wir es uns noch leisten, die letzten Kernkraftwerke abzuschalten?

Mareike Rüffer: Es ist eine gesellschaftspolitische Entscheidung, ob die kurzfristige Versorgungssicherheit höher bewertet wird als der langfristige und weitreichende Schutz von Mensch und Umwelt vor den Gefahren eines Radioaktivität freisetzenden Unfalls oder die im Vergleich zu einem Endlager sehr begrenzte Sicherheit von Zwischenlagern. Maßstab jeglicher Entscheidung muss die Sicherheit sein und bleiben.

Es ist bekannt, dass eine längere Laufzeit der verbliebenen Reaktoren mit einem Stromanteil von sechs Prozent letztendlich nur einen kleinen Gesamtbeitrag an der Stromversorgung in Deutschland leisten. Und – auch das ist sicher – sollte es zu einem Einsatz neuer Brennstäbe kommen, dann erhöht sich auch die Menge an hochradioaktiven Abfällen, für die es bis zur Inbetriebnahme eines Endlagers in Deutschland noch auf Jahrzehnte nur Zwischenlager mit zeitbegrenzter Sicherheitsgarantie gibt.

Die letzte Sicherheitsüberprüfung der drei noch laufenden AKW ist 13 Jahre her. Wäre ein Weiterbetrieb sicher möglich?

Rüffer: Genau diese Frage könnte erst nach Durchführung einer sogenannten Periodischen Sicherheitsprüfung (PSÜ) seriös beantwortet werden. Das Atomgesetz und internationale Vereinbarungen verpflichten die Betreiber zu einer derart grundlegenden Überprüfung der Hochrisikoanlagen alle 10 Jahre. Die PSÜs wurden für die in Betrieb befindlichen Anlagen mit dem Blick auf den gesetzlich verankerten Ausstieg Ende 2022 unter klaren Bedingungen ausgesetzt.

Personal wurde abgebaut, Investitionen zur Verbesserung der Sicherheit mit Blick auf das Abschaltdatum nicht mehr durchgeführt. Die öffentlich zu hörenden Sicherheitsgarantien für den Weiterbetrieb der letzten drei Anlagen bewegen sich somit zumindest nicht im Bereich des geforderten Sicherheitsnachweises.

Ist es im Hinblick auf die Sicherheit ein Unterschied, ob die Anlagen einige Monate weiterlaufen oder mit neuen Brennstäben sogar Jahre?

Rüffer: Nein. So oder so müssten die Sicherheitsprüfungen erstmal nachgeholt werden. Hierbei geht es um den maximalen Schutz von Mensch und Umwelt vor den Gefahren radioaktiver Strahlung. Schlussendlich liegt die Entscheidung, ob Sicherheitsabstriche gegenüber der Energieversorgungssicherheit der Bevölkerung in Kauf genommen werden, dann bei der Politik. Sie muss abwägen, welches Risiko wir über welche Zeiträume als Gesellschaft bezüglich der Gefahren der Atomenergie tragen wollen. Übrigens gibt es auch auf europäischer Ebene für alle Mitgliedstaaten hohe Anforderungen an die Sicherheit von Atomkraftwerken, denn auch unsere Nachbarn haben einen Anspruch darauf, vor den Gefahren deutscher Atomkraftwerke möglichst gut geschützt zu werden. Dies muss bei den zu treffenden Entscheidungen mitbedacht werden.

Dieser Artiekl erschien zuerst auf morgenpost.de.

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