Würzburg

Flüchtling, psychisch krank – und islamistischer Täter?

| Lesedauer: 10 Minuten
Gedenkfeier in Würzburg: Söder dankt Mann für Zivilcourage

Gedenkfeier in Würzburg: Söder dankt Mann für Zivilcourage

Zwei Tage nach dem Amoklauf in Würzburg gedenken Politiker und Einwohner der Opfer. Bei der Kranzniederlegung am Tatort, bedankt sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) bei einem Mann, der am Freitag versucht hatte, den Täter aufzuhalten.

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Berlin/Würzburg.  Gerade junge Menschen aus Nahost und Afrika sind oft psychisch erkrankt. Wird ihnen nicht geholfen, werden Einzelne zum Sicherheitsrisiko.

Manche der Rettungskräfte erinnern sich noch gut. Im Sommer 2016 schlägt ein junger Geflüchteter zu, verletzt fünf Menschen mit einer Axt und einem Messer in einer Regionalbahn bei Würzburg. Die Ermittler finden islamistische Propaganda im Zimmer des minderjährigen Afghanen.

Nun steht Würzburg wieder im Fokus: Erneut begeht ein junger Flüchtling ein brutales Verbrechen, der 24 Jahre alte Somalier Jibril A. Anders als beim Täter von 2016 ist die Motivlage noch unklar. Es gibt erste Hinweise auf eine islamistisch inspirierte Tat, es gibt Belege für eine psychische Erkrankung des Straftäters.

Insgesamt stellen die Sicherheitsbehörden bei Gewaltdelikten seit Jahren fest, dass die Täter zuvor psychisch auffällig waren. Das gilt für Islamisten wie für Rechtsextremisten.

35 Prozent der zwischen 2000 und 2015 allein handelnden Attentäter psychisch erkrankt

Der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), Sebastian Fiedler, fordert angesichts der Bluttat von Würzburg eine bessere Ausstattung des psychiatrischen Bereichs. „Wie beim Anschlag von Hanau oder der Tat am Frankfurter Hauptbahnhof haben wir es auch im Fall von Würzburg offenbar mit einem psychisch kranken Täter zu tun. Auf vielen Ebenen haben wir erhebliche Probleme mit psychisch erkrankten Menschen.“ Laut BDK waren 35 Prozent der zwischen 2000 und 2015 allein handelnden Attentäter psychisch erkrankt.

Fehlende Therapieplätze – Flüchtlingshelfer schlagen Alarm

Die Situation von Menschen auf der Flucht ist jedoch eine besondere. Immer wieder schlagen Hilfsorganisationen Alarm: Viele Asylsuchende sind psychisch auffällig, traumatisiert. Und: Es fehlen Therapieplätze und Behandlungen etwa auf Arabisch oder Farsi.

Eine Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK hält fest, dass mehr als drei Viertel aller Flüchtlinge aus Syrien, Irak und Afghanistan Gewalt erlebt haben und „dadurch oft mehrfach traumatisiert“ sind. Die Corona-Pandemie dürfte diese prekäre Versorgungslage noch verschärft haben.

Die Messerattacke in Würzburg, ein Übergriff am Frankfurter Hauptbahnhof, ein Angriff mit einem Messer in Hamburg – es sind wenige Einzelfälle, in denen Geflüchtete schwere Gewaltverbrechen verüben.

Doch Fachleute zeigen sich besorgt darüber, dass oftmals psychische Erkrankungen unbehandelt oder sogar unentdeckt bleiben – und damit auch eine mögliche Gewaltbereitschaft des Täters, die mit einem Trauma, einer Psychose oder Schizophrenie verbunden ist.

Nicht nur Geld hilft – es braucht auch besseren Zugang zu den Geflüchteten

Dabei hilft laut Flüchtlingsorganisationen nicht nur mehr Geld und Therapieplätze – Kliniken und Sozialdienste brauchen auch einen besseren Zugang zu den Menschen. Sie kommen aus Regionen, in denen psychische Erkrankungen und Traumata ein Tabu sind, eher verschwiegen als behandelt werden. Das setzt sich in Deutschland fort.

Der Täter von Würzburg ist noch ein Teenager, als er aus seiner Heimat mutmaßlich über das Mittelmeer bis nach Deutschland flieht. In Somalia herrscht seit vielen Jahren Bürgerkrieg. Terroristische Gruppen verüben Gewalt, viele Menschen sind auf der Flucht.

Aus der Forschung etwa zu Kindersoldaten wissen Fachleute, dass junge Menschen einerseits selbst stark durch die Gewalterfahrungen traumatisiert sein können, andererseits aufgrund ihrer Biografie vielleicht selbst auch Gewalt ausüben.

Traumata von Flucht und Krieg sowie Gewalterfahrungen würden die Entwicklung einer Persönlichkeit schwer belasten, sagt etwa Kerstin Sischka von der Fachstelle Extremismus und Psychologie in Berlin unserer Redaktion. Die Biografie junger Menschen auf der Flucht erschwere häufig eine Integration in ein Leben in Frieden und Sicherheit etwa in Deutschland.

Konfrontiert mit Gewalt und Propaganda

Auch mit islamistischer Propaganda und Antisemitismus, dem Hass gegen „Ungläubige“ und gegen „den Westen“ sind viele Menschen konfrontiert, die in Regionen in Nahost und Afrika aufwachsen, in denen radikale Milizen Macht haben.

Die Menschen aus diesen Konfliktregionen fliehen vor eben dieser Gewalt, vor Terror und Krieg. In einzelnen Fällen ist belegt, dass junge Geflüchtete im Zuge der Asylkrise 2015 bereits radikalisiert nach Deutschland gekommen waren.

Gerade als die Terrororganisation „Islamischer Staat“ noch stärker war, schickte sie in aufwendigen Operationen auch „Kämpfer“ nach Europa. Getarnt als Asylsuchende.

Die Behörden auch in Deutschland reagierten. Fällt dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) eine Person schon im Asylverfahren mit extremistischem Gedankengut auf, gibt die Behörde einen Hinweis an den Verfassungsschutz. Eine „Beratungsstelle Radikalisierung“ der Asylbehörde soll Angehörigen Hilfe bieten, wenn sie Freunde oder Familienmitglieder in den Islamismus abdriften.

Die meisten auffälligen jungen Flüchtlinge radikalisieren sich erst in Deutschland

Und doch, so berichten Fachleute, radikalisieren sich die meisten jungen Menschen, die dann der Polizei oder dem Verfassungsschutz auffallen, erst in Deutschland. Die Propaganda, gerade von Terrorgruppen wie dem IS, zielen stärker als noch vor einigen Jahren auf junge, psychisch labile Personen ab.

Islamisten setzen darauf, dass ihre Anhänger mit einfachen Mitteln, wie einem Messer oder einem geklauten Auto, wahllos Menschen töten. Junge Geflüchtete, die ihre Ankunft in Deutschland nicht als Schutz, sondern als Fortsetzung ihrer Krise begreifen, sind laut Experten besonders anfällig für die Propaganda von Terrorgruppen.

Immer häufiger stellen die Sicherheitsbehörden in den vergangenen Jahren hybride Motivlagen und Täterprofile fest, wenn sie Gewalttaten besonderen Ausmaßes analysieren. Nicht immer sind Wahn und Terror klar voneinander abzugrenzen, oftmals greifen ein labiler Charakter und eine Anfälligkeit für radikale Ideologien sogar ineinander, sagen Fachleute.

Manche Täter wollen ihren Gewaltfantasien durch eine politische oder religiöse Ideologie eine größere Bedeutung geben – und so eine hohe Aufmerksamkeit auf ihre Tat erreichen, vor allem durch Medienberichte.

Sicherheitsbehörden reagieren, blicken stärker auf Brüche in Lebensläufen

Und genau das ist von den Drahtziehern extremistischer Propaganda auch so gewollt. Dschihadisten wie auch Rechtsterroristischen setzen genauso auf den „religiösen oder ideologischen Analphabeten“ wie auf einen jahrelang fundamentalistisch geschulten Attentäter.

Für die Sicherheitsbehörden ist das ein großes Problem. Denn wer nicht in islamistischen Gruppierungen oder Moschee aktiv ist oder sich sogar einer Terrororganisation anschließt, der fällt Polizisten und Verfassungsschützer seltener auf.

Die Sicherheitsbehörden reagieren – und blicken seit einigen Jahren bei bereits bekannten Islamisten und Rechtsextremisten stärker auf das soziale Umfeld einer Person sowie auf Brüche und psychischen Auffälligkeiten in der Biografie eines Menschen. Diese Faktoren, so eine Lehre der vergangenen Jahre, fließen stärker in eine Gefährdungsbewertung der Sicherheitsbehörden ein.

Fall Würzburg: Polizei wertet Handy des Täters aus, sucht nach Spuren zu Motiv

Derzeit werten die Ermittler im Mordfall von Würzburg das Handy des Täters aus. Viel wird davon abhängen, was die Kriminaltechniker dort vorfinden: Wie stark befasste sich der Mann aus Somalia mit islamistischen und dschihadistischen Inhalten? Wie stark hing er der Propaganda etwa von Terrororganisationen an? Und wie lange?

Auch die Kontakte des Täters sind relevant. Bisher ist nicht bekannt, dass er einer islamistischen Organisation angehörte oder sich zur Terrorgruppe „Islamischer Staat“ bekannt hat. Auch der Pflichtanwalt des 24-Jährigen sieht bisher keine islamistische Gesinnung seines Mandanten.

Kerstin Sischka von der Fachstelle Extremismus und Psychologie und Expertinnen und Experten von Flüchtlingshilfsorganisation berichten unserer Redaktion, dass junge Menschen etwa aus Nahost und Afrika oftmals noch Monate oder sogar Jahre nach ihrer Ankunft in Deutschland in einem „Überlebensmodus“ sind. Verbunden mit Angstzuständen, teilweise aber auch mit Aggressionen.

Erst bemühen sich Geflüchtete zur Integration, irgendwann wächst bei vielen der Frust

Was diese Fachleute auch berichten: In den ersten Monaten oder den ersten Jahren nach der Ankunft in Deutschland bemühen sich Flüchtlinge stark um Halt und einen Neuanfang in dem fremden Land. Gerade bei jungen Menschen wächst jedoch irgendwann der Frust: Sie bangen um ihren Asylstatus, sie sprechen schlecht oder gar nicht Deutsch, sie finden weder Arbeit noch Wohnung.

Und wenn Frust, Wut und Angst die Psyche eines Menschen dominieren, wächst dessen Empfänglichkeit für extremistische Botschaften. Für radikale Propaganda, die klar zwischen vermeintlich Schuldigen und Opfern, zwischen „gut“ und „böse“ sortiert. Innerlich aber, so Expertin Sischka, würden sich extremistisch inspirierte Gewalttäter oft „machtlos, wertlos und als gescheitert erleben“.

Der Täter von Würzburg, der Somalier Jibril A., zog in den vergangenen Jahren in Deutschland mehrfach um, lebte in Sachsen, dann in Nordrhein-Westfalen. Der Somalier zog später wieder in den Osten zurück, landete zuletzt in Würzburg.

Jibril A. fiel auch Mitbewohnern in der Obdachlosenunterkunft schon auf

In der bayerischen Stadt lebte der junge Mann vor der Tat in einem Obdachlosenheim. Auch das spricht dafür, dass er bisher wenig Erfolg bei seiner Integration, bei seinem Ankommen in Deutschland hatte.

Und offensichtlich war seine psychische Erkrankung. Ein anderer somalischer Geflüchteter, der den Täter kannte, beschreibt gegenüber „Focus Online“ dessen Wahnvorstellungen.

Auch soll der Täter bereits wegen Vorfällen in dem vergangenen Jahr zweimal in eine Psychiatrie eingewiesen worden sein. Einmal soll er einen Mitbewohner in der Obdachlosenunterkunft mit einem Messer bedroht haben. Zu einem Angriff kam es damals nicht. Doch der Vorfall zeigt, der Täter war bereits in der Vergangenheit mit Gewaltaffinität auffällig.

Aus der Psychiatrie wurde der junge Somalier offenbar schon nach kurzer Zeit entlassen. Das Verfahren wegen des Vorfalls läuft nach Angaben der Behörden noch, ein psychiatrisches Gutachten des Gerichts steht noch aus.

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