Wahlkampf mit gebackenen Penissen und Unterwäsche

Berlin  Für die Bundestagskandidatur machen Menschen so einiges. In Berlin etwa werden manche Plakate gebastelt – samt gebackenen 3D-Penissen.

Maria von Bolla, Direktkandidatin der Partei "DIE PARTEI" mit selbstgestalteten Plakaten in Berlin.

Maria von Bolla, Direktkandidatin der Partei "DIE PARTEI" mit selbstgestalteten Plakaten in Berlin.

Foto: Jörg Krauthöfer

Maria von Bollas Einsatz im Wahlkampf zu toppen dürfte schwer sein: Kein anderer Kandidat dürfte die Hälfte seines Hartz-IV-Regelsatzes von 409 Euro seiner Partei gespendet haben. Niemand sonst dürfte Penisse gebacken haben für 3D-Wahlplakate.

Wo andernorts Plakate zerstört werden, so werden die Unikate der Partei „Die PARTEI“ in Berlin von Liebhabern gestohlen. Und das liegt vor allem an Maria von Bolla.

Im Wahlkreis 76 Berlin-Pankow findet sich auf dem Wahlzettel, fast in Tuchfühlung mit Georg Pazderski, Oberst a.D. und Landesvorsitzender der AfD in Berlin, der Name „Rall, Christian (Maria von Bolla)“. Weil „Maria von Bolla“ bisher nur der – auch im Personalausweis eingetragene – Künstlername ist, taucht er auf dem Wahlzettel nur in Klammern auf.

„... wenn ich dann im Bundestag sitze“

„Ich habe vor zehn Jahren beschlossen, dass ich eine Frau bin“, sagt von Bolla unserer Redaktion. „Aber den Namen zu ändern ist enormer bürokratischer Aufwand und so teuer.“ Das werde eines ihrer ersten Themen sein, „wenn ich dann im Bundestag sitze“. Denn da will sie hin.

0,2 Prozent hat ihre Partei bei der letzten Bundestagswahl geholt. Diesmal stellt die von Satiriker Martin Sonneborn gegründete „Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative“, kurz „Die PARTEI“, mit Serdar Somuncu auch einen Kanzlerkandidaten.

Und Maria von Bolla gibt wahrscheinlich mehr als irgendwer sonst im Wahlkampf. „In der Tat habe ich seit Monaten eine 50 bis 60-Stunden-Woche für PARTEI-Arbeit“, sagt sie. „Wer nicht alles gibt, hat in der Politik nichts verloren. Ich will die beste Direktkandidatin sein, die Pankow je hatte und das total liebevolle Matriarchat verwirklichen.“

Hälfte von 409 Euro Hartz-IV- gespendet

„Alles geben“ ist ein Floskel, aber von Bolla kommt dem schon sehr nahe. Die Hartz-IV-Empfängerin hat vom Regelsatz von 409 Euro exakt die Hälfte, 204,50 Euro, an die Partei überwiesen. Dokumentiert ist das auf einem irgendwie kindlich verzierten Kontoauszug, den sie auf Facebook gepostet hat.

Als Alleinstehende gehe das irgendwie, sie habe von Falafel und Bier gelebt, sagt sie, „die Partei lässt mich auch zumindest nicht verdursten“: Die Kollegen spendieren ihr auch mal was, wenn sie nicht zahlen könne.

Die Spende an die Partei sei ihr wichtig gewesen. Schließlich lege der Staat wegen der „irren Gesetze zur Parteienfinanzierung“ für jede Spende nochmal fast soviel oben drauf, „bei den großen etablierten Spaßparteien dummerweise auch“.

„Hoffentlich die relevanten Themen getroffen“

Der große Parteiführer Sonneborn hat einen „reinen Sex-Wahlkampf, der an Primitivität und Plakativität nicht zu überbieten ist“ ausgerufen – und von Bolla füllt das mit Leben. Sie hat Penisse gebacken und mit Latexfarbe wetterfest gemacht, um sie an Plakaten anzubringen, sie hat „Schlüpper aus Kinderarbeit“ auf Plakate geklebt, Pelz in Dreiecksform, Pümpel, Klobürsten, Wasserpistolen, Geld und Schuhe.

Etwa die Hälfte der gut 50 Plakate hat sie selbst gebastelt, bei den anderen haben andere Partei-Mitglieder geholfen und zudem bei den Motiven mit überlegt. „Ich hoffe, dass wir damit auch die für die Wähler und Wählerinnen relevanten Themen getroffen haben.“

Irgendwie habe sie das Leerplakat „Politik zum Anfassen“ ja füllen müssen – eigentlich die Rückseite von ihrem Plakat als Direktkandidatin. Diese Seite ist jetzt aber die Attraktion, die Bilder der Gaga-Botschaften treffen den Humor vieler Nutzer im Netz.

Und nicht nur das, die ersten Plakate sind auch schon weg. Die Kandidatin appelliert deshalb: „Wir rufen ausdrücklich dazu auf, unsere Wahlplakate erst nach der Wahl, die wir am 24. September veranstalten, zu klauen.“ Bei einer Wahlkampfspende unter 10.000 Euro werde aber eine Neuauflage geprüft.

Bei vielen Kandidaten grusele es sie

Die Aufmerksamkeit um die Plakate hat ihr schon mehrere Medienanfragen eingebracht. Etwas, womit sie nach eigenem Bekunden nicht gerechnet hat. Sie habe gar nicht daran gedacht, mit der schrillen Kandidatur vielleicht eine Karriere als Künstlerin voranzubringen.

Sie hätte lieber den Job im Bundestag, da verdiene man mehr als als Künstler, und da könne sie ihr Leben mit mehr Sinn erfüllen. Und die nächste Aussage sei jetzt wirklich ihr Ernst, sagt sie: „Das klingt vielleicht arrogant, aber ich halte mich durchaus für geeigneter als das, was ich sonst so sehe. Ich interessiere mich mein Leben lang schon für Politik.“

Und bei vielen Kandidaten grusele es sie einfach. „Ich schaue mir die an und denke mir: Das hat Pankow nicht verdient, dann doch besser mich.“

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