Inflation

Aldi, Lidl & Co: Diebe klauen immer öfter Lebensmittel

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Innovatives Pfandsystem soll Kunden Zeit sparen

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Ein Pfandautomat, der 100 PET-Flaschen auf einen Schlag annimmt: Das wird derzeit in wenigen Supermärkten in Deutschland getestet.

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Berlin.  Die Inflation grassiert in Deutschland. Bei Aldi, Lidl und Co. werden immer häufiger Lebensmittel gestohlen - oft von Bedürftigen.

  • Nahrungsmittel werden immer teurer
  • Diebstahlschutz für Milchprodukte und Fleisch in vielen Geschäften eingeführt
  • Vermehrt "Verzweiflungstaten" von "Hausfrauen und Rentnern" verübt
  • Unteres Preissegment ist stark betroffen

"Wir lieben Lebensmittel". Mit diesem Slogan wirbt die Supermarkt-Kette Edeka bereits seit Jahren. Weil im Zuge der weltweit grassierenden Inflation Nahrungsmittel nicht nur lieb, sondern auch immer teurer sind, sieht man in immer mehr Filialen aufgeklebte Diebstahlwarnungen auf Produkten des alltäglichen Bedarfs, auch bei Lidl, Aldi, Rewe, Netto und Co. Doch welche Artikel sind besonders beliebt bei Langfingern?

Aldi, Lidl & Co.: Butter, Steaks und Brot im Fokus der Diebe

Zu den traditionell beliebtesten Objekten von Supermarktdieben gehören etwa Kosmetika. Vor allem Parfüme gelten als anfällig, weil sie nicht nur klein und handlich sind, sondern auch einen guten Wiederverkaufswert versprechen. Fette Beute machen Kriminelle auch mit weiteren Genussmitteln, etwa Spirituosen und Tabakprodukten. Außerdem steht Kaffee auf der Liste klassischer Diebesgüter im oberen Bereich.

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Neu ist der Run auf Lebensmittel. Im Zuge der Inflation geraten nun immer mehr Grundnahrungsmittel ins Visier. Wie die "Berliner Zeitung" zuerst berichtete, sind es vor allem Steaks im unteren Preisniveau, auf die Jagd gemacht wird. Auch Molkereiprodukte wie Butter, Milch, Käse und Schokolade sind begehrtes Diebesgut. Kati Sommer, Präsidentin des Handelsverbands Sachsen-Anhalt, sprach im Gespräch mit dem "MDR" von zunehmend diebischen Rentnern und Hausfrauen: "Mit ihrem Geldbeutel müssen sie kalkulieren und da verschwindet dann schon mal die ein oder andere Wurst oder das eine oder andere Brot in einer Extratasche."

Rente und Hartz IV: Mehr "Verzweiflungstaten" durch Preisspirale

Dass nicht mehr die klassischen Produkte ganz oben auf der Liste begehrter Beute steht, sondern Grundnahrungsmittel für den alltäglichen Bedarf, wie zuletzt vielerorts auch am Hackfleisch beobachtet, versetzt Experten in Alarmbereitschaft. Gegenüber der "Bild" warnte Adolf Bauer, Präsident des Sozialverbandes Deutschland, vor einer weiteren Verteuerung lebenswichtiger Produkte: "Wir müssen zwingend verhindern, dass sich ein Großteil der Menschen dies nicht mehr leisten kann und als letzte Verzweiflungstat der Diebstahl bleibt."

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Im abgelaufenen Geschäftsjahr entgingen dem Einzelhandel rund 2,1 Milliarden Euro durch diebische Kundschaft. Um etwa 1,1 Milliarden Euro erhöht sich der Schaden für die Händler durch eigene Mitarbeiter oder Lieferanten. Diese Zahlen ermittelte die in Köln ansässige marktfinanzierte Forschungseinrichtung für Handel Euro Handelsinstitut (EHI). Die Studie schließt auch Kaufhäuser, Elektronik-Fachmärkte und Modeboutiquen mit ein.

Rewe, Aldi, Edeka & Co.: Rückläufiger Trend bei Anzeigen – Händler preisen Diebstahl ein

Der Fehlbetrag schrumpfte von 2021 gegenüber dem Vorjahr von 4,2 Milliarden auf 4,1 Milliarden Euro nur marginal. Analog fiel die Zahl in der Kriminalstatistik vermerkter Anzeigen wegen Diebstahl. Ganze 15 Prozent weniger Langfinger wurden der Polizei gemeldet. Auf die Gesamtbevölkerung Deutschland heruntergebrochen erbeutet damit jeder Bürger jährlich Waren im Wert von knapp unter 30 Euro. Dass die Tätergruppe im Allgemeinen relativ klein – und das Gros der Deutschen gesetzestreu im Supermarkt – ist, deutet die Bilanz schwerer Ladendiebstähle an. Seit 2006 hat sich der Wert nämlich verdreifacht.

EHI-Experte und Studienautor Frank Horst relativiert im Jahresbericht den Rückgang der ermittelten Zahlen. Die "polizeilich erfassten Landendiebstähle" bilden seiner Meinung nach "nur die Spitze des Eisbergs" und ließen sich mit Einsparungen im Bereich von Detektivkosten begründen. Verzerrt wird die Statistik zudem durch diverse Corona-Lockdowns in den vergangenen beiden Jahren, die Einfluss auf das Kaufverhalten vieler Kundinnen und Kunden hatte.

Großbritannien als drohendes Beispiel – Mikrochips auf dem Vormarsch

Die Konsequenzen für die milliardenschwere Kriminalität trägt übrigens die ganze Gesellschaft, nicht die beklauten Händler. Rund ein Prozent des Preises auf Supermarkt-Artikel macht die Kompensation von Diebstahl sowie Prävention in Form von Detekteien, Diebstahlschutz und Überwachungstechnologie aus.

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Tatsächlich lässt sich nämlich im Jahr 2022 die gestiegene Diebstahlaktivität in Supermärkten mit dem bloßen Auge entdecken. Mit Diebstahlwarnungen auf Butter, Steaks oder Käse wollen die Händler einem beunruhigenden Trend entgegenwirken. Große Supermarktketten in Großbritannien haben es vorgemacht. Weil der wirtschaftliche Niedergang jenseits des Ärmelkanals aufgrund des Brexits bereits früher als im Rest Europas begonnen hat, sind abschreckende Sticker für Kundinnen und Kunden von Tesco's, Sainsbury und Coop bereits ein gewohnter Anblick. Hält die Preisspirale länger an, dürften sich offene und versteckte Chips mit Alarmfunktion auch in deutschen Supermärkten langfristig etablieren.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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