Klassenarbeit

Rassenlehre: Erfurter Schüler sollen Menschen kategorisieren

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Wie das Wort "Rasse" aus dem Grundgesetz verschwinden könnte

Wie das Wort "Rasse" aus dem Grundgesetz verschwinden könnte

Das Wort "Rasse" soll aus Artikel drei verschwinden. Die Grünen haben die Debatte angestoßen, nun hat die FDP einen Vorschlag gemacht, um das Grundgesetz zu ändern.

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Berlin  Die 10. Klasse sollte Menschen in Biologie nach "Rassenmerkmalen" zuordnen. Das Bildungsministerium schließt Rassismus beim Lehrer aus.

Bereits im Mai hat ein Biologie-Lehrer der Jenaplan-Schule in Erfurt seiner zehnten Klasse im Test offenbar eine Aufgabe gestellt, die nun sogar das Thüringer Bildungsministerium auf den Plan rief: Die Jugendlichen sollten darin Menschen unterschiedlicher Herkünfte nach ihren äußerlichen Merkmalen wie Haarstruktur und Augenform einteilen und verschiedenen "Rassen" und "Lebensräumen" zuordnen.

Das berichtet der "MDR Thüringen", dessen Redaktion der Test vorliegt. Und tatsächlich: Auf den Fotos der Fotokopien sieht man Bilder von weißen und schwarzen Personen, von Menschen asiatischer Herkunft. Darüber sind auf dünnen Strichen Aussparungen, wo die Jugendlichen die entsprechende rassenkundliche Bezeichnung einfügen sollten. Dabei sind diese Konzepte seit Jahrzehnten wissenschaftlich widerlegt.

2012 verschwand Rassenkunde aus dem Thüringer Unterricht – offiziell

Warum nutzt ein Erfurter Lehrer sie also heute in der Schulbildung junger Menschen? Das versucht das Thüringer Bildungsministerium nun herauszufinden. Wie der "MDR Thüringen" schreibt, sei eine schulaufsichtliche Prüfung gegen den Lehrer eingeleitet worden.

"Jeglicher Anschein von Rassismus oder Rassenkunde hat in Thüringer Schulen nichts zu suchen", sagte der Bildungsminister Helmut Holter (Linke) dem Sender. Die Arbeit zeige, dass man sich dem Thema Rassismus an des landeseigenen Schulen sorgfältiger widmen müsse, so der Bildungsminister.

Dass in der Sache heute noch Nachholbedarf besteht, könnte auch an der späten Änderung der Thüringer Lehrpläne liegen: Bis 1999 standen Theorien aus der Rassenkunde im Biologie-Lehrplan des Landes, 2012 strich man das Thema scheinbar gänzlich aus dem Unterricht. Auch deshalb werfen die Testfragen des Erfurter Lehrers im Bildungsministerium Fragen auf.

"Diese Klassenarbeit ist nicht durch die Lehrpläne in Thüringen gedeckt", stellt Holter klar. Und auch sonst entstammen die Konzepte der Arbeit einer längst vergangenen und überholten Zeit.

Erfurt: "Rassentheorie" seit Jahrzehnten wissenschaftlich widerlegt

Rassentheorien waren im 19. und frühen 20. Jahrhundert populär und unterteilten die Menschen je nach äußeren Merkmalen in unterschiedliche "Rassen". Diese Theorien erstreckten sich auf unterschiedliche Disziplinen, etwa auf die Soziologie, die Ethnologie, die Medizin oder eben die Biologie.

Allerdings waren sie seit jeher vor allem ein gesellschaftliches und politisches Argument, um unterschiedliche "Menschenrassen" als hochwertiger oder minderwertiger als andere einzustufen. Die Rassentheorien verbreiteten sich zu Zeiten, in denen europäische Kolonialmächte in die Welt hinausfuhren. Mit den Theorien rechtfertigten sie auch die Eroberung und Versklavung der vermeintlich minder entwickelten Nicht-Europäer.

Obwohl Kategorien wie "weiß" oder "schwarz" im sozialen Kontext nach wie vor verwendet werden – etwa um die Auswirkungen von Rassismus zu veranschaulichen – sind diese Kategorien und Merkmale aus wissenschaftlicher Sicht längst widerlegt.

Mehr dazu: Ukraine-Krieg – Wie schwarze Personen an den Grenzen abgewiesen werden

Zum Einen spiegeln die "Rassen" die tatsächliche genetische Vielfalt der Menschheit nicht ab. Zum Anderen sind die vermeintlichen Merkmale auch innerhalb einer sogenannten "Rasse" fließend, weil Nasenformen nicht an Hautfarben gebunden sind. Die genetischen Unterschiede innerhalb einer "Rasse" sind dazu größer als zwischen zwei vermeintlich verschiedenen Gruppen.

Erfurt: Ministerium schließt Rassismus nach Prüfung aus

Geht es nach der Thüringer Landeselternvertretung, könnte das Thema zumindest unter dem aufklärerischen und einordnenden Aspekt wieder Einzug in den Lehrplan finden. In dem Fall hätte selbst der betreffende Biologie-Lehrer die Chance, beim nächsten mal korrekte Inhalte zu lehren.

Denn wie der "MDR Thüringen" unter Berufung auf das Bildungsministerium berichtet, habe die schulaufsichtliche Prüfung zu Gunsten der Lehrkraft entschieden. Dienstliche Folgen soll es demnach nicht geben: Lehrer und Schulleitung hätten große Betroffenheit gezeigt, so Bildungsminister Holter. Das Ministerium schließt einen rassistischen Hintergrund nun aus, will sich aber weiterhin mit dem Fall und der Aufarbeitung von Rassismus beschäftigen.

  • Kommentar:

Vor Thüringen lehrte auch sächsische Schule "Rassentheorie"

Dabei könnte sich das Bundesland bei seinem Nachbarn Sachsen einhaken: Dort war 2018 ebenfalls Lehrmaterial aus dem Biologie-Unterricht von Zehntklässlern und Zehntklässlerinnen aufgetaucht, in dem die Jugendlichen ebenfalls äußerliche Merkmale zu "Rassenkreisen" zuordnen sollten.

Der sächsische Kultusminister Christian Piwarz (CDU) erklärte damals in einer Antwort auf eine kleine Anfrage, die rassentheoretischen Konzepte stünden seit 2004 nicht mehr auf dem sächsischen Lehrplan, die betreffende Biologie-Aufgabe sei ein Einzelfall.

Der aktuelle Fall in Thüringen zeigt: Diese Erklärung kann man offenbar für jeden Einzelfall anführen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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