Pandemie

Corona: Warum Israel sich vor infizierten Touristen fürchtet

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Ein israelisches Mädchen wird in einer Drive-in-Teststation in Jerusalem auf das Coronavirus getestet.

Ein israelisches Mädchen wird in einer Drive-in-Teststation in Jerusalem auf das Coronavirus getestet.

Foto: Abir Sultan / EPA-EFE

Jerusalem.  Im November wollte sich das Land eigentlich wieder für Tourismus öffnen. Doch die Sorge vor eingeschleppten Corona-Mutanten ist groß.

Mehrmals pro Woche ruft Europa bei Mordechai an. „Stimmt es, dass wir bald einreisen können?“, fragen die Anrufer aus Deutschland, Spanien, Belgien den 34-jährigen Reiseveranstalter aus Israel.

Es sind Sonnenhungrige, die sich trübe Herbsttage mit der Aussicht auf einen Urlaub in Tel Aviv, Jerusalem und am Toten Meer ein wenig aufhellen möchten, und sie wollen wissen, wann das nun endlich wieder möglich sei. Doch jedes Mal seufzt Mordechai und wiederholt dieselbe Antwort: „Tut mir sehr leid, ich weiß es wirklich nicht.“

Israel: Keine Touristen seit März 2020

Der Tourenanbieter wartet seit mehr als eineinhalb Jahren darauf, endlich wieder arbeiten zu dürfen. Seit März 2020 lässt Israel keine Touristen ins Land. Abgesehen von wenigen Ausnahmen für organisierte Gruppenreisen, die strenge Auflagen erfüllen müssen, sind die Flugzeuge, die derzeit am Tel Aviver Flughafen landen, ausschließlich mit Israelis besetzt – und mit Ausländern, die sich langfristig in Israel aufhalten. Lesen Sie auch:Israel – Wie der Impfweltmeister zum Sorgenkind wurde

Das Tourismusministerium hatte zwar schon mehrmals die bevorstehende Grenzöffnung angekündigt, Hoteliers und Fremdenführer standen in den Startlöchern. Doch jedes Mal machte die Regierung kurz vor dem Anpfiff einen Rückzieher: Eine neue Covid-19-Variante wurde entdeckt, die Infektionszahlen stiegen an – und die Grenzöffnung wurde verschoben.

Vorlagen selbst für geimpfte Touristen

Nun aber könnte es tatsächlich so weit sein. Anfang November will Israel Reisende aus Europa hereinlassen, drei Wochen später auch aus dem Rest der Welt – Risikoländer wie Großbritannien sind ausgenommen.

Europäer können also schon jetzt Flüge nach Israel buchen – wenn sie dreimal geimpft wurden oder ihre zweite Impfung vor weniger als sechs Monaten erhalten haben. Doch Mordechai ist weiter skeptisch. „Ich glaube es erst, wenn es so weit ist“, sagt er.

Jüngste Alarmsignale aus dem Gesundheitsministerium geben ihm recht. Vergangene Woche berief die Regierung ein Notfalltreffen mit Spitzen des Ministeriums ein. Der Grund: Eine neue Subspezies der Delta-Variante wurde in mehreren europäischen Ländern identifiziert. Dass die Variante namens AY 4.2 nicht nur vereinzelt auftritt, sondern sich offenbar in mehreren Ländern ausbreitet, macht den Epidemiebekämpfern Sorgen.

Israel setzt auf Booster-Impfung

Es könnte bedeuten, dass die Variante ähnlich aggressiv ist wie jene Delta-Variante, die in Israel eine heftige vierte Welle ausgelöst hat. Immer noch fordert sie Todesopfer, vor allem bei den Ungeimpften.

Mehr als 90 Prozent der neu registrierten schweren Fälle sind nicht geimpft, und auch von den schwer verlaufenden Erkrankungen bei Geimpften hat die überwiegende Zahl nur zwei Dosen des Pfizer-Biontech-Impfstoffs erhalten.

Israel setzt daher alles daran, so viele Menschen wie möglich dreifach zu impfen. Nun haben bereits 3,8 Millionen Israelis den Booster erhalten – und die Folgen zeigen sich in sinkenden Inzidenzen und weniger Todesfällen.

Experten warnen: Nicht zu schnell öffnen – wie in der Vergangenheit

Experten warnen aber vor zu viel Euphorie. Man dürfe nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen und zu rasch alle Schranken fallen lassen, warnt etwa Nadav Davidovitch von der Ben-Gurion-Universität des Negevs. Eine überstürzte Öffnung hatte schon im Sommer 2020 schnurstracks in die zweite Welle geführt und auch in diesem Sommer in die vierte.

Am 15. Juni hatte Israel das Ende der Maskenpflicht ausgerufen – nur um diese zehn Tage später angesichts rasant ansteigender Inzidenzen mit der Delta-Variante erneut einzuführen. Diesmal, so erklärte der Generaldirektor des israelischen Gesundheitssystems, Nachman Ash, in einem Interview mit der Nachrichtenplattform Ynet am Wochenende, wird das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes in öffentlichen Innenräumen auf jeden Fall weiter vorgeschrieben sein.

Auch an der 3G-Regel für Lokalbesuche werde man weiter festhalten, sagte Ash. Was die Variante AY 4.2 betreffe, so werde man nun die Entwicklungen in Europa sehr genau beobachten. Die ständige Bedrohung, dass Einreisende neue Varianten mitbrächten, sei jedenfalls „eine sehr große Herausforderung“.

Deutlich mehr schwere Verläufe bei Kindern

Während man im Ministerium schon an die nächste Welle denkt und dafür die nötigen Auffrischungsimpfdosen bestellt, kämpfen viele israelische Familien noch mit den Folgen der nun ausklingenden Welle.

Die Delta-Variante brachte deutlich mehr schwere Verläufe bei Kindern, die oft erst Wochen nach einer Infektion auftreten, wie die israelische Kinderärztevereinigung berichtet – und zwar häufig auch dann, wenn die Infektion selbst mild oder sogar symptomfrei verlaufen war. Auch interessant:Wie werden Corona-Impfstoffe an Kindern getestet?

Das sogenannte PIMS-Syndrom, eine Art multiples Entzündungssyndrom mit hohem Fieber und Ausschlägen, tritt laut den Kinderärzten häufiger auf als in früheren Wellen.

Allein von August auf September hat sich die Zahl der Kinder, die wegen PIMS im Spital behandelt werden mussten, vervierfacht. Ob das daran liegt, dass Kinder nicht geimpft werden dürfen, oder auch daran, dass Delta für Kinder womöglich gefährlicher ist, sei bislang noch ungeklärt, sagt Davidovitch.

Ganz unabhängig von dieser Frage sei es aber wichtig, schon bald eine Zulassung der Pfizer-Biontech-Impfung für Fünf- bis Zwölfjährige zu erhalten, betont er. Im Gesundheitsministerium hofft man, bereits im November mit der Kinderimpfung loslegen zu können.

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