Coronavirus

Studie: Booster-Impfung nur für bestimmte Gruppen sinnvoll

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Lancet-Studie: Dritte Impfung nicht unbedingt notwendig

Lancet-Studie: Dritte Impfung nicht unbedingt notwendig

Der Start der Impfkampagne gegen das Coronavirus liegt nun einige Zeit zurück. Damit werden die Fragen zu Auffrischungs-bzw. Booster-Impfungen größer.

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Berlin  Booster-Impfungen schützen Leben, sind aber zur Pandemiebekämpfung nicht immer sinnvoll. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie.

Manche Länder bieten sie schon an: die Booster-Impfung. In Israel etwa können sich Geimpfte ein drittes Mal impfen lassen, um ihren Schutz vor einer Corona-Infektion und einem schweren Krankheitsverlauf zu verbessern. In den USA startet die Auffrisch-Runde am 20. September. In Deutschland ist die dritte Impfung seit dem 1. September möglich, wenn auch bislang nur für bestimmte Gruppen. Ältere Menschen etwa oder Immunkranke dürfen einen Booster bekommen.

Während dies im Einzelfall Leben retten kann, stellt sich die Frage, ob gerade in Ländern mit einer – im Vergleich zu ärmeren Staaten – hohen Impfquote die Einführung eines Boosters für die Gesamtbevölkerung sinnvoll ist. Künftig etwa will der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in Deutschland die dritte Impfung für alle Menschen ermöglichen. Impfstoff sei genügend vorhanden.

Eine am Montag im Fachblatt "The Lancet" veröffentlichte Studie spricht sich hingegen deutlich gegen eine generelle Corona-Auffrischungsimpfung zum derzeitigen Zeitpunkt aus. Auch weil in vielen Staaten noch längst nicht genügend Impfstoff vorhanden ist.

Booster-Impfung: Keine Notwendigkeit zum Einsatz in der Fläche

Die Autorinnen und Autoren, zu der führende WHO-Wissenschaftler und Mitglieder der US-Arzneimittelbehörde FDA gehören, haben für ihre Untersuchung die bislang verfügbaren Studien ausgewertet, die entweder in Fachzeitschriften oder auf Pre-Print-Servern veröffentlicht wurden.

Aus diesen wissenschaftlichen Arbeiten destillierten die Forschenden ihre Erkenntnis: Zwar könne demnach ein Booster für solche Menschen sinnvoll sein, die trotz Impfung nicht (mehr) über ausreichenden Impfschutz verfügen. Auch gesteht die Expertengruppe zu, dass einmal der Zeitpunkt erreicht sein könnte, an dem ein Booster für die Gesamtbevölkerung notwendig werden könnte, weil die Immunantwort nachlasse oder weil die bisherigen Impfstoffe gegen neu entstandene Varianten nicht mehr ausreichend schützen.

Die Gruppe kommt in dem Papier dennoch zu dem Schluss: "Die bisherige Studienlage zeigt keine Notwendigkeit, in Bevölkerungsgruppen mit wirksamer, vollständiger Impfung Booster auf breiter Front zu verabreichen." Sprich: Gesunde und junge Menschen müssen sich derzeit keine Gedanken über eine Auffrischung machen – und auch ihre Regierungen nicht.

Corona-Impfung: Bisherige Vakzine wirken

Denn: Die bislang verfügbaren Impfstoffe schützen zuverlässig vor schwerem Verlauf oder Hospitalisierung. Selbst wenn die Immunantwort mit der Zeit abnehme, lasse von einem sinkenden Antikörperspiegel nicht notwendigerweise auf verringerte Impfstoff-Wirksamkeit gegen einen schweren Krankheitsverlauf schließen, so die Forschenden. Dieser Schutz entstehe nicht nur aus der Antikörperreaktion, sondern auch aus der zellulären Immunantwort und dem immunologischen Gedächtnis und beide seien langlebiger.

In anderen Worten: Die Vakzine wirken auch Monate nach ihrer Verabreichung noch genau so, wie sie es sollen – selbst wenn Geimpfte das Virus weiter übertragen können oder sich die Zahl der Impfdurchbrüche erhöht, also die Zahl der Fälle, bei denen Menschen trotz Impfung an Covid-19 erkranken.

Auffrischungs-Impfung: Ungeimpfte zuerst impfen

Die Treibenden des Infektionsgeschehens seien nach wie vor ungeimpfte Menschen, auch in Bevölkerungen mit hoher Impfrate. Ungeimpfte seien außerdem dem größten Risiko einer schweren Erkrankung ausgesetzt, so die Forschenden. Die derzeitig verfügbaren Impfstoff-Vorräte würden mehr Leben retten, wenn sie in bislang ungeimpften Bevölkerungsgruppen eingesetzt würden und nicht für Booster-Impfungen in bereits geimpften Gruppen, stellen die Autoren der Studie klar.

Dritte Impfung: Gezielt entwickeln und einsetzen

Gegen den flächendeckenden Einsatz von Boostern zum derzeitigen Zeitpunkt spreche zudem, dass das Virus sich stetig weiterentwickelt. Sollte tatsächlich eine Corona-Mutation entstehen, die derzeitigen Impfstoffen entkommen kann, dann würde sich diese sehr wahrscheinlich von bereits entstehenden Varianten aus entwickeln.

Die Forschenden sehen hier die Chance, variantenspezifische Booster zu entwickeln, mit denen bestehende Impfungen gezielt aufgefrischt werden könnten. Bei der Grippe-Impfung werde ähnlich vorgegangen, argumentieren sie. Die saisonalen Vakzine richteten sich gegen jene Grippevirenstämme, über die die meisten Daten vorlägen. Dies erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass die Impfung auch gegen künftige Virenentwicklungen noch wirksam sei. Mehr zum Thema: Dritte Impfung: Wie viel Geld Biontech damit verdienen würde

Impfstoffe: Sicher und effektiv

Die derzeit verfügbaren Impfstoffe seien "sicher, effektiv und schützen Leben", so die Forschenden. Die weltweit noch immer begrenzte Anzahl an Impfdosen könne die meisten Leben retten, wenn sie Menschen zu Gute käme, die ein erhebliches Risiko einer schweren Erkrankung haben und noch ungeimpft sind.

"Wenn Impfstoffe dort eingesetzt würden, wo sie am meisten bringen, könnten sie das Ende der Pandemie beschleunigen, indem die die weitere Entwicklung von Varianten bremsen."

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