Corona-Pandemie

Warum dieser Arzt auch Kinder unter zwölf Jahren impft

Lesedauer: 6 Minuten
Impf-Nebenwirkungen bei Kindern: Was bekannt ist

Impf-Nebenwirkungen bei Kindern- Was bekannt ist

Seit Mitte August empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) die Covid-Schutzimpfung auch für Kinder zwischen 12 und 17 Jahren. Dennoch bleibt die Frage: Welche Nebenwirkungen treten bei Kindern nach der Impfung auf?

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Berlin.  Bislang sind Corona-Impfstoffe nur für ältere Kinder zugelassen. Ein Arzt erklärt hier, warum er sich über die Verordnung hinwegsetzt.

  • Bislang gibt es keinen Corona-Impfstoff für Kinder unter 12 Jahren
  • Ein Arzt aus Süddeutschland hält sich nicht an diese Vorgaben
  • Hier erklärt er seine Gründe - er möchte anonym bleiben

Die Studien laufen, die Ergebnisse sind vielversprechend, doch bislang ist in der EU ein Corona-Impfstoff für Kinder unter zwölf weder zugelassen noch empfohlen. Ärzte, die sich darüber hinwegsetzen, stehen vor der Frage, wer im Ernstfall das Haftungsrisiko trägt.

Ein Kinderarzt aus Süddeutschland erklärt hier, warum er sich entschieden hat, schon jetzt kleine Kinder gegen Corona zu impfen. Aus Angst vor Drohungen will er anonym bleiben:

„Ich bin Facharzt in Süddeutschland und habe bereits früh damit begonnen, Patienten gegen Corona zu impfen. Außerdem bin ich noch in einem Impfzentrum im Einsatz. Seit wenigen Wochen impfe ich auch Kinder unter zwölf Jahren. Man nennt das „Off-Label-Impfungen“, weil die Impfstoffe für unter Zwölfjährige bislang noch keine Zulassung haben.

Off-Label-Behandlungen sind nicht verboten und sie sind auch nicht ungewöhnlich. Viele Medikamente sind für Kinder nicht getestet. Dennoch kommt man als Arzt in Situationen, in denen man Kinder behandeln muss, für die man diese Medikamente braucht. Zum Beispiel, weil die zugelassenen Medikamente für Kinder viel schwerere Nebenwirkungen haben.

Die Nachfragen der Eltern wurden immer dringlicher

Ich werbe nicht öffentlich dafür, dass ich Kinder unter zwölf impfe. Aber weil ich bereits Jugendliche geimpft habe, als es die Ständige Impfkommission noch nicht empfohlen hat, haben viele Eltern mich angesprochen: Mein Kind ist jünger als zwölf. Würden Sie es trotzdem impfen?

Ich habe das erst abgewehrt, weil ich Fälle von Impfärzten kenne, die öffentlich für Impfungen geworben haben und deshalb bedroht wurden und von Impfgegnern massenhaft negative Beurteilungen auf Online-Portalen bekamen. Diesem Stress wollte ich mich und mein Team eigentlich nicht aussetzen.

Aber die Nachfragen wurden immer dringlicher, darunter auch Eltern von Kindern mit schweren Vorerkrankungen. Deshalb habe ich mich entschlossen, solche Impfungen durchzuführen.

Arzt trägt bei Off-Label-Impfungen Verantwortung

Das Risiko für den Arzt bei Off-Label-Impfungen liegt darin, dass er in der Verantwortung ist für alles, was passiert. Ein solches Risiko kann man als einzelner Arzt aber nicht eingehen. Ich mache mit den Eltern deshalb eine Vereinbarung, dass sie die Haftung übernehmen. Außerdem unterschreiben sie eine Verschwiegenheitsklausel, weil ich sonst mit Drohungen rechnen muss.

Aber es spricht sich natürlich herum. Die Klausel gilt selbstverständlich nicht, wenn es zu Impfreaktionen kommt, die ärztlich behandelt werden müssen. Da müssen Eltern ja angeben, dass das Kind geimpft wurde, damit es richtig behandelt werden kann. Mit meiner Haftpflicht-Versicherung habe ich einen neuen Vertrag abgeschlossen. Er ist 400 Euro im Jahr teurer, aber Off-Label-Behandlungen sind jetzt in der Versicherung inkludiert.

Viele Familien nehmen für Impfung weite Reise in Kauf

Ich habe bisher so um die 150 Kinder geimpft. Keines hatte Impfschäden. Manche Familien nehmen dafür weite Reisen in Kauf, sie kommen aus Hamburg oder aus Nordrhein-Westfalen.

Wichtig ist mir, dass die Eltern sehr gut aufgeklärt werden. Es ist eine Entscheidung, hinter der beide Elternteile und die Kinder, wenn sie alt genug sind, stehen müssen. Mit zehn oder zwölf kann man sich schon selbst Gedanken machen, ob man geimpft werden will.

Ich stelle immer wieder fest: Viele Ängste basieren auf Irrationalität. Da fragen mich Eltern: Kann meine Tochter dann später noch Kinder bekommen? Die angebliche Unfruchtbarkeit durch Impfung ist frei erfunden. Anders sieht es bei der Herzmuskelentzündung aus. Die kann man nach einer Impfung bekommen, aber eben auch mit Corona – und zwar 16 Mal häufiger.

Impfungen für Säuglinge ab 2022?

Es ist nicht nur ein Abwägen zwischen Impfung und Infektion, sondern auch zwischen Impfung und Isolation. Ich kenne den Fall einer Intensivmedizinerin, die jeden Tag mit Corona-Patienten konfrontiert ist. Sie hat sich deshalb entschieden, ihren neun Monate alten Säugling impfen zu lassen, weil sie wusste, dass sie ihn aufgrund ihrer Arbeit nicht vor Ansteckung schützen kann.

Gegen Corona ist ein Impfstoff da. Und die Studien zur Zulassung für unter 12-Jährige laufen schon in den USA. Gerade hat eine Reihe von amerikanischen Kinderärzten die Zulassungsbehörde FDA aufgefordert, den Vorgang zu beschleunigen. Auch wir in Deutschland rechnen damit, dass spätestens 2022 Impfungen gegen Corona selbst für Säuglinge zugelassen werden. Alle Studien weisen bislang in diese Richtung. Auch interessant: Corona-Freizeitbonus – Tausende Kinder gehen leer aus

Und da verstehe ich, dass Eltern sagen: Wenn es einen Impfstoff gibt und keine Warnmeldungen für schwere Impfreaktionen, warum soll ich mein Kind dann der Gefahr aussetzen, sich in der Schule anzustecken und eventuell Long Covid zu bekommen?

Mich stört an der deutschen Diskussion, dass immer nur auf die Todeszahlen geguckt wird. Es gibt aber bei Kindern PIMS, ein schweres Krankheitsbild nach einer Corona-Infektion bei Kindern, bei dem man oft wochenlang im Krankenhaus liegt. Und es gibt Long Covid, auch bei Kindern. Die Infektionszahlen sind ja real.

Beschleunigtes Zulassungsverfahren wichtig

Inzwischen ist die Nachfrage bei mir so riesig geworden, dass ich mich jetzt auf Kinder beschränken werde, die entweder selbst Vorerkrankungen hatten oder bei denen es in der engeren Familie Angehörige mit Vorerkrankungen gab, also die vordringlichen Fälle.

Aber ich würde mir wünschen, dass mehr Kollegen den Mut zur Off-Label-Behandlung finden. Die juristischen Fragen sind lösbar. Der Bedarf ist da und er ist enorm. Und dann müssten verzweifelte Eltern nicht mehr quer durch Deutschland reisen, um ihre Kinder impfen lassen zu können.

Die Forderung, dass die Politik die Haftung für U12-Impfungen übernehmen soll, halte ich für falsch. Es ist nicht Aufgabe der Politik, Medikamente politisch durch die Hintertür zuzulassen.

Ich wünsche mir stattdessen ein beschleunigtes Zulassungsverfahren. In der Pandemie fehlt es an Zeit. Da müssen alle ein wenig unbürokratischer denken. Es geht um die Gesundheit von Menschen.“

Protokoll: Miriam Hollstein

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