Corona-Mutationen: Varianten breiten sich in Deutschland aus

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Am 23. März verkündet der Berliner Senat, dass Eltern und Kinder als “Testhelfer” dazu beitragen sollen, den Verlauf der Pandemie zu verlangsamen. Die Expertenmeinungen gehen auseinander.

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Berlin  Die Mutanten des Coronavirus fassen in Deutschland Fuß. Die Übersicht zeigt, welche Varianten sich am stärksten ausgebreitet haben.

  • Mehrere Mutanten des Coronavirus breiten sich schnell in Deutschland aus
  • Im Fokus stehen Corona-Mutanten, die in Großbritannien, Südafrika, Frankreich und Brasilien verbreitet sind
  • Der Anteil der britischen Virusmutation in Deutschland steigt immer mehr
  • Welche mutierten Virus-Varianten sind in Deutschland auf dem Vormarsch? Wir geben einen Überblick

Ein Licht am Ende des Tunnels ist seit dem Start der Impfungen gegen das Coronavirus zwar in Sicht - es leuchtet aber noch in weiter Ferne, da es einige Zeit dauern wird, bis ein großer Teil der Bevölkerung in Deutschland ein Vakzin erhalten hat. Dazu kommen gefährliche Mutationen von Sars-Cov-2, die sich immer schneller in Deutschland ausbreiten.

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Mutationen von Viren sind grundsätzlich völlig normal: Es handelt sich dabei um spontane Veränderungen der Eigenschaften des Virus. Allerdings könnten die neuen Varianten von Sars-Cov-2 während der Pandemie zum Problem werden - schließlich haben sich einige Mutanten als ansteckender und gefährlicher erwiesen.

Neben der britischen Mutation breiten sich sowohl der brasilianische, französische als auch der südafrikanische Typ aus. In Afrika und Brasilien wurden zuletzt weitere neue Mutationen des Wildtyps entdeckt. Welche Corona-Mutationen wurden bereits in Deutschland nachgewiesen?

Britische Mutation in Deutschland am häufigsten nachgewiesen

Die britische Mutante B.1.1.7 gilt als deutlich ansteckender als die ursprüngliche Sars-Cov-2-Variante - und sie verbreitet sich zunehmend in Deutschland. Virologe Christian Drosten hatte den Anteil der britischen Mutation in seinem NDR-Podcast "Coronavirus-Update" bereits Anfang März auf rund 50 Prozent geschätzt. "Der Anteil wird steigen, das ist unausweichlich. Wir wissen, dass die Verbreitungsfähigkeit dieser britischen Variante höher ist", sagte Drosten seinerzeit. Lesen Sie hier: Christian Drosten ist "positiv überrascht" - und mahnt

Mittlerweile hat B.1.1.7 den Wildtyp tatsächlich nahezu verdrängt. Die Vermutung bestätigt ein am 31. März erschienener Bericht des Robert Koch-Instituts (RKI). Demnach betrug der Anteil der britischen Mutation B.1.1.7. in darauf untersuchten, positiven Proben 88 Prozent. Damit stellt die britische Variante die am meisten verbreitete Mutante in Deutschland dar.

Nach Angaben des RKI gibt es Hinweise darauf, dass die Mutation auch mit einer erhöhten Sterblichkeitsrate einhergehen könnte. Auch interessant: Was wir wirklich über die Virusmutation wissen

Neue britische Mutante erstmals in Deutschland nachgewiesen

Am 8. März wurde nach Informationen des RBB eine weitere britische Mutation in Deutschland nachgewiesen. Bei einer Person aus Sachsen wurde im Testzentrum am Berliner Flughafen BER die Corona-Mutation B.1.525 festgestellt.

B.1.525 ähnelt der britischen Mutation. Die neue Variante des Coronavirus weist allerdings noch die Mutation eines Proteins auf, die der südafrikanischen und brasilianischen Variante ähnelt, berichtet das Team von Prof. Dr. Ravindra Gupta von der University of Cambridge. Sie soll etwa doppelt so ansteckend sein wie die Wildvariante des Coronavirus.

Im März berichtete die "Pharmazeutische Zeitung" von etwa 280 Fällen in 19 Ländern, unter anderem in Großbritannien und Dänemark. Prozentual stammen die meisten Nachweise aus Nigeria - dort wurde die Mutation in einem Viertel der sequenzierten Proben nachgewiesen. In Deutschland wurden bis zur 11. Kalenderwoche 183 Fälle nachgewiesen.

Auch die südafrikanische Mutation gibt es in Deutschland

Deutlich seltener wurde bislang die in Südafrika entstandene Mutation B.1.351 in Deutschland nachgewiesen. 2020 gab es in Deutschland neun, am 3. März 2021 schon mindestens 669 Fälle. Allerdings macht diese Variante bundesweit nur einen Bruchteil der Neuinfektionen aus - hierzulande ist sie sogar rückläufig: Laut RKI lag der Anteil dieser Mutation in der 12. Kalenderwoche 2021 mit 365 bestätigten Fällen bei nur 0,8 Prozent.

  • Das RKI weist darauf hin, dass auch diese Variante mit einer höheren Übertragbarkeit einhergehe, wie erste Untersuchungen gezeigt hätten.
  • Zudem ließen erste Studien vermuten, dass es einen verminderten Schutz durch neutralisierende Antikörper gegen B.1.351 bei Geimpften oder zuvor mit der ursprünglichen Sars-Cov-2-Variante Infizierten geben könnte.
  • Laut RKI ist die Ausbreitung der Variante B.1.351 weltweit und auch in Deutschland insgesamt gering.

Lesen Sie hier: So gefährlich ist die neue Corona-Mutation für Kinder

Die erst kürzlich neu entdeckte Variante in Afrika wurde noch nicht in Deutschland nachgewiesen. Die neue Mutante weise bis zu 40 Mutationen auf und sei bei Reisenden aus Tansania in Angola entdeckt worden, teilte der Leiter der Africa CDC, John Nkengasong mit.

Brasilianische Corona-Mutation: Erste Fälle in Deutschland

Bei der zunächst in Brasilien aufgetauchten Mutante B.1.1.28 gab es den Angaben des Bundesgesundheitsministeriums zufolge bis Ende Januar 2021 in Deutschland drei Fälle, die alle in diesem Jahr entdeckt wurden.

  • Auch bei der brasilianischen Sars-Cov-2-Variante wird von einer erhöhten Übertragbarkeit ausgegangen, wie das RKI mitteilt.
  • Zur Diskussion stehe ebenfalls eine mögliche reduzierte Wirksamkeit neutralisierender Antikörper bei Geimpften sowie Genesenen.

Für Aufsehen sorgt besonders die Amazonas-Mutante P.1 (501Y.V.3). Diese südamerikanische Corona-Variante stammt laut RKI von der Mutante B.1.1.28 ab:

  • Die im Amazonas entstandene Corona-Variante ist brasilianischen Regierungsangaben zufolge dreimal ansteckender als das ursprüngliche Virus.
  • Der brasilianische Gesundheitsminister Eduardo Pazuello geht davon aus, dass die Impfstoffe auch bei der Mutante P.1 wirksam sind.
  • Hierzulande wurde die Amazonas-Variante P.1 bis Kalenderwoche 12 laut RKI 46-mal nachgewiesen.

Die brasilianische Forschungseinrichtung "Instituto Butantan" hatte bekannt gegeben, dass der Impfstoff CoronaVac gegen die Amazonas-Variante des Coronavirus getestet werden würde, aber noch keine Ergebnisse vorgelegt. Das chinesische Unternehmen SinoVac hat den Impfstoff zusammen mit der renommierten Einrichtung in São Paulo entwickelt. Lesen Sie hier: Corona: Was die brasilianische Mutante so gefährlich macht

Eine vor Kurzem in Brasilien entdeckte Mutante ähnele dem ursprünglich in Südafrika gefundenen Typus B 1.3.5.1 und sei bei einer 34-jährigen Frau entdeckt worden, die leichte Symptome aufwies. Das berichtete das Nachrichtenportal „G1“.

Französische Corona-Mutation: Einzug in Deutschland soll gestoppt werden

Die Mutationen sind auch im Department Moselle auf dem Vormarsch. Alleine im März wurde laut "Pharmazeutische Zeitung" eine neue Variante entdeckt: Bei acht Personen in Frankreich soll eine neue Mutation des Coronavirus aufgetaucht sein, die nicht durch PCR-Tests nachgewiesen werden könne. Die "bretonische Variante" sei durch Sequenzierung der Abstriche entdeckt worden. Die Variante habe sich aus dem Typ 20C entwickelt.

Dass die Variante durch PCR-Tests nicht erkannt werden könne, relativierte Virologin Sandra Ciesek allerdings in Podcast-Folge 81 des "Coronavirus Updates" des NDR. Ihre Vermutung: Die Patienten, bei denen die Variante durch PCR-Tests nicht nachweisbar waren, wurden so spät getestet, dass das Virus schlichtweg bereits aus dem oberen Atemwegstrakt tief in die Lunge gewandert war. Der Erreger sei im späteren Verlauf der Erkrankung eben "oft nur noch im Sputum oder in einer Spülung aus der Lunge, wenn man bronchoskopiert hat, nachweisbar", nicht aber im Rachen.

"Die ersten Analysen dieser neuen Variante lassen nicht den Schluss zu, dass sie ernster oder übertragbarer ist als das ursprüngliche Virus", teilte das französische Gesundheitsministerium mit. Die Gesundheitsbehörden stuften die Variante als "Variant under Investigation" ein, also eine genau zu beobachtende.

Frankreich hat auf die verschärfte Lage in der Grenzregion reagiert. Im Departement Moselle soll es wegen der hohen Anzahl von Corona-Infektionen mit neuen Mutanten mehr Impfungen und Tests geben. Gemäß der Coronavirus-Schutzverordnung besteht ein Beförderungsverbot im grenzüberschreitenden Eisenbahn-, Bus-, Schiffs- und Flugverkehr für Personen aus Virusvarianten-Gebieten nach Deutschland. Lesen Sie hier: Einzug von Mutationen aus Frankreich soll gestoppt werden

Corona-Mutationen in Deutschland: Ist die Impfung jetzt unwirksam?

Das "Ärzteblatt" erklärt, dass Laborexperimente auf die verminderte Schutzwirkung durch neutralisierende Antikörper bei mutierten Viren hingewiesen hätten: Die Mutanten zeigten Veränderungen der Rezeptorbindungsstellen des Spikeproteins. Dies führe dazu, dass Antikörper "ins Leere" griffen, wenn sie den Eintritt des mutierten Virus in die Zellen verhindern wollen.

Allerdings würden sowohl Geimpfte als auch Genesene über eine Vielzahl von Antikörpern verfügen, die an vielen anderen Stellen gegen das Eindringen von Sars-Cov-2 kämpfen und das Virus somit auch anderweitig abfangen könnten. Eine Gefahr sei dennoch gegeben.

Auch Virologe Christian Drosten fand im NRD-"Coronavirus Update" Ende März beruhigende Worte. Der "Schutz gegen den schweren Verlauf ist allemal gegeben durch die jetzigen Impfstoffe. Wir haben Hinweise darauf, dass der Impfschutz besser ist als der Schutz durch die natürliche Infektion", sagte Drosten. Und weiter: "Deswegen ist nicht zu erwarten, dass wir jetzt einen vollkommenen Wirkungsverlust der Impfungen haben oder dass wir in einen strategischen Fehler machen, wenn wir die jetzigen Impfstoffe verwenden."

Wie das RKI schreibt, werden die Auswirkungen von Virusmutationen auf Impfungen oder durchgemachte Corona-Infektionen aktuell in zahlreichen wissenschaftlichen Studien untersucht.

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Geimpfte Senioren mit britischer Corona-Mutante infiziert

In einem niedersächsischen Pflegeheim wurde über ein Dutzend bereits geimpfter Senioren positiv auf die britische Mutante B.1.1.7 getestet. Dies ist nach Einschätzung des Generalsekretärs der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, aber "nicht besorgniserregend". Der Fall zeige, "dass die Impfung funktioniert", erklärte er. Die Aufgabe der Impfung sei, schwere Verläufe zu verhindern - und die habe es in dem Heim zunächst nicht gegeben. Die britische Variante bereite ihm in Bezug auf die Impfung "am wenigsten Kopfschmerzen".

"Die vorhandenen Vakzinen schützen bislang alle vor schwerer Krankheit und Tod", betont auch auch der Gießener Virologe Friedemann Weber. Man könne nun zwar annehmen, dass bei Mutationen der Impfschutz in Bezug auf die Symptomatik etwas sinke und es schwerere Verläufe geben könne. Aber: "Ein Stück weit schützt die Impfung immer."

Wie werden Corona-Mutationen in Deutschland nachgewiesen?

Anfangs wurde in Deutschland nur vereinzelt nach mutierten Sars-Cov-2-Varianten gesucht. Seit Mitte Januar gilt allerdings eine Verordnung des Bundesgesundheitsministeriums, mit der die sogenannte Sequenzierung vorangetrieben werden soll. Dadurch können mutierte Viren aufgespürt werden.

Werden pro Woche mehr als 70.000 Neuinfektionen gemeldet, werden demzufolge künftig fünf Prozent der Proben auf Mutationen untersucht.

Sinkt die Zahl der Neuinfektionen unter diesen Wert, sollen zehn Prozent in den dafür vorgesehenen Laboratorien und Einrichtungen sequenziert werden.

(mit afp/dpa)

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