Corona: Jens Spahn will keine Sonderrechte für Geimpfte

Berlin.  Am Sonntag haben bundesweit die Impfungen begonnen. Nicht überall lief es glatt. Europa debattiert, ob die Geimpften Privilegien erhalten sollen.

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Bundesweiter Impfstart gegen Corona

Am Sonntag nach Weihnachten hat das erste von sechs Impfzentren in Berlin eröffnet. Wie viele Menschen man gegen SARS-Cov-2 impfen kann, hängt davon ab, wie viel Impfstoff demnächst zur Verfügung steht. Es wird keine Impfpflicht geben, betonte die Berliner Gesundheitssenatorin.

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In Polen war es eine Krankenschwester, in Dänemark ein Oberarzt, in Deutschland die Bewohnerin eines Seniorenheims. Am Sonntag ist europaweit mit den ersten Impfungen gegen das Coronavirus begonnen worden.

Dabei war Sachsen-Anhalt vorgeprescht: Die 101-jährige Edith Kwoizalla aus Halberstadt hatte als erste Deutsche das Vakzin bereits am Samstagnachmittag noch vor dem offiziellen Impfstart bekommen. Man habe keine Zeit verschwenden wollen, begründete ein Sprecher des regionalen Impfstabes die Aktion. Der alten Dame geht es gut.

Am Sonntagmorgen starteten bundesweit die mobilen Impfteams, die direkt in Alten- und Pflegeheime fuhren. Die insgesamt 442 Impfzentren werden überwiegend erst im Januar den Betrieb aufnehmen. In zwei Landkreisen in Bayern kam es zu Pannen, die mit der Kühlkette des Impfstoffs zusammenhingen. Der Impfstart musste dort auf Montag verschoben werden.

Corona-Impfstart: Gesundheitsminister Spahn zuversichtlich

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) nannte den Impfbeginn einen „hoffnungsvollen Tag für Europa“. Bis Ende des Jahres sollen bis zu 1,3 Millionen Impfdosen ausgeliefert sein. Ab Januar kommen wöchentlich fast 700.000 weitere Dosen hinzu. Im 1. Quartal 2021 könnten so über zehn Millionen Dosen verimpft werden.

Wenn in den ersten Januartagen auch der Impfstoff der Firma Moderna zugelassen wird, könnten bis Ende April 2021 noch einmal 1,5 Millionen Dosen hinzukommen. Spahn hofft deshalb, schon Mitte des Jahres „jedem, der will“ ein Impfangebot machen zu können.

Für Durcheinander sorgte die Frage, wie man sich impfen lassen kann. Denn das legen die Bundesländer selbst fest. In manchen werden die Betroffenen schriftlich informiert, in anderen muss man selbst telefonisch oder über eine App nachfragen. Es gibt eine bundesweit einheitliche Telefonnummer 116117, über die aber derzeit keine Impftermine erhältlich sind. Die dazugehörige Webseite (www.116117.de) verweist auf spezielle Infoseiten der Bundesländer. Ab Januar soll vielerorts auch eine Online-Anmeldung möglich sein.

Debatte: Wird es Privilegien für Immunisierte geben?

Mit Beginn der Impfungen ist die Debatte neu entbrannt, ob Geimpfte Sonderrechte erhalten sollten. In Großbritannien ist ein „Freedom Pass“ im Gespräch: Mit diesem könnten Menschen nach der Impfung einen privilegierten Zugang, zum Beispiel zu Kulturveranstaltungen, erhalten.

In Deutschland stößt diese Überlegung überwiegend auf Ablehnung. "Viele warten solidarisch, damit einige als erste geimpft werden können. Und die Noch-Nicht-Geimpften erwarten umgekehrt, dass sich die Geimpften solidarisch gedulden“, sagte Bundesgesundheitsminister Spahn dieser Redaktion: „Keiner sollte Sonderrechte einfordern, bis alle die Chance zur Impfung hatten. Diese gegenseitige Rücksicht hält uns als Nation zusammen.“

Zuvor hatte sich bereits Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) gegen Privilegien für Geimpfte ausgesprochen. "Eine Unterscheidung zwischen Geimpften und Nicht-Geimpften kommt einer Impfpflicht gleich. Ich bin aber gegen einen Impfzwang", sagte der CSU-Politiker der "Bild am Sonntag". Auch der SPD-Gesundheitsexperte und Epidemiologe Karl Lauterbach ist gegen Sonderrechte nach Impfungen. „Privilegien für die Geimpften sind weder kontrollierbar noch gut zu rechtfertigen“, sagte der Mediziner unserer Redaktion.

Nicht ausgeschlossen, dass Geimpfte andere anstecken können

„Im Übrigen ist nicht auszuschließen, dass Geimpfte andere noch anstecken können.“ Er appellierte eindringlich an die Bundesregierung, eine schnellere Corona-Impfung zu ermöglichen. „Wir müssen einen großen Teil der Bevölkerung impfen, bevor sich das Virus so stark verändert, dass die Impfung möglicherweise nicht mehr wirkt.“ Dafür müsse in Deutschland die Impfstoffproduktion beschleunigt werden ­– zum Beispiel durch eine Lizenzproduktion, bei der mit Erlaubnis des Herstellers andere Firmen dasselbe Produkt herstellen.

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) hält eine Debatte über mögliche Vorteile für Geimpfte für verfrüht. „Über mögliche Vorteile von Geimpften sollte erst dann qualifiziert diskutiert und entschieden werden, wenn alle Impfwilligen überhaupt die Chance gehabt haben, sich impfen zu lassen. Vorher nicht“, sagte die Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges. Im Übrigen müsse rechtlich geklärt werden, ob es Gastwirten überhaupt erlaubt wäre, sich einen Impfausweis vorzeigen zu lassen.

Pandemie: Was ist während der Impfphase zu beachten?

Der Deutsche Städtetag warnte davor, mit dem Impfstart zu hohe Erwartungen zu verbinden. "Wir sind in den Städten sehr erleichtert, dass jetzt mit den Impfungen begonnen werden kann. Es ist ein Anfang gemacht, aber der Spuk mit dem gefährlichen Coronavirus ist noch nicht vorbei“, sagte Städtetagspräsident Burkhard Jung dieser Redaktion. "Die Infektionslage ist aktuell weiterhin besorgniserregend.“

Die Menschen sollten „erst dann mit den Impfzentren oder Ärzten Kontakt aufnehmen, wenn genügend Impfstoff da ist und zur Terminvereinbarung aufgerufen wird“, appellierte der Leipziger Oberbürgermeister. „Die Mitarbeitenden an der zentralen Rufnummer 116117 sowie an den Corona-Hotlines der Städte und Kreise dürfen nicht durch Terminanfragen belastet werden, solange eine Terminvergabe mangels Impfdosen nicht möglich ist.“

Am Sonntag hatte das Robert-Koch-Institut 13.755 neue Corona-Fälle und 356 Verstorbene gemeldet. Diese Zahlen sind allerdings nur bedingt aussagekräftig, da es aufgrund der Feiertage zu verzögerten Meldungen und weniger Tests kommt.

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