Ruth Westheimer lässt auch mit 92 keine Langeweile zu

Essen.  Ruth Westheimer (92), die amüsanteste Aufklärerin in Sachen Sex, spricht über ihre neue Kino-Doku, und ihr Verhältnis zu Deutschland.

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Sie ist die unermüdlichste und amüsanteste Aufklärerin in Sachen Sex. Jetzt würdigt die Kino-Dokumentation „Fragen Sie Dr. Ruth“ Leben und Leistungen von Ruth Westheimer. Und wer glaubt, die 92-Jährige würde sich jetzt aufs Altenteil zurückziehen, irrt. Jemand, der vor den Nazis entkam, für Israel kämpfte und Millionen zu sexueller Erfüllung half, der rastet nicht.

Es dürften anstrengende Zeiten für Sie sein. Ihr Wohnort New York war eines der Zentren der Pandemie, die USA werden von politischen Verwerfungen zerrissen, und die Sommertemperaturen in Manhattan sind heftig...

Ruth Westheimer: Aber mir geht es glänzend. Gerade habe ich 15 Minuten eines Animationsfilms über mein Leben gesehen. Die Dokumentation über mich läuft in 19 deutschen Städten, darunter in Karlsruhe, wo mein Mann herkommt, und in Frankfurt, wo ich herstamme. Mein Buch „Himmlische Lust“ über Liebe und Sex in der jüdischen Kultur wird neu aufgelegt. Und gerade bekam ich mit Federal Express die wunderbare Medaille für alle ehemaligen Mitglieder der Haganah, der paramilitärischen Untergrundorganisation vor der Gründung Israels.

Bei allen Ihren Verdiensten um die sexuelle Befreiung vergisst man schnell, dass Sie im Krieg um Israels Unabhängigkeit kämpften.

Westheimer: Zum Glück habe ich nie jemand erschießen müssen. Ich hätte es getan, wenn mich jemand angegriffen hätte. Aber ich bin froh, dass ich durchs Leben gehen kann, ohne jemand getötet zu haben. Dann wurden meine beiden Füße durch eine Granate schwer verletzt, aber ein jüdischer Arzt aus Deutschland hat die gut zusammengeflickt. So konnte ich die ganze Nacht in Jerusalem durchtanzen, als Ben Gurion Israel zum Staat erklärte. Ich kann heute noch seine Stimme hören.

Mit Ihrer jüdischen Herkunft erklärten Sie ja auch Ihren entspannten Umgang mit Sex.

Westheimer: Richtig. Denn in der jüdischen Tradition war der Umgang mit Sex nie eine Sünde. Da konnte ich eben offen über Penis und Vagina und all diese Themen sprechen. Außerdem habe ich von der bedeutenden Sexualtherapeutin Helen Singer Kaplan eine ausgezeichnete Ausbildung bekommen.

Sind Sie gläubig?

Westheimer: Sehr. Meine Großmutter beendete jeden Brief mit: „Vertraue auf Gott.“ Ich gehöre zwei Synagogen an. Heute abend um sechs wird meine Tochter Miriam die Übertragung von einer davon einstellen, und dann höre ich mir das an, weil die eine wunderbare Musik haben. Aber ich bin nicht so fromm, dass ich am Sabbat nicht arbeite. Weil ich bewusst jüdisch bin, bin ich auch sehr besorgt über den Antisemitismus in Amerika. Am Teacher’s College an der Columbia University, wo ich unterrichte, hat jemand ein Hakenkreuz auf die Tür einer Psychologin gemalt. Ich habe das selbst nicht gesehen, aber ich hätte das nie für möglich gehalten. Das hat mich schon sehr aufgewühlt.

Doch gegenüber Deutschland, das Sie als Kind vor den Nazis verlassen mussten, haben Sie offenbar ein positives Verhältnis...

Westheimer: Mit den jungen Deutschen habe ich kein Problem. Wie viele von euch sind nach Israel, um in Friedenszeiten zu helfen! Ich bin auch Adenauer für die Wiedergutmachung dankbar, und ich hoffe, dass ich bald wieder nach Deutschland fahren kann.

In Ihrer Heimat USA geht allerdings politisch viel drunter und drüber.

Westheimer: Wenn man wie ich die ganze Zeit über Sex redet, muss man sich aus der Politik draußenhalten. Natürlich habe ich meine Meinung und wähle. Und der Tod von George Floyd hat mich sehr aufgeregt, deshalb ging ich auch demonstrieren.

Sie haben ungezählten Personen mit Ihrer vorurteilslosen Art beim Thema Sex geholfen. Aber wie war das eigentlich bei Ihren beiden Kindern?

Westheimer: Die habe ich nie einbezogen. Ich habe bei Ihnen auch keine sexuelle Aufklärung betrieben. Das habe ich anderen überlassen, und das war sehr klug so. Auch bei meinen Enkeln habe ich mich nicht eingemischt. Natürlich wussten alle, was ich mache, aber ich habe meinen Job immer außen vor gelassen. Ich habe nie über mein sexuelles Leben gesprochen und auch nie versucht, etwas vom sexuellen Leben meiner Enkel und Kinder zu erfahren.

Werden Sie mit 92 manchmal müde?

Westheimer: Ich habe da ein einfaches Rezept. Ich schlafe bis 10 Uhr morgens. Vorher darf mich niemand anrufen. Denn ich gehe erst um Mitternacht ins Bett, weil ich so beschäftigt bin. Und genau deshalb fühle ich mich gut. Es wäre schrecklich, wenn ich mit 92 dasitzen würde und mich langweile.

• Erfahren Sie mehr über Ruth Westheimer in diesem Text, der 2018 zu ihrem 90. Geburtstag erschien: „Dr. Ruth“ – Amerikas bekannteste Sex-Therapeutin wird 90

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