Gero von Boehm: „Die Zuschauer wurden zu lange unterfordert“

Berlin.  Im Interview spricht Gero von Boehm über sein neues Helmut-Newton-Porträt, seine Interview-Technik und die Zukunft des Fernsehens.

Gero von Boehm liefert in einer neuen Doku intime Einblicke in das Leben des Star-Fotografs Helmut Newton.

Gero von Boehm liefert in einer neuen Doku intime Einblicke in das Leben des Star-Fotografs Helmut Newton.

Foto: imago stock / imago/teutopress

Gero von Boehm ist einer der profiliertesten Interviewer des deutschen Fernsehens. Mit dem Dokumentarfilm „Helmut Newton – The Bad and the Beautiful“ (ab 9. Juli im Kino), das intime Einblicke in das Leben der Fotografen-Ikone bietet, aber auch kritische Blicke nicht scheut, zeigt er seine Porträtkunst im Kino. Allerdings werden die großen Legenden langsam rar. Doch der 66-Jährige ist keineswegs pessimistisch, dass er für seine Stoffe künftig ein Publikum findet.

In Ihrer Dokumentation meint Helmut Newton, er würde sich mehr für die Oberfläche eines Menschen und nicht so sehr für dessen Seele interessieren. Für was interessieren Sie sich?

Gero von Boehm: Ich würde schon sagen, dass ich mich für die Seele meiner Porträtpartner interessiere, ganz besondere für deren Brüche. Ich möchte eine Essenz herausarbeiten, die auch weiterhin gültig bleibt. Andererseits ist auch die Oberfläche wichtig. Wobei es Koketterie ist, wenn Newton das sagt. Er hat ja großartige Porträts gemacht – ob Helmut Kohl vor der Eiche, Liz Taylor im Swimming Pool oder LePen mit seinen Hunden – in denen er ziemlich weit in die Seele vorgedrungen ist.

Wann glauben Sie zu wissen, dass Sie die Essenz eines Menschen eingefangen haben?

von Boehm: Wenn er vor einer Antwort ein bisschen länger schweigt. Das sind manchmal zehn Sekunden, manchmal aber auch 30. Da habe ich das Gefühl: Jetzt hast du ihn zum Denken gebracht, jetzt kommt was Interessantes.

Bei Ihren Gesprächen mit Helmut Newton hat das ja gut funktioniert. Aber gab es Fälle, wo sich Interviewpartner verweigerten?

von Boehm: Bei Roman Polanski gab es eine problematische Situation, weil ich ihn nach seiner Affinität zu jungen Mädchen fragte. Da hatte er schon die Hand am Mikro, um sich das abzureißen und aufzustehen. Ich habe ihn lange angeschaut mit dem Gesichtsausdruck ‚Lieber doch sitzen bleiben’. Dann hat er sich doch erklärt: Weil er immer ganz klein war und so jung aussah, hatte er Angst vor gleichaltrigen Mädchen und suchte sich immer Jüngere.

Peter Handke wollte alles abbrechen, als ich ihn nach seiner Mutter fragte, die sich umgebracht hat. Aber zum Glück hat er es sich dann doch nochmal anders überlegt.

Künstler wie Newton sind legendäre Charakterköpfe. Gibt es die heute noch in der modernen Multimedia-Welt mit ihren zigtausend Kanälen?

von Boehm: Natürlich gibt es die noch, aber man findet sie nicht mehr so leicht. Es wird dünner. Wenn ich mir so die Liste der Leute vor Augen führe, die ich gemacht habe, von Loriot über Arthur Miller bis zu Ernst Jünger – wo sind die alle? Auch die erfolgreichsten Sender im Popbereich spielen den ganzen Tag Musik aus den 70ern, 80ern oder 90ern. Es gibt ein so irrsinnig breites Angebot, dass man Perlen nicht mehr so leicht findet.

Sie realisieren Dokumentationen für Sendungen wie „Terra X“ oder unlängst eine Reihe zum Unesco-Welterbe. Wird es in kurzlebigen Zeiten wie diesen noch ein Publikum für das klassische Bildungsfernsehen geben?

von Boehm: Ja, das sehen wir jeden Sonntag bei „Terra X“. Da überschlagen sich die Leute auf Facebook: „Endlich erfahren wir etwas.“ Die Folgen zum Unesco-Welterbe hatten jeweils 4,5 Millionen Zuschauer. Aber man muss solche Geschichten anders aufbereiten, muss Zusammenhänge kurz und unterhaltsam erklären. Da kann man nicht mehr 60 oder 45 Minuten nur zu einem Thema machen.

Und Sie glauben auch nicht, dass das klassische Fernsehen dem Streaming oder Kanälen wie YouTube weichen wird?

von Boehm: Solange es diese Millionen gibt, die da zuschauen, hat das lineare Fernsehen immer noch eine Zukunft. Es ist einfach etwas Anderes, wenn ich zu einer bestimmten Zeit eine Sendung einschalte. Das sorgt für ein Kribbeln, das sich auch bei jungen Leuten bis auf Weiteres einstellen dürfte.

Wobei ich auch spezielle Versionen für YouTube mache, die sehr viele Klicks bekommen. Es gab eine Zeit lang die Tendenz, die Leute zu unterfordern. Aber das kehrt sich jetzt wieder um. Denn die Leute wollen Inhalt. Wir haben sie zu lange unterfordert. Lieber ein bisschen überfordern.

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