Tönnies: Alle Mitarbeiter in Rheda-Wiedenbrück in Quarantäne

Gütersloh.  In der Tönnies-Fleischfabrik haben sich Hunderte Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert. Nun hilft die Bundeswehr bei Massentests.

Corona-Massenausbruch: Zustände in der Fleischbranche im Fokus

Der Corona-Massenausbruch beim Fleischkonzern Tönnies heizt die Debatte um die Arbeitsbedingungen in der Branche weiter an. Insbesondere die Werkverträge mit ausländischen Arbeitnehmern stehen in der Kritik.

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Es ist erst einen guten Monat her, da reagierte Clemens Tönnies empfindlich auf den Vorwurf, die Fleischbranche sei besonders anfällig für Corona-Infektionen. „Ich wundere mich, dass unsere Branche hier unter Generalverdacht gestellt wird“, sagte Deutschlands größter Fleischproduzent damals im Interview mit dem „Westfalenblatt“.

Zuvor waren beim Konkurrenten Westfleisch im Kreis Coesfeld 120 Mitarbeiter positiv auf Corona getestet worden. Das nordrhein-westfälische Arbeitsministerium erließ eine Reihe von Hygienevorschriften für Schlachthöfe, an die sich auch Tönnies halten musste.

Genützt hat es dem Schlachtbetrieb offenbar wenig. Bisher wurden 803 Corona-Neuinfektionen registriert – und noch liegen nicht alle Ergebnisse vor. Die Reihentestung in dem Betrieb wird laut Behörden voraussichtlich bis kommenden Dienstag dauern.

Alle Mitarbeiter am Standort Rheda-Wiedenbrück müssen in Quarantäne. Das betreffe auch die Verwaltung, das Management und die Konzernspitze, teilte der Kreis Gütersloh am Freitagabend mit. Allerdings sollen einige Mitarbeiter in sogenannte Arbeitsquarantäne gehen. Das heißt, dass sie sich nur zwischen Arbeits- und Wohnort bewegen dürfen. Das gilt auch für Clemens Tönnies, Gesellschafter von Deutschlands größtem Schlachtbetrieb.

Nach Corona-Ausbruch bei Tönnies: Bundeswehr hilft bei Massentests

Und dabei soll die Bundeswehr helfen. Am Freitagnachmittag trafen 25 Soldaten aus Augustdorf im benachbarten Kreis Lippe und aus Rheinland-Pfalz beim Werk in Rheda-Wiedenbrück ein. Der Sprecher der Bundeswehr in Nordrhein-Westfalen, Uwe Kort, teilte weiter mit: „Es wurden Absperrungen und Zäune aufgebaut.“ 13 der Soldaten sind als Sanitätssoldaten vor Ort, zwölf zur Dokumentation.

Den Tönnies-Schlachthof hat es nun also viel stärker getroffen als den Konkurrenten Westfleisch. Entsprechend kleinlaut ist die Reaktion des Betriebs: „Wir können uns nur entschuldigen“, sagte Tönnies-Sprecher André Vielstädte am Mittwoch vor der Presse. Der Landrat des Kreises Gütersloh, Sven-Georg Adenauer (CDU), verfügte die vorübergehende Schließung des Schlachthofs.

So funktioniert die Corona-App
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Kreis Güterslohn will alle Schulen und Kitas bis zu den Sommerferien schließen

Der Corona-Ausbruch hat nicht nur Folgen für den Schlachtbetrieb, sondern den ganzen Landkreis: Alle Schulen und Kitas sind nun bis zu den Sommerferien geschlossen. Die Schließung sei ein „probates Mittel“, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen, sagte Landrat Adenauer. Er wisse, dass Eltern „jetzt sauer sind“, da die Schule teilweise gerade erst wieder angefangen habe.

Ein allgemeiner Shutdown des Landkreises werde aber nicht erwogen, sagte Adenauer – obwohl die entscheidende Marke von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen deutlich überschritten sei. Aber die Schließungen seien ein milderes Mittel als ein kompletter Shutdown des Kreises. Trotzdem: Die Angst vor einem zweiten Lockdown wächst.

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) erklärte in Düsseldorf, nun müsse verhindert werden, dass sich erneut ein Corona-Hotspot wie in Heinsberg entwickle, wo im März nach einer Karnevalsfeier eine Pandemielage entstand.

Das NRW-Gesundheitsministerium stuft den Corona-Ausbruch weiter als lokales Ereignis ein. „Daher stehen insbesondere betriebsbezogene Maßnahmen im Fokus“, sagte das Ministerium am Freitag. Das Ministerium und die örtlichen Behörden analysierten und bewerteten die Situation im Kreis Gütersloh sehr genau.

Auch der benachbarte Kreis Paderborn stellte 54 Beschäftigte der Firma Tönnies, die in seinem Gebiet wohnen, unter häusliche Quarantäne. Seit Donnerstag seien dort fünf Corona-Neuinfektionen mit Bezug zu Tönnies im rund 70 Kilometer entfernten Rheda-Wiedenbrück verzeichnet worden. Landrat Manfred Müller habe deshalb vorsorglich eine 14-tägige Quarantäne ab Samstag angeordnet.

Was ist die Ursache des Corona-Ausbruchs bei Tönnies?

Zur Ursache des Ausbruchs konnten die Vertreter des Unternehmens nur mutmaßen: Mitarbeiter seien aus dem Heimaturlaub in Rumänien und Bulgarien zurückgekehrt und könnten von dort das Virus eingeschleppt haben.

Möglicherweise hätten sie das lange Wochenende rund um Fronleichnam – ein Feiertag in NRW – für einen schnellen Heimatbesuch genutzt, sagte Gereon Schulze Althoff, Leiter des Pandemie­stabs bei Tönnies. Ein weiterer Grund für die schnelle Ausbreitung sei die Arbeit in den gekühlten Räumen, die dem Virus ideale Bedingungen bieten.

Inzwischen sind bei der Staatsanwaltschaft Bielefeld fünf Strafanzeigen eingegangen. Darunter sei auch eine Anzeige der Bielefelder Bundestagsabgeordneten Britta Haßelmann (Grüne), sagte Oberstaatsanwalt Martin Temmen am Freitag. Ermittelt werde jetzt gegen Unbekannt wegen des Anfangsverdachts auf fahrlässige Körperverletzung und Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz.

Werkverträge und Leiharbeit erschweren Kontrollen

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) unterstützte die Tönnies-Theorie, dass Heimkehrer aus Bulgarien und Rumänien für den Ausbruch verantwortlich seien, „und da der Virus herkommt“. Mit den Lockerungen habe das nichts zu tun, verteidigte er gegenüber dem ZDF seine Corona-Politik, sondern eher mit der Unterbringung von Menschen in Unterkünften und den Arbeitsbedingungen in Betrieben.

Für Verbände und Vertreter der SPD und der Grünen ist der massive Ausbruch beim Marktführer Tönnies ein Zeichen für die Anfälligkeit der Branche. Die Praxis, Leiharbeiter zu beschäftigen und Werkverträge zu schließen, habe zu einem undurchsichtigen Geflecht von Subunternehmen geführt, das Kontrollen systematisch erschwere oder gar unmöglich mache, sagte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) unserer Redaktion.

„Dieser organisierten Verantwortungslosigkeit werden wir einen Riegel vorschieben“, versprach der Minister. Ab dem 1. Januar 2021 „werden Werkverträge und Leiharbeit im Kernbereich der Fleischindustrie nicht mehr zugelassen“. Heil kündigte an, dass Fleischbetriebe künftig intensiver von den zuständigen Landesbehörden kontrolliert würden.

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter warf dem Arbeitsminister sowie der Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) vor, die Beschäftigten der Fleischindustrie im Stich gelassen zu haben: „Wo bleiben die großspurig angekündigten gesetzlichen Regelungen für den besseren Schutz der Beschäftigten, bessere Wohnbedingungen, mehr Hygiene und effektivere flächendeckende Kontrollen?“, kritisierte er die Regierung gegenüber unserer Redaktion. Die Gesundheit der Beschäftigten werde für die „Profite der Fleischbarone“ aufs Spiel gesetzt, das sei „unverantwortlich“.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach regte gegenüber unserer Redaktion an, nun flächendeckend in Deutschland ein Hygienekonzept für fleischverarbeitende Betriebe zu prüfen. Für ihn sind die hohen Zahlen von Infizierten nur damit zu erklären, dass viele Mitarbeiter auf das Tragen von Mund-Nasen-Schutzmasken verzichtet hätten.

Tierschützer: Tönnies blockiert überfällige Reformen

Für die Umweltschutzorganisation Greenpeace krankt „das ganze System Billigfleisch“. Es sei verantwortlich für die Ausbeutung von Arbeitskräften, für Tierleid, Klimagase und Waldzerstörung zum Anbau von Futtermitteln“, sagte Stephanie Töwe, Landwirtschaftsexpertin der Organisation, unserer Redaktion. Sie forderte mit Blick auf die Pandemie einen konsequenten Umbau der Fleischproduktion.

Unternehmen wie Tönnies blockierten seit Jahrzehnten überfällige Reformen wie zum Beispiel tierschutzgerechte Vorschriften zur Haltung: Missstände würden politisch toleriert und vor allem vom Bundeslandwirtschaftsministerium kleingeredet. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) forderte ebenso, dass „diesem kranken System nun endlich ein Ende gemacht wird“.

Für Tönnies ist erst einmal Schluss mit der Produktion. Die Schließung des Betriebs soll zehn bis 14 Tage dauern. „Wenn die Infektionszahlen runtergehen, kann es auch schneller gehen“, sagte Landrat Adenauer. In Rheda-Wiedenbrück werden nach Angaben von Tönnies pro Tag 20.000 Schweine geschlachtet und zerlegt. Tönnies will jetzt die Zahl der Schlachtungen an anderen Standorten erhöhen.

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