Coronavirus-Risikogruppen: Wer besonders gefährdet ist

Berlin.  Nach einer Coronavirus-Infektion kann die Lungenkrankheit Covid-19 lebensgefährlich werden. Wer das höchste Risiko in sich trägt.

Coronavirus: Diese Menschen sind besonders gefährdet

Das Alter hat einen großen Einfluss auf das Sterberisiko von Coronavirus-Infizierten. Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen sind besonders gefährdet.

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  • Wer zählt zur Risikogruppe für einen schweren Covid-19-Verlauf?
  • Britische Wissenschaftler veröffentlichten nun die größten Risikofaktoren: Alter, Geschlecht, Fettleibigkeit und Vorerkrankungen
  • Grundsätzlich gilt: Das Risiko einer schweren Erkrankung steigt ab 50 bis 60 Jahren stetig an
  • Experten und Expertinnen zufolge sind Menschen mit Grunderkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Krebs oder Atemwegserkrankungen anfälliger für einen schweren Verlauf
  • Bei älteren Menschen kommen oft zwei Dinge zusammen: Erstens nimmt die Stärke der körpereigenen Abwehr mit dem Alter ab, zweitens steigt die Wahrscheinlichkeit für andere Erkrankungen

Monate nach den ersten Covid-19-Fällen ist mittlerweile bekannt, dass es keinen typischen Krankheitsverlauf gibt: Manche Patienten und Patientinnen hatten nach der Infektion mit dem Coronavirus kaum Symptome, andere bekamen schwere Lungenentzündungen bis hin zum Lungenversagen. 8 bis 10 Prozent der gemeldeten Fälle wurden im Krankenhaus behandelt.

Doch welche Gruppen sind besonders gefährdet für einen schweren Verlauf?

Das Robert Koch-Institut (RKI) führt dazu einen Risikogruppen-Steckbrief, der laufend und anhand aktueller Studien aktualisiert wird. Auch britische Forschende haben Daten über Erkrankte gesammelt. Daraus haben sie nun die vier wichtigsten Risikofaktoren ermittelt. Lesen Sie hier die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wer ist Risikopatient bei einer Infektion mit dem Coronavirus?

Die britischen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen stellten anhand der Daten von 20.133 hospitalisierten Covid-19-Erkrankten aus Großbritannien die Top-Risikofaktoren zusammen: Alter, Fettleibigkeit, Vorerkrankungen und das männliche Geschlecht. Demnach haben stark übergewichtige Männer über 50 mit Vorerkrankungen ein höheres Risiko für einen schweren oder sogar tödlichen Verlauf der Lungenerkrankung Covid-19.

Die Ergebnisse decken sich mit Forschungen aus den USA oder China. Auch dort hieß es, schwere Verläufe kämen unter anderem bei älteren Menschen vor. Den chinesischen Daten zufolge sind es bereits Menschen ab 60 Jahren. Die meisten Todesfälle gab es in China aber bei Patienten und Patientinnen über 80.

Professor Uwe Liebert, Direktor der Virologie am Uniklinikum Leipzig, erklärte dazu: „Besonders Menschen ab 70 Jahren haben ein hohes Risiko für einen schweren Verlauf.“ Bei Älteren kämen oft zwei Dinge zusammen: Erstens nehme die Stärke der körpereigenen Abwehr mit dem Alter ab, zweitens steige die Wahrscheinlichkeit für andere Erkrankungen. „Gerade bei Atemwegserkrankungen ist die Lunge im Fall einer Infektion doppelt betroffen“, so Liebert.

Aber nicht nur Erkrankungen der Atemwege erhöhen das Risiko. Auch Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Autoimmunerkrankungen oder Diabetes sind anfälliger für einen schweren Verlauf – unabhängig vom Lebensalter.

„Bei Diabetikern zum Beispiel geht es nicht allein um eine Störung des Zuckerstoffwechsels“, sagt Liebert. Gefäße seien verändert, Organe könnten angegriffen sein. „Die Erkrankung bringt die Balance des Körpers durcheinander. Er kann dann schlechter mit einem Virus umgehen.“

Einige Corona-Patienten leiden unter schweren Komplikationen. Um diese früh zu erkennen, haben Ärzte nun ein Verfahren entwickelt. Dabei spielt ein Urintest eine besondere Rolle.

Erhöht eine Grippeimpfung das Risiko für eine Corona-Erkrankung?

Nein. Der Influenza-Experte Jonathan Van-Tam bekleidet in England das Amt des „Deputy Chief Medical Officer“. Im März antwortete er in der „BBC“ auf die Frage, welche Teile der Gesellschaft sich als Risikogruppen für Covid-19 ansehen sollten: Es seien vor allem die, denen staatlicherseits eine Grippe-Impfung angeboten werde, mit Ausnahme von Kindern.

In Großbritannien sind Grippeimpfungen für bestimmte Risikogruppen kostenlos. Darunter fallen zum Beispiel Menschen ab 65 Jahren oder mit bestimmten Vorerkrankungen. Van-Tam beschrieb mit seiner Zuordnung also vereinfacht diejenigen, die auch für Covid-19 als Risikogruppen gelten. Van-Tam sagte in dem Interview ausdrücklich nicht, dass man wegen einer vorangegangenen Grippeimpfung eine höhere Gefahr habe, an Covid-19 zu erkranken. Dennoch hatten Impfgegner diese Falschinformation für kurze Zeit verbreitet.

Gesundheitsbehörden in mehreren Ländern empfehlen ausdrücklich, sich gegen Grippe impfen zu lassen. Auch der Virologe Christian Drosten erklärte im März in seinem NDR-Podcast: „Es ist nie schädlich, sich gegen die Grippe impfen zu lassen.“

Coronavirus und Grippe im Vergleich
Coronavirus und Grippe im Vergleich

Ist Covid-19 für Jüngere ungefährlich?

Nein. Jüngere Menschen sind zwar insgesamt weniger gefährdet. Aber es wird immer deutlicher: Das Coronavirus kann auch Jüngere massiv treffen. Auf den Intensivstationen werden immer öfter junge, mit dem Coronavirus infizierte Menschen behandelt. Lesen Sie hier: Junge Risikogruppe – Sie sind Mitte 20 und könnten nach einer Infektion mit dem Coronavirus sterben.

Das habe sich in Italien gezeigt – und „das ist ein Bild, das sich auch in Deutschland ergibt“, sagte der Chefarzt Clemens Wendtner von der Abteilung für Infektiologie der München Klinik in Schwabing. „Die jüngsten symptomatischen Covid-19-Patienten waren Anfang 20 Jahre alt. Insgesamt sehen wir das ganze demografische Altersspektrum, egal ob auf Normalstation oder Intensivstation.“

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) appellierte an junge Menschen, sich ebenfalls an die Sicherheitsvorkehrungen zu halten. „Ich habe eine Botschaft für junge Leute“, hatte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus in Genf gesagt. „Ihr seid nicht unbesiegbar.“

Sind Kinder besonders durch Sars-CoV-2 gefährdet?

Im Gegenteil. Das legte zumindest eine Studie chinesischer Wissenschaftler gemeinsam mit Forschern von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health nah. Das Team hatte sich 391 Infizierte und rund 1300 Kontaktpersonen genauer angesehen. Die Forschenden kamen zu dem Ergebnis, dass sich Kinder zwar genauso häufig mit dem Virus anstecken, jedoch weniger starke oder sogar gar keine Symptome zeigen.

Über die Infektionsgefahr bei Kindern gibt es nach wie vor unterschiedliche Studienergebnisse. Dem RKI zufolge ergaben manche Studien bei Kindern niedrigere Raten als bei Erwachsenen. In einer Studie, die die Infektionsrate von Kontaktpersonen ermittelte, lagen Kinder und Erwachsene allerdings gleichauf. Lesen Sie hier: Ausbreitung des Coronavirus: Welche Rolle spielen Kinder?

Auch Schwangere scheinen laut dem RKI nicht besonders gefährdet für einen schweren Verlauf zu sein.

Haben Heuschnupfen-Allergiker ein erhöhtes Risiko für eine Infektion?

Die Antwort lautet: nein. Ein Heuschnupfen-Allergiker habe kein erhöhtes Risiko, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, sagte etwa Roland Buhl, Professor und Leiter der Pneumologie an der Universitätsklinik Mainz. Auch die Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst (PID) und die Europäische Stiftung für Allergieforschung (ECARF) sahen Allergikerinnen nicht als Risikopatientinnen.

„Personen mit einem Heuschnupfen haben keine verminderte immunologische Abwehr, sie sind nicht immun-geschwächt und die Abwehr gegen Bakterien und Viren ist bei ihnen normal“, sagte Karl-Christian Bergmann, PID-Vorsitzender laut einer ECARF-Mitteilung.

Pollenallergiker hätten eine verstärkte immunologische Reaktion auf die in der Luft fliegenden Pollen. Sie bildeten Antikörper gegen Allergene der Pollen, die in der Haut durch einen Allergietest oder im Blut nachweisbar sind. Dies sei aber kein Zeichen für eine geschwächte immunologische Abwehr, betonte der Experte.

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Haben Raucher ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf?

Dem RKI zufolge haben Raucher und Raucherinnen ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf. Die Annahme basiere auf der aktuellen Studienlage, die Evidenz dafür sei aber aktuell noch schwach. Auch Daten aus China, nach denen Männer das Virus härter zu treffen schien als Frauen, könnten laut Experten wie Christian Drosten mit dem Rauchverhalten der Gruppe zusammenhängen. Jeder zweite chinesische Mann ist Raucher, bei den Frauen sind es deutlich weniger.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig, rief die Deutschen angesichts der Coronavirus-Krise dennoch dazu auf, mit dem Rauchen aufzuhören. „Es ist erwiesen, dass insbesondere Raucher zu einer Risikogruppe gehören“, sagte die CSU-Politikerin unserer Redaktion.

Raucherinnen sollen Gefahr laufen, an wesentlich schwereren Lungenentzündungen durch den Erreger Covid-19 zu erkranken, als Nichtraucher. Als mögliche Ursache gaben Forschende die reduzierte Lungenfunktion aus.

Besteht für Krebspatienten eine besondere Gefahr?

Das RKI führt Menschen mit Krebserkrankung unter den Risikogruppen durch Vorerkrankungen auf. Laut dem Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums gibt es aber nach wie vor kaum Informationen dazu, wie und welche Krebspatienten auf eine Infektion mit Sars-CoV-2 reagieren. Da sie jedoch aus verschiedenen Gründen ein geschwächtes Immunsystem haben können, könnten sie auch schwerer an der Lungenkrankheit Covid-19 erkranken. Deswegen sollten Krebspatienten die empfohlenen Hygienemaßnahmen einhalten, heißt es beim Krebsinformationsdienst.

Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie (DGHO) empfiehlt außerdem, geplante Krebstherapien zunächst nicht zu verschieben. Sollte ein Krebspatient jedoch Kontakt zu einem Corona-Infizierten haben, sollten Nutzen und Risiko einer geplanten Therapie mit den behandelnden Ärzten besprochen werden.

Gibt es Medikamente oder Wirkstoffe, die Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte bereits Anfang April ihre Warnung vor der Einnahme von Ibuprofen zurückgenommen. Die WHO-Experten hatten Studien und Ärzte konsultiert und seien zu dem Schluss gekommen, dass es über die bekannten Nebenwirkungen bei bestimmten Bevölkerungsgruppen hinaus keine Hinweise auf negative Ibuprofen-Konsequenzen bei Covid-19-Patienten gebe.

Zuvor hatte sich in sozialen Netzwerken eine Nachricht verbreitet, der zufolge Ibuprofen die Anfälligkeit für eine Coronavirus-Infektion erhöhe. Dies hätten Forscher der Uniklinik Wien herausgefunden, hieß es. Die Universität distanzierte sich von dieser Nachricht und schrieb bei Twitter von einer Falschnachricht. Das deutsche Gesundheitsministerium hatte ebenfalls vor Falschnachrichten gewarnt, die zum Thema Coronavirus unter anderem bei WhatsApp und in den sozialen Medien kursieren.

coronavirus- achtung vor whatsapp-fake-news zu ibuprofenIn den USA und in Japan erhielt das Medikament Remdesivir im Zusammenhang mit Covid-19 eine Sonderzulassung. Das Medikament soll die Krankheitsdauer verkürzen. Gleichzeitig warnt die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft vor einer schnellen Zulassung des Arzneimittels Remdesivir gegen Covid-19 gewarnt. Dem NDR sagte der Vorsitzende Wolf Dieter Ludwig: „Wir wissen noch viel zu wenig über die Nebenwirkungen.“

Sollten sich auch Menschen aus der Risikogruppe jetzt impfen lassen?

Wann es eine Impfung gegen Sars-CoV-2, ist weiter unklar. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt jedoch generell jedem, sich entsprechend den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko) impfen zu lassen – besonders gegen Erkrankungen, die die Lunge schwächen könnten wie Pneumokokken, Keuchhusten oder Influenza.

„Diese Empfehlung gilt umso mehr für Menschen mit dem Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs“, sagt Liebert. Sorge vor einer Schwächung des Immunsystems durch die Impfung und einer dadurch verursachten Anfälligkeit für schwere Krankheitsverläufe mit Covid-19 seien unbegründet, sagt der Virologe: „Es handelt sich bei den Impfstoffen um abgetötete Erreger.“

Eine Impfung sei also keine Herausforderung für das Immunsystem. „Jeder sollte jetzt einfach bei seinem Hausarzt den Stand seines Impfausweises überprüfen lassen“, rät Liebert. Spontanbesuche seien aber tabu. Ob und wann eine Impfung ratsam ist, sollte stets vorher telefonisch mit dem Hausarzt oder einer Ärztin abgestimmt werden.

(mit dpa/reb)

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