Venedig von neuer Flutwelle getroffen – höchste Warnstufe

Venedig.  Venedig wurde am Sonntag erneut überflutet. Es war die dritte Flutwelle in einer Woche. Der Bürgermeister appelliert an Klimaforscher.

Erneut Hochwasser in Venedig

In der Stadt ist ein Streit über den mangelnden Flutschutz entbrannt. Der Bürgermeister wirbt für die Fertigstellung eines Milliardenprojekts.

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Venedig steht seit Tagen unter Wasser – und ein Ende ist nicht in Sicht. Eine neue Flutwelle traf die Stadt am Sonntag – die dritte innerhalb weniger Tage. Das Gezeitenbüro der Kommune hatte die höchste Warnstufe ausgerufen.

Das Wasser stieg auf 150 Zentimenter über den normalen Meeresspiegel, erklärte Bürgermeister Luigi Brugnaro. Damit waren rund 70 Prozent der Unesco-Welterbestadt unter Wasser. Der Markusplatz als tiefster Punkt der Stadt wurde erneut geflutet und aus Sicherheitsgründen gesperrt. Städtische Museen waren geschlossen. Der öffentliche Verkehr war stark eingeschränkt.

Bürgermeister Luigi Brugnaro hatte zur „maximalen Vorsicht“ aufgerufen. Die Lage sei aber unter Kontrolle. Die Menschen würden sich nicht entmutigen lassen. „Die Venezianer gehen nur zum Beten in die Knie“, erklärte er.

Venedig trifft die schlimmste Flut seit mehr als 50 Jahren

Am Dienstag hatte die höchste Flut seit mehr als 50 Jahren verheerende Schäden in Venedig angerichtet. Das Wasser war getrieben von starkem Wind auf bis zu 187 Zentimeter gestiegen. Am Freitag fluteten Wassermassen dann erneut einen Großteil der Unesco-Welterbestadt. Im Wasser trieben seitdem tote Ratten, Bürger der Stadt versuchten, ihre Geschäfte und Bars zu reinigen.

Laut Venedigs Bürgermeister geht der Schaden in die Hunderte Millionen. Er sagte, auch aus dem Ausland komme viel Hilfe, darunter aus Russland. Brugnaro will ein weltweites Zentrum für Klimawandel-Studien in Venedig einrichten, das sich auch mit der Wasserverschmutzung beschäftigen solle. „Ich will einen großen Appell an die Wissenschaftler richten: kommt hier her.“

Der Kulturbeauftragte des Vatikans, Kardinal Gianfranco Ravasi, verglich die Zerstörung in Venedig mit dem Brand von Notre-Dame in Paris. Es habe damals nicht nur eine „technische Diskussion“ gegeben, sagte er laut Nachrichtenagentur Ansa. „Es gab Leute, die weinten, weil sie ein großes Symbol sterben sahen. Ich würde sagen, diese kulturelle Sensibilität müssten wir wiederholen.“

Hunderte Millionen Euro Hochwasserschäden in Venedig
Hunderte Millionen Euro Hochwasserschäden in Venedig

Italiens Regierung hatte schon am Donnerstag den Notstand für Venedig ausgerufen. Damit werden 20 Millionen Euro an Soforthilfen frei. Privatleute können mit Soforthilfen von 5000 und Geschäftsleute von 20.000 Euro rechnen.

Venedig: Rekord-Hochwasser – Das Wichtigste in Kürze:

  • In Venedig haben starke Regenfälle für Hochwasser gesorgt
  • Ein Mensch starb
  • Kritik erzürnt sich am Flutschutz
  • Große Sorge bereitet der Markusdom, in den Salzwasser eingelaufen ist
  • Das Gezeitenbüro von Venedig rief die höchste Warnstufe aus
  • Auch für den Beginn der kommenden Woche ist kein Hochwasser-Ende in Sicht

Venedig ist Unesco-Weltkulturerbe. Die Fluten bedrohten in den vergangenen Tagen daher auch zahlreiche Kulturschätze. Der Markusdom war in der Nacht zu Mittwoch überflutet worden, die Krypta glich einem Schwimmbad.

„Das Wasser ist in die Krypta eingedrungen, nachdem es die Fenster eingedrückt hatte“, berichtet Mario Piana, der Chefarchitekt der Basilika. „Der Untergang des Markusdoms hat bereits begonnen.“

Markusdom: Salzwasser könnte den Marmor zerstören

Angesichts der katastrophalen Ausmaße des Hochwassers bemüht er sich, die Lage dennoch so sachlich wie möglich aber mit der gebotenen Drastik zu beschreiben. Die Basilika sei zwar äußerlich intakt, doch das Salzwasser verursache Schäden, die erst später sichtbar würden. „Der Markusdom ist wie ein Patient, der Strahlungen ausgesetzt war, am ersten Tag sieht es aus, als sei nichts geschehen, aber ein paar Tage später fallen Haare und Zähne aus.“

Boote trieben herrenlos durch Kanäle, Hotels überschwemmt

Die Hochflut drückte salziges Meerwasser in das Süßwasser der Lagune. Dieses habe die Säulen der vollgelaufenen Krypta des Doms nicht zum Einsturz gebracht, aber das Salz zerstört den Marmor der Säulen.

Kulturminister Dario Franceschini sprach von einem „Notfall“. Kulturdenkmäler seien durch das Wasser in Mitleidenschaft gezogen worden. Kunstwerke in Sammlungen oder Material in Archiven und Bibliotheken seien aber nach ersten Erkenntnissen nicht beschädigt worden.

Die Bilder aus Venedig erschreckten in den vergangenen Tagen: Wasserbusse schleuderte der starke Wind ans Ufer und versenkte einige, mindestens 60 Schiffe wurden beschädigt. Gondeln und Boote wurden aus Vertäuungen gerissen und trieben durch Kanäle. Hotels wurden überschwemmt. Ein Mensch starb.

Venedigs Hotels klagen über Schäden

Auch Hoteliers klagen über große Schäden, viele Touristen haben sich gegen schon gebuchte Reisen in die Lagunenstadt entschieden. Es habe viele Absagen von Urlaubern gegeben, sagte Laura Ferretto vom Hotelverband Federalberghi Veneto der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstag. „Die Schäden sind enorm.“ Viele Hoteliers seien wütend über die Untätigkeit der Politiker, etwas für den Schutz der Stadt zu tun.

Hochwasser in Venedig auf Rekordstand
Hochwasser in Venedig auf Rekordstand

„Es gab so viele Versprechen und nichts wurde getan“, sagte sie mit Bezug auf das umstrittene Flutschutzprojekt „Mose“, das seit Jahren geplant aber immer noch nicht fertig ist. Auch der Tourismusverband der Region klagte über die schweren Schäden. Update vom 3. Dezember: Auf Mallorca werden schwere Unwetter erwartet.

„Hier ist die ganze Küste untergegangen“, erklärte der Regionalpräsident des Verbandes Confturismo und Federalberghi Veneto, Marco Michielli. „Die Schäden sind derzeit nicht zu beziffern, die Touristenunterkünfte stehen vor Tausenden Problemen, während die Strandbäder dem Erdboden gleichgemacht wurden.“

Webcam vom Markusplatz in Venedig

Auch auf den Bildern der am Markusplatz installierten Livecam war am Donnerstag noch zu sehen, wie der Platz überflutet ist. Am Samstag war das Wasser zurückgewichen, die Kamera zeigte noch einige große Pfützen.

Wetter in Venedig bleibt regnerisch

Echte Erleichterung ist für die Stadt aber erst einmal nicht zu erwarten: Das Wetter bleibt regnerisch. So wird das Wetter in Venedig in den nächsten Tagen:

  • Sonntag: Regen, Temperaturen bis maximal 16 Grad
  • Montag: Regen, Temperaturen bis maximal 13 Grad
  • Dienstag: Regen, Temperaturen bis maximal 13 Grad

So hoch wie in der vergangenen Woche war das Wasser seit 1966 nicht gestiegen. Wissenschaftler führen die zunehmenden Fluten in Venedig auch auf den Klimawandel zurück, der den Meeresspiegel ansteigen lässt.

Klimaforscher: Wir werden Venedig verlieren

„Venedig werden wir verlieren, das ist nicht umstritten“, sagte vor einem Jahr Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. „Was wir definitiv wissen: Ereignisse wie jetzt in Venedig werden durch die Klimaerwärmung verstärkt “, sagte Levermann.

„Wenn sich Ozeane erwärmen, verdunstet mehr Wasser in die Atmosphäre und das muss wieder raus. Dadurch entsteht mehr Niederschlag für den ganzen Globus. Gleichzeitig häufen sich Starkregenereignisse.“ Durch den CO2-Ausstoß werde Venedig künftig unter dem Meeresspiegel liegen. „Deshalb ist es entscheidend, was wir jetzt und in der Zukunft dagegen unternehmen.“

„Wir haben es mit apokalyptischen Zerstörungen zu tun“, befand der Präsident der Region Venetien, Luca Zaia.

Sturm und starke Niederschläge in fast ganz Italien

Auch in anderen Regionen Italiens sorgen schwere Unwetter für Verwüstungen und Chaos. So kam es durch ein großes Tief auch in den Regionen Sizilien, Basilikata und Kalabrien zu Stürmen und Unwettern.

Der Zivilschutz warnt weiter vor Sturm und Niederschlägen. Seit Freitag war die Feuerwehr im Land mehr als 2200 Mal im Einsatz, wie die Retter am Samstag mitteilten. In Südtirol bereiteten sich die Einsatzkräfte auf neue Schneefälle vor, die schon am Freitag ein Chaos angerichtet und tausende Leute wegen der dadurch verursachten Stromausfälle im Dunklen sitzen gelassen hatten.

Durch Schnee bis in mittlere und tiefe Lagen könnten Lawinen abgehen, teilte die Landesverwaltung in Bozen mit. „Zu rechnen ist auch mit umstürzenden Bäumen, Steinschlägen und Erdrutschen, kleinräumigen Überflutungen, Stromausfällen und Kommunikationsausfällen sowie Verkehrsbehinderungen.“

Venedigs Bewohner sind sauer auf die Politik

Venedig wird wegen seiner Lage in der Lagune immer wieder von Hochwasser heimgesucht, die Lage verschärft sich aber zunehmend. Der mangelnde Hochwasserschutz sorgt nun für Streit in der Stadt.

Eigentlich soll ein Sturmflutsperrwerk mit beweglichen Fluttoren die Stadt schützen. Doch das Projekt mit dem Namen „Mose“ ist bereits so lange im Bau, dass es den Titel „die große Unvollendete“ trägt – eine Art venezianischer BER (der Berliner Pannen-Flughafen) also. Dabei hegen Kritiker Zweifel, ob das Bauwerk den seit der ersten Planungsphase gestiegenen und häufiger gewordenen Fluten Einhalt gebieten wird.

Derzeit wird mit einer Inbetriebnahme in zwei Jahren gerechnet. Möglicherweise kann es im Frühjahr 2021 probeweise eingesetzt werden. Doch nicht nur an Verzögerungen ist die Geschichte des „Mose“ reich. Vor fünf Jahren wurde das Bauwerk von einem beispiellosen Korruptionsskandal überrollt.

„Ein Werk des Wahnsinns und der größte Diebstahl der letzten fünfzig Jahre in Italien“, nennt der Gründer der berühmten Harry’s Bar in Venedig, Arrigo Cipriani, das Schleusensystem. Die Regierungen hätten schon immer viele Worte gemacht, denen wenig Taten gefolgt seien.

Bürgermeister: Mit Flutschutzprojekt „Mose“ wäre Hochwasser nicht passiert

Ministerpräsident Giuseppe Conte gesteht ein, dass es in der Geschichte des Baus zahlreiche Verzögerungen und Probleme gegeben habe. Um Gelder für Soforthilfe für Bewohner und Geschäftsleute zu ermöglichen, erklärte der Ministerrat den Notstand für Venedig. Allein für die Restaurierung und Vorsorgemaßnahmen gegen künftige Fluten will das Kulturministerium drei Millionen Euro für den Markusdom zur Verfügung stellen.

Italien: Schwere Unwetter

Auch in anderen Teilen Italiens sorgten unterdessen Wetterereignisse für teils chaotische Zustände: Schnee richtete schon am Freitag in Südtirol Chaos an, einige Dörfer waren abgeschnitten, weil Straßen gesperrt waren. Tausende Menschen waren ohne Strom, wie die Südtiroler Landesverwaltung mitteilte. Italien wurde in den vergangenen Monaten immer wieder von Unwettern heimgesucht. Erst Ende Oktober sorgte heftiger Regen für Verwüstungen und Chaos im Nordwesten Italiens. Im Juli gab es drei Tote in zwei Tagen nach schweren Unwettern im ganzen Land.

Venedig – Mehr zum Thema

Auch Venedig geriet zuletzt häufiger in die Schlagzeilen. Mitte September starben drei Menschen bei einem Rennboot-Unfall vor der Lagunenstadt. Für lange Diskussionen sorgte auch die Frage, ob Kreuzfahrtschiffe aus dem Zentrum von Venedig verbannt werden sollen.

(dpa/yah/bekö/tma)

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