Sie spielt in einer eigenen Liga – Meryl Streep wird 70

Washington.   Ob Thriller, Psychodrama, Komödie oder Musical – Meryl Streeps künstlerische Vielfalt ist verblüffend. Jetzt wird sie 70 Jahre alt.

Maryl Streep hat in vielen Rollen geglänzt. Nun wird dreifache Oscarpreisträgerin 70 Jahre alt.

Maryl Streep hat in vielen Rollen geglänzt. Nun wird dreifache Oscarpreisträgerin 70 Jahre alt.

Foto: Ian West / dpa

Reese Witherspoon. Nicole Kidman. Laura Dern. Es ist ja nicht so, als fehlten der TV-Serie „Big Little Lies“ große Namen, die für erprobte Darstellungskunst stehen. Aber vielleicht kann es noch einen Tick besser gehen. Dachten sich die Macher des im Biotop dysfunktionaler Familien und Paare angesiedelten Westküsten-Dramas. Also heuerten sie vor der zweiten Staffel als Veredlerin der Welt größte, chamäleonhafteste und – laut Kollegenschaft – liebenswürdigste Groß-Schauspielerin an.

Siehe da: Seit Mary Louise die Mutter eines ums Leben gekommenen Prügel-Gatten gibt, mit tüddeliger Gouvernanten-Frisur, Überbiss und Schnippischkeit, schalten noch mehr Fernbedienungen in Amerika auf den Sender HBO um. Womit wieder beglaubigt wäre: Filme und Fernsehproduktionen, denen Meryl Streep ihren Stempel aufdrücken darf, enden in aller Regel erfolgreicher als ohne die zeitlose Aschblonde aus der Kleinstadt Summit im US-Bundesstaat New Jersey.

Und das ist noch untertrieben. Seit über 40 Jahren begleitet und beglückt die über ihre Ur-Ur-Großeltern auf deutsche Wurzeln (Loffenau im Württembergischen) verweisende Künstlerin generationenübergreifend Kinogänger; ganz gleich, ob es sich um Herzschmerz-Dramen handelt. Oder Zeitgeist-Krimis.

Ihre 21 Oscar-Nominierungen sind unübertroffen. Drei gewonnene Goldjungs, acht Golden-Globe-Statuen und an die 100 Preise für Leben und Werk haben der vierfachen Mutter bereits zu Lebzeiten einen Logen-Platz im Film-Olymp gesichert. Aber La Streep hat noch lange nicht fertig.

Meryl Streep: Der vierte Oscar scheint nur eine Frage der Zeit zu sein

Die Kinder, von denen eines sie im Frühjahr zur Oma machte, sind lange aus dem Haus. Die Ehe mit dem Bildhauer Dan Gummer ist wie in Stein gemeißelt; skandalfrei und liebevoll. Und die lohnenden Rollen, die der Frau angeboten werden, die hässlich und schön, abgerockt und elegant, prollig und adlig gleichermaßen überzeugend verkörpern kann, reißen einfach nicht ab.

Ihr vierter Oscar, womit Katharine Hepburn ihrer Alleinstellung verlustig ginge, scheint nur eine Frage der Zeit. Apropos: Am Samstag wird die Frau mit den markanten Wangenknochen, die seit gefühlten 20 Saisons in ihrer eigenen Liga spielt, 70 Jahre alt.

Viele ihrer Rollen gehören zum Best-of der Kino-Geschichte: Als Inga Weiss in der Fernseh-Serie „Holocaust” sorgte sie 1978 in Deutschland für Beklemmung und Furore. In „Die durch die Hölle gehen“ von Michael Cimino legte die Tochter einer Grafikerin und eines Pharma-Angestellten an der Seite von Robert de Niro und Christopher Walken die Wunden des Vietnam-Kriegs frei. In „Kramer gegen Kramer“ zeigte sie die Verheerungen einer Scheidung, in „Sophies Entscheidung“ die Folgen der Nazigräuel als KZ-Überlebende, in „Silkwood“ schließlich die Machenschaften der Atom-Industrie.

Weil Streep wie wenige ihres Fachs Zurückhaltung und seelentiefen Ausdruck anstrengungslos vereinen kann, gerieten auch die emotionaleren Stoffe zu Welt-Erfolgen: In „Jenseits von Afrika“ verliert sie sich als Kaffee-Plantagen-Besitzerin Karen Blixen bis zu dessen Absturz an Robert Redford alias Denys Finch Hatton. In „Die Brücken am Fluss“ heult sie den selbigen als Farmersfrau Francesca an der Seite von Clint Eastwood voll. Auch im heiteren Fach – als gefürchtete Chefredakteurin Miranda Priestly in „Der Teufel trägt Prada“ oder als Mama im Abba-Singschauspiel „Mamma Mia“ – bleibt das leicht Zickige und Schwierige das Markenzeichen der studierten Theater-Aktrice, die bis heute als einer der härtesten Arbeiterinnen im ganzen Gewerbe gilt. Warum?

Altersgrenze mit Erfolgen ignoriert


Meryl Streep verwendet viel Energie, um bis zur Essenz ihrer Rollen vorzustoßen. Für „Sophies Entscheidung“ lernte sie Polnisch. Für „Die Eiserne Lady“, Oscar Nr. 3, den blasierten Oxford-English-Akzent von Margaret Thatcher. Für „Die Verlegerin“ saß sie mit den Watergate-Enthüllern Bob Woodward und Carl Bernstein zusammen. Die magische Altersgrenze von 40, ab der Frauen in Hollywood oft still und leise aussortiert wurden, hat die Streep mit Hilfe von konstantem Kassenerfolgen ignoriert.

Auch darum konnte sie Studiobosse als „dumm und gierig“ bezeichnen, für gleiche Bezahlung von Mann und Frau im Filmgeschäft streiten und Präsident Donald Trump auf offener Bühne einen volksverhetzenden Scharlatan nennen. Der auf letzteren gemünzte Satz – „Wenn die Mächtigen ihre Position benutzen, um andere zu tyrannisieren, dann verlieren wir alle” – ist immer noch Gold-Standard der außerparlamentarischen Trump-Kritik.

Gleiches gilt für den kompaktesten Spruch einer Oscar-Gewinnern. 1979. Für „Kramer gegen Kramer.“ Die Geehrte ging ans Mikrofon und sagte: „Heilige Makrele.“ Nichts passt besser zu einer Menschenfischerin wie Meryl Streep.

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