Flugbegleiter-Studie: Sexuelle Belästigung gehört zum Job

Berlin  Flugbegleiter werden besonders häufig sexuell belästigt. Und das nicht nur von Gästen. Das zeigt eine Studie. Ein Betroffener spricht.

Eine Flugbegleiterin packt aus: Sieben Geheimnisse übers Fliegen

Panorama Video

Beschreibung anzeigen

Sie müssen immer nett sein, Wünsche erfüllen. Viele verwechseln die professionelle Freundlichkeit von Flugbegleitern offenbar mit einer Einladung, jeglichen Anstand – und Gesetze – außer Acht zu lassen. Denn: Fast jeder zweite Kabinenmitarbeiter von Fluglinien ist schon sexuell belästigt worden. Dabei sind es nicht nur die Reisenden, die übergriffig werden – sondern oft Vorgesetzte.

Das geht aus einer Online-Befragung der Gewerkschaft UFO hervor. 1.145 Personen hatten daran teilgenommen. Am häufigsten fanden die Vorfälle an Bord statt, oft aber auch zwischen Flügen, im sogenannten Layover, das berichtet der „Spiegel“ aus der Studie.

Sexuelle Belästigung bei Flugbegleitern: „Es ist Standard“

Ein Flugbegleiter berichtete, auf die Zahlen angesprochen, dass er davon ausgeht, dass die Werte noch höher liegen. „Es ist Standard, vor allem bei Frauen, ungefragt explizite Komplimente zu bekommen oder unnötigerweise angefasst zu werden“, sagt der 28-Jährige.

„Nicht alle empfinden das schon als sexuelle Belästigung, da haben die Leute unterschiedliche Toleranzgrenzen“, sagt der Flugbegleiter unserer Redaktion. Ihm selbst sei auch schon „zwischen die Beine gefasst, auf den Hintern geschlagen“ worden. „Und dann eben die Standard-Sprüche wegen der Homosexualität, die jeder männliche Kollege andauernd kriegt, egal, ob er überhaupt schwul ist“, berichtet er. „Das geht, vorsichtig formuliert, in die Richtung: Kann ich noch einen Drink oder muss ich dir dafür einen Gefallen tun?“

Gerade bei den Billig-Airlines sei die Situation nochmal anders als bei gehobenen Airlines: „Das passiert überall, aber die Kollegen, die mit einem Rudel sparsamer Besoffener nach Malle fliegen, sind nicht unbedingt am besten dran“, sagt der Flugbegleiter.

Allerdings würde es wiederum im gehobenen Business-Segment viele geben, die „denken, sie können sich alles erlauben.“

Ratgeber: Besser fliegen: Wie Sie Ihren Sitzplatz kostenlos wählen

Studie: Zu 45 Prozent ging die sexuelle Belästigung von Vorgesetzten aus

Täter waren laut der Studie zu mehr als 45 Prozent Vorgesetzte an Bord: Als diese gelten im Kontext der Studie Piloten, aber auch höhergestellte Flugbegleiter – die Kabinenchefs. 26 Prozent der Übergriffe wurden laut Umfrage durch ein gleichrangiges Crewmitglied begangen, ein Viertel der Übergriffe kam von Passagieren.

Dabei ist das Anzeigeverhalten eher niedrig. Nur wenige Taten seien laut „Spiegel“ von den Betroffenen intern oder bei der Polizei angezeigt worden – zum Teil auch, weil sie Konsequenzen fürchteten. Von 86 den Unternehmen gemeldeten Fällen hätten 16 Fälle Folgen für die Täter gehabt – darunter waren Abmahnungen oder ein Personalakten-Eintrag.

„Auch das kann ich absolut nachvollziehen – gerade jene, die noch aufsteigen wollen, lassen vieles über sich ergehen“, sagt der Flugbegleiter unserer Redaktion.

Einsatz: Flugbegleiter stirbt an Bord – Flugzeug muss notlanden

Sexueller Missbrauch: Quote bei Frauen höher

73 Prozent der Befragten waren Frauen; 51,7 Prozent von ihnen berichteten demnach, Opfer sexueller Belästigung geworden zu sein. Auch unter den Männern sei die Quote hoch: 43,7 Prozent geben ebenfalls an, am Arbeitsplatz sexuell bedrängt worden zu sein.

Die Umfrage war zugänglich für jedermann, theoretisch könnten auch Personen mitgemacht haben, die nicht im Flugdienst tätig sind. Auch wurde nicht genau erfasst, welche Vorfälle die Betroffenen erlebt haben und wer sexuelle Belästigung wie ausgelegt hat.

Viele Flugbegleiter sind unzufrieden mit der Bezahlung. Die Gewerkschaft Ufo droht mit Lufthansa-Streik zur Ferienzeit.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder