Kreuzfahrten: Nicht genug Rettungsboote für alle Passagiere?

Berlin  Er machte zig Kreuzfahrten, nennt die Schiffe „Monster“. Wolfgang Meyer-Hentrich blickt in einem Buch auf die „skrupellose“ Industrie.

Kreuzfahrt: Fünf Tipps vom Profi für Anfänger

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Kreuzfahrten werden immer beliebter, die schwimmenden Hotels gelten als ideale Mischung aus Erholung und Weltbeschau. Doch wie sicher sind die Schiffe eigentlich, welche Probleme kommen mit den zunehmenden Passagierzahlen? Geht die Jagd nach Superlativen auf Kosten der Sicherheit der Reisegäste? Und der Umwelt?

Ein Kreuzfahrtexperte erklärt nun in einem neuen Buch, was der nicht mehr neue, aber umso populärere Reisetrend eigentlich bedeutet – und warum günstige Preise und immer neue Passagierrekorde bedenklich sind. Wolfgang Meyer-Hentrich veröffentlichte „Wahnsinn Kreuzfahrt. Gefahr für Natur und Mensch.“ Darin geht er mit der Industrie hart ins Gericht.

Kreuzfahrten: „Mehr Passagiere als Rettungsboote“

Hentrich, geboren 1949, machte seine erste Kreuzfahrt mit 18 Jahren, das weckte sein Interesse an der Form des Reisens, es folgten viele weitere. Das änderte sich: „Irgendwann konnte ich nicht mehr mit gutem Gewissen dabei zuschauen, wie sich die Gäste von Kreuzfahrtschiffen massenhaft durch historische Altstädte schieben und nichts anderes tun, als den Selfiestick nach oben zu halten“, wie er im Interview mit „Zeit Online“ berichtet.

Dann stellt er bedenkliche Thesen auf. Etwa, dass es oft mehr Reisende als Plätze auf Rettungsbooten gibt. „Viele Passagiere wissen gar nicht, dass es auf den großen Kreuzfahrtschiffen gar nicht genügend Rettungsboote gibt“, sagt er. Angesichts der Zahl der Kreuzfahrtschiffe sind Ernstfälle zwar selten, sie geschehen aber – etwa der „Viking Star“ – der Grund für die Havarie steht nun fest.

Im Buch nennt Hentrich viele Beispiele für Probleme mit Schiffen – und das größte Problem daran sei, dass die Dampfer immer größer und voller werden. „Selbst wenn eine Rettungsaktion in einer solchen Situation planmäßig durchgeführt werden kann, wer sollte diese Masse an Menschen mitten auf dem Meer unter widrigen Witterungsbedingungen in kurzer Zeit aufnehmen?“, schreibt er. „Die Kreuzfahrtkonzerne gehen mit ihren überdimensionierten Superschiffen ein Risiko ein, das sie für beherrschbar halten, und müssen trotzdem hoffen und beten, dass nichts Schlimmes passiert.“

Schiffsreisen: Ausbeutung, Steuervermeidung, skrupelloser Umgang mit der Natur

Abgesehen von dem Sicherheitsfaktor nennt er im Buch weitere Gründe, warum Kreuzfahrtschiffe inzwischen für ihn „Monster“ sind: Das Geschäftsmodell der Kreuzfahrtunternehmen basiere auf Steuervermeidung, Ausbeutung des – häufig philippinischen – Bordpersonals und den skrupellosen Umgang mit der Natur.

Das ist das umweltfreundlichste Kreuzfahrtschiff der Welt, und das sind die dreckigsten
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Probleme in Venedig, Dubrovnik, aber auch kleinen Dörfern in Norwegen

Dass besonders Kreuzfahrten Urlaubsorte nachhaltig verändern, ist immer häufiger auch ein politisches Thema. Beim Besuch des Bundespräsidenten in einem betroffenen Land wurde dies thematisiert – Steinmeier in Kroatien: Wie das Land unter Touristen leidet. Die Lagunenstadt Venedig erhebt bald „Eintrittsgeld“ von Tagestouristen. Auch das ist eine Reaktion auf die Massen, die in großen Teilen auch per Schiff ankommen.

Im Buch schreibt Hentrich über Granvin, „eine winzige Stadt am Ende des idyllischen Hardangerfjords in Südnorwegen. Sie hat etwa 900 Einwohner. Manche von ihnen verbringen nur die Sommerzeit dort.“ Außer landschaftlicher Schönheit habe der Ort keine besonderen Attraktionen zu bieten. „Sein Pech ist, dass es mit seinen hübschen bunten Häusern als typisch norwegisches Städtchen gilt.“

In der Zeit von Mai bis August landen dort jeden Tag zwei oder drei Kreuzfahrtschiffe an. „Dann laufen weit über tausend Touristen aus allen Gegenden der Welt durch den kleinen Ort.“ Einwohner hätten inzwischen Schilder mit Nachrichten wie „No photos please“ („Bitte keine Fotos“) oder „No cruisers“ („Keine Kreuzfahrer“) in den Fenstern.

• Das Buch „Wahnsinn Kreuzfahrt“ ist im Verlag Ch.Links erschienen und kostet 20 Euro, als E-Book 12.99 Euro. (ses)

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