Ende der Kultserie: „Lindenstraße“-Produzenten sauer auf ARD

Berlin  Die „Lindenstraße“ läuft nach mehr als 34 Jahren aus. Die Serienstars sowie Produzenten sind fassungslos – und machen der ARD Vorwürfe.

Lindenstraßen-Aus: Drei Dinge, die man wissen muss

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Nach mehr als 1600 Folgen kommt bald das „Aus“ für die ARD-Serie „Lindenstraße“. „Die Fernsehprogrammkonferenz der ARD hat sich mehrheitlich gegen eine Verlängerung des Produktionsvertrages mit der Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion ausgesprochen. Die letzte Folge der Serie wird im März 2020 im Ersten ausgestrahlt“, meldete der WDR.

Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen erklärte dazu: „Diese Entscheidung hat sich die Fernsehprogrammkonferenz der ARD nicht leicht gemacht. Denn die „Lindenstraße“ ist eine Ikone im deutschen Fernsehen, die uns seit Jahrzehnten begleitet.“

„Lindenstraße“-Produzent Geißendörfer ist „bestürzt“

Doch dann kommt das Aber: „Doch wir müssen nüchtern und mit Bedauern feststellen: Das Zuschauerinteresse und unsere unvermeidbaren Sparzwänge sind nicht vereinbar mit den Produktionskosten für eine solch hochwertige Serie.“ Herres verspricht den „Lindenstraße“-Fans ein „fulminantes Finale“.

Barbara Feiereis, Sprecherin des für die Serie verantwortlichen Westdeutschen Rundfunks (WDR), betonte, die Zuschauerzahlen seien seit Jahren rückläufig.

Sie seien allein in den 20 Jahren von 1995 mit damals 8,72 Millionen pro Folge bis 2015 auf 2,52 Millionen gesunken und auch in den beiden anschließenden Jahren zurückgegangen, sagte Feiereis am Montag. Von 2017 auf 2018 habe es einen leichten Anstieg von 2,14 auf 2,18 Millionen gegeben, der auch auf die zuschauerstarke Folge zurückzuführen sei, in der Joachim Hermann Luger als Hans Beimer seinen Abschied gab.

Dem widersprach Produzentin Hana Geißendörfer (34) im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“: „Das Absurde ist ja, dass diese Entscheidung gerade jetzt kommt, wo unsere Quote wieder steigt.“

Erfinder und Produzent Hans W. Geißendörfer zeigte sich „bestürzt“ über die Nachricht aus Köln. Via Twitter teilte er im Rahmen einer kurzen Stellungnahme sein „Unverständnis“ über das Aus seiner Serie mit:

Er erklärte im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“, man habe „sehr, sehr wenig werbemäßige Unterstützung der ARD“ gehabt. „Im Vergleich zu anderen Sendungen kann man sagen: null. Ich habe mich mehrfach zu den Direktoren begeben und auf Knien klargemacht: Wir brauchen das.“

„Das Publikum wird auf die Barrikaden gehen“

Schon wenige Stunden nach der Ankündigung wurden im Internet Unterschriften zur Rettung der Serie gesammelt. „Stellt die Lindenstraße nicht ein!“ lautet die Forderung der Online-Petition.

Marie-Luise Marjan, die „Mutter Beimer“ aus der „Lindenstraße“, zeigte sich maßlos enttäuscht. „Ich bin noch nicht so weit, dass ich es verinnerlicht habe. Ich bin ja noch dabei, habe Montag Drehtag“, sagt sie der „Bild“. Und weiter: „Die Lindenstraße ist ein Teil meines Lebens. 33 Jahre meines Lebens!“

„Der WDR hat uns zum Kult erhoben. Und Kult schafft man nicht ab. Kult bleibt“, sagte die 78-jährige Marjan weiter. Sie glaubt: „Das Publikum wird sicher auf die Barrikaden gehen.“

Erst kürzlich hatte die Serie für Schlagzeilen gesorgt, als mit dem Schauspieler Joachim Luger einer der „Gründerväter“ der „Lindenstraße“ die Serie verlassen hatte. Er starb als Hans Beimer den Serientod. Das hatte bei vielen Fans für Bedauern gesorgt – und war im Nachhinein wohl ein Testlauf für das Ende der ganzen Serie.

Mitarbeiter in Schockstarre, „Gabi Zenker“ verdrückt Träne

„Auch ich verliere nun ein Stückchen Heimat“, sagte Joachim Luger nach der Meldung vom Ende der Serie. „Ich war von der Nachricht überrascht und geschockt. Ich habe die Produktion angerufen, alle Mitarbeiter waren in einer Schockstarre. Mir tut es sehr leid für all die Kollegen. Wir haben ein Stück deutsche Fernsehgeschichte geschrieben.“

Auch Schauspielerin Andrea Spatzek, seit 1985 als „Gabi Zenker“ dabei, zeigte sich schockiert: „Das ist ein Hammer. Man ist echt bestürzt, wenn man das so plötzlich gesagt bekommt“, erklärte sie der „Bild“. Sie habe bei der Nachricht eine Träne verdrückt, räumte sie ein.

Die sonntägliche Serie „Lindenstraße“ im Vorabendprogramm des Ersten erzählt seit ihrem Start am 8. Dezember 1985 Schicksale und Geschichten der Straßenbewohner – und spiegelt damit gelegentlich auch gesellschaftliche oder politische Diskussionen in Deutschland.

Til Schweiger spielte in „Lindenstraße“ Jo Zenker

Hunderte Schauspieler und Zehntausende Komparsen waren bisher zu sehen. Zahlreiche Karrieren von Film- und Fernsehschauspielern begannen in der Serie. Til Schweiger spielte zum Beispiel von 1990 bis 1992 Jo Zenker, den Soldaten und Sohn von Taxifahrer Andi Zenker. Später verabschiedet sich die Figur allerdings in die Vereinigten Staaten, lebt fortan in Hollywood und taucht nicht mehr in der „Lindenstraße“ auf.

Die Außenkulisse der „Lindenstraße“ ist 150 Meter lang und befindet sich auf dem WDR-Gelände in Köln-Bocklemünd. Für die Dreharbeiten stehen ständig 100.000 Requisiten zur Verfügung.

Zahlreiche Skandale in der „Lindenstraße“

Die Serie provozierte auch eine Reihe von Skandalen. So küssten sich im Jahr 1990 die Serienfiguren Carsten Flöter und Robert Engelküssen in der „Lindenstraßen“. Die Darsteller bekamen daraufhin Morddrohungen.

Im Jahr 1988 forderte Peter Gauweiler, das Bundesseuchengesetz auf Aids-Kranke anzuwenden. In der „Lindenstraße“ sagte die Figur Chris Barnsteg: „Gauweiler und Co. - das sind doch alles Faschisten!“ Gauweiler stellte daraufhin eine Strafanzeige wegen Beleidigung, scheiterte damit aber.

Im Jahr 2010 betreibt auch die Serienfigur Jimi Stadler Politikerschelte: „Die Politik hilft uns auch nicht. Unsere Super-FDP: Die steckt’s den Hoteliers und den Ärzten hinten und vorne rein. Aber wir vom Handwerk, wir sind die Dummen. Wahrscheinlich, weil wir nicht gespendet haben.“

Der medienpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Burkhardt Müller-Sönksen, beschwert sich beim Sender und spricht von einer „einseitigen Parteinahme“. Der WDR weist die Vorwürfe zurück und betont, die Figur spreche nicht für die ARD.

Humorvolle und traurige Reaktionen in sozialen Netzwerken

Schon kurz nach Bekanntwerden der WDR-Pläne für das Aus der Sendung gab es auf Twitter die ersten Reaktionen. Auch Komiker Micky Beisenherz meldete sich. Hier eine Auswahl – von traurig bis humorvoll:

(W.B./les/ja/dpa)

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