Die bedrohten Riesen: Was gegen den Walfang getan wird

Berlin  Noch immer machen drei Nationen Jagd auf Wale. Die Mitglieder der Internationalen Walfang-Kommission wollen Japan die Jagd erschweren.

Drei im Jahr 2013 erlegte Zwergwale an Deck des japanischen Walfängers „Nisshin Maru“ im Südpolarmeer.

Drei im Jahr 2013 erlegte Zwergwale an Deck des japanischen Walfängers „Nisshin Maru“ im Südpolarmeer.

Foto: Tim Watters / Sea Shepherd Austr / dpa

Etwa 2000 Wale sterben derzeit jährlich durch Menschenhand, vor 30 Jahren waren es noch 30.000. Damals trat ein bis heute gültiges Walmoratorium in Kraft – verabschiedet von der Internationalen Walfang-Kommission (IWC). Seither dürfen Großwale nicht mehr zu kommerziellen Zwecken getötet werden. Eine Maßnahme, die wohl einige Arten vor dem Aussterben bewahrt hat, glauben Umweltschützer. Länder wie Japan, Island oder Norwegen, in denen Walfleisch seit jeher auf der Speisekarte steht, wehren sich gegen die Bevormundung und jagen mit verschiedenen Begründungen weiter.

Am Montag startete die alle zwei Jahre stattfindende Tagung der IWC in der slowenischen Region Portoroz. Die Waljagd-Gegner unter den 89 Mitgliedstaaten wollen es in diesem Jahr zumindest Japan künftig schwerer machen und planen die Einrichtung einer Walschutzzone im Südatlantik.

Allein 2015 mehr als 1300 getötete Tiere

Japan, Island und Norwegen sind die einzigen Länder, die offiziell noch mehrere Hundert Wale pro Jahr jagen. Im Wesentlichen Zwergwale (Balaenoptera acutorostrata), Grindwale (Globicephala melas) – und in Island sogar Finnwale (Balaenoptera physalus), die von der Weltnaturschutzunion (IUCN) als stark gefährdet eingestuft werden.

Nach Angaben der Naturschutzorganisationen Animal Welfare Institute, Ocean Care und Pro Wildlife tötete Japan 2015 rund 480 Wale, Island rund 190 und Norwegen 660. Doch wieso gilt für die drei eine Ausnahme? „Als der IWC 1982 das Walmoratorium plante, legte Norwegen formell Einspruch ein und ist juristisch damit nicht an das Walfangverbot gebunden“, erklärt Stephan Lutter, Referent für Internationalen Meeresschutz beim WWF.

Japan jagt offiziell zu wissenschaftlichen Zwecken

Island fuhr einen Schlangenkurs. Es legte zunächst keinen Einspruch ein und berief sich auf eine Klausel, die Waljagd in wissenschaftlichem und kleinerem Rahmen weiterhin erlaubte, trat 1992 dann ganz aus der IWC aus, um 2002 wieder beizutreten. Beim Wiederbeitritt meldete der Inselstaat Vorbehalte gegen das Moratorium an und startete die Jagd zu wissenschaftlichen Zwecken 2003 erneut. 2006 stellte Island dann wieder auf kommerziellen Walfang um und verdreifachte seine Fangzahlen. Japan jagt offiziell ebenfalls zu wissenschaftlichen Zwecken.

Der Internationale Gerichtshof stufte dieses „Forschungsprogramm“ 2014 als kommerziell ein und untersagte Japans Vorgehen damit. „Aber das gleiche Programm wurde ein Jahr später minimal verändert wieder aufgenommen“, sagt Lutter. Juristische Folgen müssten die Länder nicht fürchten. „Strafen sind von der IWC nicht vorgesehen, und auch der Internationale Gerichtshof hat in diesem Fall keine Sanktionsmöglichkeit“, sagt Lutter.

Japan blockiert Walschutzzone

Auf der IWC-Tagung starten Walfang-Gegner jetzt einen erneuten Versuch. „Australien und Neuseeland haben eine Resolution vorbereitet, die den wissenschaftlichen Walfang erschweren soll“, erklärt Lutter, „Umweltschutzorganisationen hoffen, dass ein Land dann nicht mehr selbst bestimmen darf, was als wissenschaftlicher Walfang gilt.“ Zumindest für Japan dürfte es dann nur noch wenige Optionen geben. „Es steht außer Frage, dass wir alles, was wir über Wale wissen wollen, auch erfahren, ohne sie zu töten“, bestätigt Matt Collis, der die Jahreskonferenz als Vertreter des Internationalen Tierschutz-Fonds (IFAW) begleitet.

Darüber hinaus soll in diesem Jahr über eine Schutzzone für Wale im Südatlantik entschieden werden. „51 Walarten nutzen diesen Bereich auf ihren Wanderungen, zur Fortpflanzung oder Nahrungssuche“, sagt WWF-Experte Lutter. Da dort aber auch intensiv gefischt werde, würden jährlich zahlreiche Wale und Delfine in den Netzen landen oder es komme zu tödlichen Kollisionen mit Handelsschiffen. „Wissenschaftlich sind die Pläne bereits abgesegnet, aber es hängt am politischen Willen der IWC“, so Lutter. Denn es ist nicht das erste Jahr, in dem diese Maßnahme zur Debatte steht. Eine Dreiviertelmehrheit ist notwendig.

Seit 1986 gilt internationales Handelsverbot

„Aber Japan und auch mehrere afrikanische Staaten blockieren die Entscheidung“, sagt Collis. 2010 habe es erstmals Belege dafür gegeben, dass Japan etwa die IWC-Mitgliedsbeiträge für andere Staaten zahlt, um sich deren Stimme bei wichtigen Entscheidungen zu sichern. Auch eine Schutzzone im Nordpazifik sei mithilfe dieser Unterstützer bereits gekippt worden, so Collis. „2011 wurde dann die Barzahlung von Beiträgen verboten. Seitdem ist das System etwas transparenter geworden“, ergänzt der Umweltschützer.

Was genau sich die Walfang-Befürworter von ihrem Einsatz erhoffen, bleibt allerdings unklar. „Seit 1986 gibt es ein internationales Handelsverbot für Großwal-Produkte. Japan, Island und Norwegen haben damals dagegen Einspruch erhoben und dürfen deshalb untereinander handeln“, erklärt Lutter und ergänzt: „Für den Handel ist heute nur das Fleisch relevant, Knochen oder Haut haben im Verkauf keinen Wert.“

Norwegisches Walfleisch mit Quecksilber belastet

Aber auch das Fleisch findet laut Berichten von Pro Wildlife und Ocean Care kaum Absatz, große Mengen würden mittlerweile in Fuchs- und Nerzfarmen verfüttert und würden gar nicht im Supermarkt-Regal ankommen. Ohnehin essen „nur etwa fünf Prozent der Isländer regelmäßig Walfleisch“, bestätigt Collis, „und in Japan und Norwegen ist es ähnlich.“

Und der Bedarf sinkt stetig, denn oft sind die Tiere hoch mit Schwermetallen belastet und für den menschlichen Verzehr nicht geeignet. „Wegen hoher Quecksilberfunde wurde Schwangeren und Stillenden in Norwegen seit 2003 davon abgeraten, Walfleisch zu verzehren“, so Lutter. Das Land sitze auf riesigen Mengen Walfett, dass wegen der Giftstoffbelastung nicht nach Japan exportiert werden dürfe.

Whale-Watching als Alternative

Mittlerweile würde vor allem in Island versucht, Touristen das Walfleisch als traditionelle Spezialität zu verkaufen, sagt Collis: „Aber auch das wird weniger, haben Umfragen unter Touristen gezeigt.“ Es gebe de facto keinen logischen Grund mehr für die Waljagd, ist sich der Umweltschützer sicher. Er nennt auch eine Alternative für die letzten Waljagd-Staaten: „Kommerzielles nachhaltiges Whale-Watching (Walbeobachtung) erhält die Tiere, bringt deutlich mehr Geld in die Regionen als die Jagd, und Dörfer und Kommunen an den Küsten können davon profitieren.“