Anne Ratte-Polle wurde durch Tod ihrer Eltern gelassener

Berlin.  Schauspielerin Anne Ratte-Polle spricht mit uns im Interview über ist Kino, ihren neuen Film „Der Geburtstag“ und den Tod ihrer Eltern.

Kino trotz Corona - Filme auf Fassaden in Berlin

Endlich mal wieder ins Kino gehen - diesen Gedanken haben in Corona-Zeitenviele Filmfans. In Berlin ist der Filmgenuss im Großformat jetzt außerhalb des Filmtheaters möglich - die Bilder werden auf Gebäudewände projiziert.

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Anne Ratte-Polle hilft, die deutsche Kinosaison wieder zu eröffnen. Der Krisenzeit trotzte sie auf Berliner Balkonen. Doch schon vorher meisterte sie verschiedenste Herausforderungen jenseits der Schauspielerei – unter anderem beim Bayerischen Filmpreis, als man ihr bei ihrer Ansprache das Wort abschneiden wollte.

Denn die 46-Jährige sprüht geradezu vor Lebenslust, obwohl, oder vielleicht gerade weil sie schon Schicksalsschläge überstehen musste.

Ihr Film „Der Geburtstag“ ist einer der ersten Kinostarts nach dem Corona-Lockdown. Wie wichtig ist Kino für Sie persönlich?

Anne Ratte-Polle: Total wichtig. Deshalb war ich in den letzten Wochen froh, ins Freilichtkino gehen zu können. Für mich ist es ein Nahrungsmittel ebenso wie das Theater. Man erzählt sich etwas durch Filme – wo man gesellschaftlich steht, welches Lebensgefühl, welche Ästhetiken es gibt. Ich brauche das, und mir geht es total ab. Ich kann nur begrenzt zu Hause Filme gucken. Ich brauche das Rausgehen und gemeinsame Schauen – es bringt auch eine andere Konzentration mit sich.

Sie haben keine Probleme damit, im Kino Masken zu tragen und auf Abstand zu sitzen?

Ratte-Polle: Nein. Ich komme auf jeden Fall damit klar, weil ich dieses Erlebnis eben brauche.

Im Zentrum des Films steht ein Kindergeburtstag. Wie präsent sind die Erinnerungen an Ihre eigenen?

Ratte-Polle: Total. Ich habe das geliebt. Ich bin auf dem Dorf groß geworden, da kamen viele Kinder. Alles war geschmückt, wir spielten Spiele. Ich fand das klasse.

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Ist eine Kindheit auf dem Dorf so idyllisch, wie das klingt?

Ratte-Polle: Als Kind habe ich das genossen. Ich hatte viele Freunde, es gab Ponys, wir spielten in der Natur. Die Natur brauche ich auch heute noch. Zum Glück habe ich eine Wohnung mit vielen Bäumen vor den Fenstern, was mich sehr entspannt. Aber ab 14 war für mich das Dorfleben nicht mehr so toll. Ohne Auto ist man da eben sehr eingeschränkt. Ich war froh, als ich weg konnte.

Für „Es gilt das gesprochene Wort“ erhielten Sie dieses Jahr eine Nominierung für einen Deutschen Filmpreis und wurden mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet. Bei der Verleihung in München wurden Sie sehr emotional, überzogen die Zeit Ihrer Dankesrede...

Ratte-Polle: Es ist wichtig, einen Preis zu kriegen. Das ist eine Form von Anerkennung. Die Gesellschaft funktioniert nun mal so. Und ich wollte etwas zurückschenken. Das fing damit an, dass diese Verleihung zufällig am Todestag meiner Eltern stattfand. Ich wollte deshalb vermitteln, dass man negative Erfahrungen ins Positive umkehren kann. Da fügte sich ein Baustein zum anderen. Mir ging es dabei vor allem darum, auf den Rechtsruck in der Gesellschaft einzugehen, mit dem Ziel, uns allen Vertrauen zu wünschen, dass wir die 20er-, 30er- und 40er-Jahre neu besetzen können. Es war die erste Rede, die ich geschrieben habe, und ich fand sie genauso gelungen und konnte keinen Satz mehr weglassen, ohne den Inhalt zu kürzen.

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Aber dann zog man Ihnen sogar das Mikrofon weg.

Ratte-Polle: Dadurch wurde es halt zu einer Performance, durch die die Rede viral wurde. Es war ein Schock, aber auch gut und lustig.

Sie sprachen dabei vom Tod Ihrer Eltern, die 2008 bei einem Unfall ums Leben kamen. Wie lernt man danach, wieder dem Leben zu vertrauen?

Ratte-Polle: Peu à peu. Jede Krise zwingt einen, sein Leben neu zu überdenken. Dadurch kommt man einen Schritt in der persönlichen Entwicklung weiter. Diese Erfahrung habe ich häufig gemacht. Wobei ich nicht sagen möchte, dass ich jetzt unbedingt Krisen suche, weil ich sonst nicht weiterkomme. Das erste Jahr, nachdem meine Eltern gestorben waren, war ein Vollschock, zumal ich vorher noch nie Tod in meiner näheren Umgebung erlebt hatte. Auch in der Gesellschaft wird das Thema gemieden, weil es wirtschaftlich nichts bringt. Alles wird getan, um das Leben zu verlängern, Alterserscheinungen werden eliminiert. Wenn man sich dagegen mit dem Tod auseinandersetzt, dann lernt man, dass er dazu gehört. Das macht einen gelassener und entspannter. Man rennt nicht mehr so sehr falschen Dingen hinterher.

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