Altersvorsorge: Lohnt sich jetzt der Kauf einer Immobilie?

Berlin.  Mieter rutschen häufiger als Eigentümer in die Altersarmut ab. Sollte man jetzt in der Corona-Krise auf dem Immobilienmarkt zuschlagen?

Nur 42 Prozent der Deutschen besitzen Wohneigentum. Doch Miete führt immer öfter zu Altersarmut, wie eine neue Studie zeigt.

Nur 42 Prozent der Deutschen besitzen Wohneigentum. Doch Miete führt immer öfter zu Altersarmut, wie eine neue Studie zeigt.

Foto: imago stock / imago images/Hoch Zwei Stock/Angerer

Die Rente steht für Freiheit, Unabhängigkeit und Freizeitgestaltung. Zumindest in der Theorie. In der Praxis steht sie immer häufiger für Altersarmut. Jeder dritte Rentner, der 40 Jahre in die gesetzliche Rentenkasse eingezahlt hat, bekommt weniger als 1000 Euro im Monat.

Gleichzeitig steigen insbesondere in den Metropolregionen die Mieten weiter stark an. Das Hannoveraner Pestel-Institut schlägt in einer aktuellen Studie nun Alarm: „Altersarmut ist primär Mieterarmut“, sagte Matthias Günther, Leiter des Forschungsinstituts.

Altersarmut: Mieterhaushalte verfügen über 42 Prozent weniger Geldvermögen

Im Auftrag des Verbändebündnisses Wohneigentum, zu denen unter anderem die Bundesarchitektenkammer und der Immobilienverband Deutschland gehören, hat das Pestel-Institut untersucht, inwieweit sich Altersarmut an die Wohnverhältnisse knüpft.

Die Forscher fanden heraus, dass Mieterhaushalte im Durchschnitt über 42 Prozent weniger Geldvermögen als Eigentümerhaushalte verfügen. Und: Selbst bei identischen Erwerbsbiografien bleibt Mietern am Ende weniger Geld im Portemonnaie.

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Studie: 7,2 Mieterhaushalte könnten zu Eigentümerhaushalten werden

Fast zwei Drittel aller Mieter geben über 30 Prozent ihres Nettoeinkommens für Wohnkosten aus. Bei Eigentümern ist es nur jeder Zehnte. Verringert sich das Einkommen, wenn man in Rente geht, kann das ein Problem darstellen – insbesondere in Deutschland.

57,9 Prozent wohnen laut Statistischem Bundesamt hierzulande zur Miete. Innerhalb Europas können nur in der Schweiz noch weniger Menschen ein Haus oder eine Wohnung ihr Eigen nennen. Dabei sieht Wohnungsmarkt-Forscher Günther großes Potenzial für einen Wandel: 7,2 Millionen Mieterhaushalte könnten sich den Traum vom Eigenheim erfüllen, wenn etwa die Rahmenbedingungen wie Bürgschaften oder Kreditprogramme ausgeweitet werden würden. Auch die Corona-Krise könnte Chancen bieten, etwa dann, wenn in Städten mehr Bürogebäude zu Wohnraum werden würden.

Eine Trendwende auf dem Immobilienmarkt ist nicht in Sicht

Doch wer gehofft hat, aufgrund der Wirtschaftskrise infolge der Pandemie nun ein Schnäppchen auf dem Immobilienmarkt schießen zu können, wird bisher enttäuscht. Die Krise hat im Sommer allenfalls eine Dämpfung des Anstiegs in einigen Teilen des Marktes gebracht, keine Trendwende.

„Sowohl die Kaufpreise für Eigentumswohnungen als auch für Einfamilienhäuser haben im zweiten Quartal wieder stärker angezogen“, kommentiert Thomas Schroeter, Geschäftsführer des Internetportals Immoscout24.

Preise steigen bei Mieten und bei Eigentumswohnungen

Auch die anderen Marktbeobachter bestätigen den Anstieg der Preise. Das auf Immobilien spezialisierte Forschungsinstitut Empirica warnt in seinem aktuellen „Blasenindex“ für das zweite Quartal vor einer weiteren Überhitzung des Marktes.

Die Analysten sorgen sich besonders um die steigende Verschuldung für den Wohnungskauf und -bau. Im Vergleich zur deutschen Wirtschaftsleistung erreichte der Schuldenstand im zweiten Quartal ein Zehnjahreshoch. Auch die Kaufpreise als Vielfaches des Jahreseinkommens wirken weiterhin hoch. „Der Verschuldungsindikator erwacht aus dem Dornröschenschlaf“, kommentieren die Analysten. „Derzeit sind Wohnungen für die Masse der jungen Familien mangels ausreichenden Eigenkapitals definitiv zu teuer.“

Günstige Kredite lassen Immobilien immer teurer werden

Grund für den Anstieg sind die immer günstigeren Kredite. Diese machen für die Bürger immer teurere Objekte finanzierbar. In einem Wettlauf um die vorhandenen Häuser und Wohnungen reizen sie diesen Spielraum aus und verdrängen sich gegenseitig aus dem Markt.

Die Notenbanken haben die Zinsen weltweit in der Finanzkrise von 2009 drastisch gesenkt und bis heute nicht auf ein normales Niveau zurückgeführt. „Wir sehen hier keine strukturellen Änderungen in der Situation“, sagt Empirica-Vorstand Reiner Braun. Im Gegenteil: Die Corona-Krise mache die Lage nicht besser, sondern verschärfe diese zusätzlich. Schließlich pumpt die Europäische Zen­tralbank derzeit wieder Rekordsummen in den Markt.

Immobilienpreise haben sich fast verdoppelt

Was das konkret bedeutet, hat Deutschlands größter Vermittler privater Baufinanzierungen, die Interhyp AG, ausgewertet. Lagen die durchschnittlichen Kosten einer über Interhyp vermittelten Immobilie inklusive Nebenkosten im Jahr 2010 noch bei 277.000 Euro, waren es zuletzt durchschnittlich 434.000. Allein im ersten Halbjahr des aktuellen Jahres seien die Preise um über sieben Prozent gestiegen.

Auch das Forschungsinstitut F + B verzeichnet einen Anstieg sowohl der Kaufpreise als auch der Mieten in allen Regionen Deutschlands mitten in der Corona-Krise. F + B zufolge sind die Preise für Ein- und Zweifamilienhäuser im zweiten Quartal mit einem Plus von neun Prozent im Vorjahresvergleich am schnellsten teurer geworden.

Eigentumswohnungen folgen mit einem Anstieg von sechs Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Bei den Mieten sieht das Institut jedoch eher Stagnation, hier war der Anstieg nach Beobachtung der Forscher minimal. Es gab jedoch auch keinen Rückgang.

Kommt im Winter der Preissturz?

Das Gewos-Institut aus Hamburg erwartet im Jahresverlauf jedoch insgesamt steigende Mieten und beobachtet eine Fortsetzung des Trends bei den Kaufpreisen. „Bisher lässt sich kein Corona-Einbruch am deutschen Immobilienmarkt ablesen“, sagt Gewos-Chefin Carolin Wandzik.

Ob die Fortsetzung der Pandemiekrise im Winter nicht doch noch einen Einbruch verursache, müsse sich aber noch zeigen. Schließlich können die höhere Arbeitslosigkeit und die lange Kurzarbeit nicht spurlos an der Zahlungsfähigkeit vorbeigehen.

Mieterbund warnt vor Pleitewelle im Herbst

Die erhoffte Entlastung auf dem Immobilienmarkt bleibt also vorerst aus. „Jede zweite deutsche Großstadt ist für Familien kaum noch bezahlbar“, stellt das Portal Immowelt in einer aktuellen Marktanalyse fest.

Dabei seien jetzt die Sorgen vieler Mieter schon groß, berichtet Lukas Siebenkotten, Präsident des Deutschen Mieterbundes. „Die Situation von Mietern ist nach wie vor angespannt. Immer noch geht es in rund jeder zehnten Beratung, die die Mietvereine durchführen, um Fragen zu Zahlungsproblemen aufgrund der Corona-Krise“, sagte der Mieterbundspräsident unserer Redaktion.

Sorgen bereitet ihn die erwartete Welle an Privat-Insolvenzen im Herbst. „Ich halte es für wahrscheinlich, dass die im Herbst erwartete Pleitewelle zu einer Verschärfung der Situation führen könnte“, warnte Siebenkotten.

Mieterbund fordert einen „Sicher-Wohnen-Fonds“

In diesem Falle müsse die Regierung schnell reagieren und das im Juni ausgelaufene Kündigungsmoratorium neu aufsetzen. Zudem forderte Siebenkotten einen „Sicher-Wohnen-Fonds“ für Mieter und kleine Vermieter. In diesen Fonds müsse auch die Immobilienwirtschaft miteinbezahlen. „Sie kommt so gut durch die Krise wie sonst kaum jemand. Damit geht auch Verantwortung einher“, sagte Siebenkotten. Die größten deutschen Wohnungskonzerne Vonovia und der Dax-Neuling Deutsche Wohnen etwa gelten als Krisengewinner.

Der Mieterbunds-Präsident warnte davor, dass eine steigende Arbeitslosigkeit infolge der Corona-Krise bei gleichzeitig steigenden Mieten auch die Altersarmut befeuern könnte. Zwar rechne er nicht damit, dass der Mietenanstieg dauerhaft anhält. „Zu sagen, wann es aber zu einem Stopp oder gar zu einem Rückgang kommt, wäre Kaffeesatzleserei“, sagte Siebenkotten.

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