Hamburg. Ex-HSV-Star Rafael van der Vaart spricht vor dem Duell gegen die Elftal über das Prestigeduell und erklärt, warum er Jogi Löw nicht versteht

Deutschland gegen die Niederlande. Im ausverkauften Volksparkstadion. Viel mehr Prestige geht nicht. Findet auch Rafael van der Vaart, der aber beim Abendblatt-Termin im East-Hotel zunächst ein ganz anderes Traditionsduell im Kopf hat: Victoria Hamburg gegen den ETV. Nicht die Herren, sondern die U14 mit Sohnemann Damian. Am Nachmittag würde er trotz Nieselregens im Stadion Hoheluft vorbeischauen. Aber bis dahin, so Papa van der Vaart, habe er natürlich Zeit, ein wenig über die Elftal zu philosophieren.

Herr van der Vaart, wie werden Sie das Spiel der Niederlande gegen Deutschland in Ihrem Wohnzimmer Volksparkstadion verfolgen? Mit Bratwurst, Bierchen und Damian von der Tribüne aus?

Rafael van der Vaart: Schön wär’s. (lacht) Damian wird tatsächlich dabei sein, aber ich muss leider arbeiten. Ich werde als Experte für den niederländischen Sender NOS das Spiel begleiten.

Und was sagt der Experte? Haben die Niederlande nach den verpassten EM- und WM-Turnieren den Turnaround geschafft?

Van der Vaart: Ich denke schon. Die letzten Spiele waren auch fußballerisch richtig gut. Trainer Ronald Koeman hat das fragile Gebilde stabilisiert. Untypisch für Holland kann er besonders auf eine überragende Defensive setzen: Mit Matthijs de Ligt und Virgil van Dijk hat er wohl die talentierteste Innenverteidigung der Welt zur Verfügung. Besonders de Ligt ist unglaublich. Ich bin sehr gespannt, wie er sich bei Juventus Turin schlägt. In Italien ist das Verteidigen ja noch wichtiger als das Angreifen.

In Holland nicht. Kann man sich als früherer Mittelfeldregisseur der Elftal trotzdem damit anfreunden, dass das Prunkstück der Nationalmannschaft nicht mehr das typische „Voetbal Total“ sondern die Defensive ist?

Van der Vaart: Natürlich bin ich ein Verfechter des Offensivspiels. Aber das eine schließt das andere ja nicht aus. De Ligt und van Dijk sind weltklasse. Und es ist schon beeindruckend, wie sie das Spiel auch mit aufbauen. Auf Deutsch muss man wohl sagen: Einfach geil.

Einfach geil war aus deutscher Sicht auch das Hinspiel. Erwarten Sie im Volkspark nun ein ähnliches Spektakel wie beim 3:2 im Hinspiel?

Van der Vaart: Deutschland gegen die Niederlande ist immer ein Spektakel. Und auch als Holländer muss ich zugeben, dass ihr Deutschen auch immer gut spielt.

Nationaltrainer Roland Koeman im Gespräch mit Memphis Depay.
Nationaltrainer Roland Koeman im Gespräch mit Memphis Depay. © Reuters

Fast immer. Beim 0:3 in der Nations League sah das DFB-Team nicht so gut aus.

Van der Vaart: Da muss ich widersprechen. Ihr Deutschen schaut eben nur auf das Ergebnis. Auch in dem Spiel war Deutschland stark, hatte hinten hinaus aber Pech. Keiner bei uns hat wirklich kapiert, wie wir dieses Spiel 3:0 gewinnen konnten. Haben wir aber.

Koeman hat es gewagt, das in Holland heilige 4-3-3-System zu modifizieren.

Van der Vaart: Und der Erfolg gibt ihm Recht. Wir waren so am Boden, dass er alles machen konnte. Es wurde einfach gesagt: Mach es so, wie Du es willst. Hauptsache wir gewinnen mal wieder. Und jetzt, wo wir wieder erfolgreich sind, setzt Koeman auch wieder häufiger auf ein 4-3-3. Frankie de Jong ist dabei Koemans wichtigster Mann. Er ist immer am Ball.

Fehlt nur noch ein Weltklassestürmer?

Van der Vaart: Wir haben Steven Bergwijn, Memphis Depay, Ryan Babel, Quincy Promes. Das sind alles richtig gute Offensivkräfte. Aber ein Weltklassemann in der Offensive könnte der Mannschaft noch gut tun. Ein junger Sneijder oder ein junger van der Vaart vielleicht (lacht).

Ist die Generation de Jong, de Ligt und van Dijk auf dem Weg so erfolgreich zu werden wie die Generation van der Vaart und Sneijder?

Van der Vaart: Wenn man Frankreich schlägt, das war das beste Spiel, und auch Deutschland, dann ist man auf einem guten Weg. Vielleicht sogar auf einem sehr guten Weg, aber das Ziel ist noch nicht in Sicht.

Ist Deutschland schon ein paar Meter weiter als die Niederlande?

Van der Vaart: Auf jeden Fall. Deutschland scheint ein unerschöpfliches Reservoir an Talenten zu haben. Ihr habt so viele gute junge Spieler – und merkt es noch nicht mal. Leroy Sané, Julian Brandt, Timo Werner, Kai Havertz, Leon Goretzka, Niklas Süle und wahrscheinlich habe ich jetzt noch ein halbes Dutzend vergessen. Deutschlands U21 ist doch auch fast immer bei allen Turnieren erfolgreich. Also um den Deutschen Nachwuchs würde ich mir jedenfalls keine allzu großen Gedanken machen. Ich würde mir eher um eure Routiniers Gedanken machen.

Van der Vaart: Abschiedsspiel am 13. Oktober

Am 13. Oktober (15 Uhr) bittet Rafael van der Vaart zum großen Abschiedsspiel in den Volkspark. Rafas HSV-Stars (u.a. mit Sergej Barbarez, David Jarolim, Vincent Kompany und Thimothée Atouba) treffen auf Rafas All-Stars (u.a. mit Arjen Robben, Clarence Seedorf, Patrick Kluivert und Fabio Cannavaro). Tickets ab 25 Euro gibt es unter: https://vandervaart.game-of-champions.de/

Wie meinen Sie das?

Van der Vaart: Ich finde Süle sehr stark, aber ich habe nicht verstanden, dass Joachim Löw Jerome Boateng und Mats Hummels in Rente geschickt hat. Einen von beiden hätte ich auf jeden Fall behalten. Und ganz ehrlich: Mats Hummels hat doch eine überragende Rückrunde gespielt. Warum soll er nicht mehr für Deutschland spielen?

Es gibt bereits erste Stimmen, die ihn zurückholen würden, wenn er seine starke Rückrunde nun auch in Dortmund bestätigt. Sollte man eine Tür, die zu war, noch einmal aufmachen?

Van der Vaart: Wie gesagt: Ich verstehe überhaupt nicht, dass die Tür überhaupt zu war. Joachim Löw hätte doch einfach sagen können: Mats, ich sehe momentan andere vor Dir, aber wenn Du überragende Leistungen bringst, dann bist Du natürlich wieder dabei. Diesen Spalt hätte ich als Bundestrainer of-fengelassen.

Träumen Sie manchmal davon, irgendwann mal selbst Bondscoach zu sein?

Van der Vaart: Natürlich wäre das ein Traum. Aber dafür müsste ich erst einmal alle Trainerscheine machen. Ich hätte dazu schon Lust, aber das wird eine lange Zeit dauern. Und obwohl ich Lust hätte, Trainer zu werden, fürchte ich, dass ich ein schlechter Trainer werde.

Warum?

Rafael van der Vaart in seinem letzten Spiel für den HSV am 1. Juni 2015 in der Relegation beim Karlsruher SC.
Rafael van der Vaart in seinem letzten Spiel für den HSV am 1. Juni 2015 in der Relegation beim Karlsruher SC. © dpa

Van der Vaart: Ich liebe den Fußball, nicht das Ergebnis. Ich denke immer nur an die Offensive – und als Trainer darfst Du leider auch die Defensive nicht vernachlässigen. Aber ich will Spektakelfußball. Ich kann mich zum Beispiel noch sehr gut an ein entscheidendes Spiel mit Tottenham Hotspur gegen Arsenal am Saisonende erinnern. Wir mussten unbedingt gewinnen, ein 1:0 hätte uns gereicht. Wir haben dann aber 3:3 gespielt. Vom Ergebnis hat das dann nicht gereicht, aber es war eines der unglaublichsten Spiele, das ich je gespielt habe. Es war Fußball pur. Und nach so einem Spiel kann ich nicht traurig sein. Ich bin ein Fußball-Romantiker.

Deutschland gegen die Niederlande ist doch ein Traum für Fußball-Romantiker.

Van der Vaart: Auf jeden Fall. Und ich gehe auch beim Spiel in Hamburg von einem Fest aus. Es gibt zwar nicht mehr die ganz große Rivalität wie früher, aber die braucht man für ein Fußballfest auch nicht.

Welches Duell zwischen Deutschland und den Niederlanden war das erste, an das Sie sich erinnern?

Van der Vaart: Beim 2:1-Sieg Hollands 1988 bei der Europameisterschaft war ich fünf Jahre alt. Ich weiß noch, dass ich das Spiel zuhause mit meinem Vater geguckt habe. Und komischerweise kann ich mich noch sehr genau daran erinnern, dass ich geweint habe, als Lothar Matthäus in der 55. Minute per Elfmeter zum 1:0 traf. An die beiden Treffer van Bastens zum 2:1-Sieg kann ich mich dagegen nicht mehr so richtig erinnern. Vielleicht war ich da dann eingeschlafen (lacht).

Beim legendären 2:1-Sieg Deutschlands bei der WM 1990 waren Sie sieben Jahre alt…

Van der Vaart: Und an das Spiel kann ich mich leider von der ersten bis zur letzten Minute an alles erinnern. Auch an die Spuckattacke von Frank Rijkaard. Ihr Deutschen hattet dummerweise meistens die Nase vorn.

Auch Sie haben fünfmal gegen Deutschland gespielt, aber nur einmal gewonnen.

Van der Vaart: Stimmt. Und das ist lange her. 2002 in einem Freundschaftsspiel haben wir 3:1 gewonnen. Besonders bitter war aber ein Spiel, bei dem ich gar nicht dabei war, weil ich verletzt war. 0:3 hat unsere Mannschaft vor ein paar Jahren hier in Hamburg gegen Deutschland verloren. Ihr habt Fußball vom anderen Stern gespielt.

Ihr Sohn Damian ist in Amsterdam geboren, hat aber fast sein ganzes Leben in Hamburg gelebt. Und er ist ein sehr talentierter Fußballer…

Van der Vaart: …und jetzt wollen Sie mich fragen, für welche Nationalmannschaft er sich entscheiden würde, wenn beide anfragen?

Genau.

Van der Vaart: Er ist ja noch 13 Jahre alt, deswegen stellt sich diese Frage eigentlich nicht. Aber selbst wenn die Frage tatsächlich in ein paar Jahren mal hochkommen sollte, ist sie längst beantwortet: Natürlich würde er für die Niederlande spielen.

Sagt Damian oder Papa Rafael?

Van der Vaart (lacht): In diesem speziellen Fall hat Damian ausnahmsweise mal kein Mitspracherecht.