Ist eine Maskenpflicht die Lösung in der Corona-Krise?

Berlin.  Kanzlerin Merkel will über eine Lockerung der Freiheitsbeschränkungen erst reden, wenn sich das Infektionstempo deutlich verlangsamt.

Mundschutz statt Dirndl: Bayerische Schneiderin sattelt um

Normalerweise fertigt Babs Würtz maßgeschneiderte Trachten, doch mit der Corona-Krise ist die Nachfrage nach Dirndl-Kleidern eingebrochen. Jetzt näht die bayerische Schneiderin Mundschutze und kommt mit der Produktion kaum hinterher.

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„Wie lange noch?“ Das ist die Frage, die sich Menschen überall in Deutschland derzeit stellen – inklusive Kanzlerin und Regierungschefs der Länder. Die bundesweiten Ausgangsbeschränkungen in der Corona-Krise zehrt an den Nerven der Deutschen.

Sicher ist: Bevor sich an den Infektionszahlen keine deutliche Trendwende ablesen lässt, werden die Corona-Regeln nicht gelockert. Doch was muss passieren, damit das gelingt? Braucht Deutschland eine Maskenpflicht, um die Infektionskurve zu senken? Österreich führt sie jetzt für Supermärkte ein, auch in Deutschland liegt die Frage auf dem Tisch.

Das Robert-Koch-Institut erklärte am vergangenen Dienstag, dass auch selbst gebastelte Atemmasken hilfreich seien. Sie hielten Tröpfchen zurück, wenn man huste und niese. Das sei für den Schutz anderer Menschen wichtig, so RKI-Chef Lothar Wieler.

Maskenpflicht in der Corona-Krise? Wo liegt Merkels Messlatte?

Entscheidend für die Bundesregierung ist im Augenblick die Entwicklung der Infektionsgeschwindigkeit. Je langsamer die Fallzahlen steigen, desto besser. Noch vor drei Wochen verdoppelten sich die Zahlen alle drei Tage, später nur noch alle vier Tage, am Wochenende dauerte es nur noch 5,5 Tage, inzwischen sind es sieben.

Doch das reicht nicht: „Noch geben uns die täglichen Zahlen der Neuinfektionen leider keinen Grund, nachzulassen oder die Regeln zu lockern“, warnte Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Um das Gesundheitssystem nicht zu überfordern, hängt Merkel die Messlatte deutlich höher: Ziel sei es jetzt, dass sich die Zahlen nur noch alle zehn Tage verdoppeln.

Kanzleramtsminister Helge Braun geht sogar noch weiter: „Wir brauchen zehn, zwölf oder 14 Tage“, sagte der CDU-Politiker. „Dann hätten wir erst mal den Punkt erreicht, dass unser Gesundheitssystem nicht überfordert wird.“ Ob das bereits auch der Punkt wäre, die Maßnahmen zu lockern – das mag derzeit niemand voraussagen. Erwartet wird, dass sich Bund und Länder an diesem Mittwoch zunächst darauf verständigen, die Maßnahmen bundesweit mindestens bis zum 19. April aufrechtzuerhalten.

Das Problem: Es gibt zwei Faktoren, die die Entwicklung der Zahlen beeinflussen. Wenn sich das Virus durch öffentliche Maßnahmen wie Kontaktverbote oder flächendeckendes Tragen von Schutzmasken langsamer ausbreitet, brauchen die Infektionszahlen länger, um sich zu verdoppeln. Wenn aber gleichzeitig die Zahl der Tests deutlich ausgeweitet wird und damit automatisch auch die Zahl der positiv getesteten Menschen wächst – dann kann das rechnerisch den positiven Effekt der Kontaktverbote dämpfen oder sogar unsichtbar machen.

„Wir müssen davon ausgehen, dass die Zahl der tatsächlich Infizierten die der laborbestätigten Diagnosen um ein Vielfaches übersteigt“, mahnt Hartmut Hengel, Präsident der Gesellschaft für Virologie. Einige Experten gehen von einem Zehnfachen der gemeldeten Zahlen aus.

In Jena gilt bereits die Maskenpflicht

Österreich und Tschechien haben es vorgemacht, mit Jena zog die erste deutsche Stadt nach: Das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes ist in Geschäften, Bussen und Bahnen sowie in Gebäuden mit Publikumsverkehr verpflichtend, teilte die thüringische Kommune mit. Neben Masken seien auch Tücher oder Schals als Schutz möglich, wenn sie Nase und Mund bedecken.

Die Stadt hat nach eigenen Angaben eine Grundausstattung an Masken. Damit wolle man Pflegekräfte und Ärzte sowie andere Menschen in systemrelevanten Berufen versorgen. An die Bevölkerung erging die Bitte: „Nähen Sie sich selbst und anderen Menschen den wichtigen Mund-Nasen-Schutz, um die Verbreitung des Virus einzudämmen.“ Auch andere Kommunen rufen ihre Bürger zum Tragen von Masken auf. Ein Modell für ganz Deutschland?

Vizekanzler Olaf Scholz (SPD), Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und NRW-Regierungschef Armin Laschet (CDU) sprachen sich vorerst gegen eine allgemeine Mundschutzpflicht aus. Auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hält im Moment noch nichts davon: „In der jetzigen Lage sehe ich keine Notwendigkeit zu einer Verpflichtung.“ Masken könnten „tatsächlich auch eine Hilfe sein dabei, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen“ – das sei dann aber ein freiwilliger Akt der Solidarität.

Auch aus anderen Bundesländern kam Skepsis: Die Politik hat schlicht Angst, den Maskenmangel in Praxen und Kliniken, bei Pflegeheimen und Pflegediensten noch zu verschärfen.

Etliche Experten dagegen drängen darauf. Denn: Einfache Masken schützen davor, dass ein infizierter Träger andere in seinem Umfeld ansteckt. Ärztepräsident Klaus Reinhardt rät deswegen zur Maske: „Besorgen Sie sich einfache Schutzmasken oder basteln Sie sich selbst welche und tragen Sie diese im öffentlichen Raum.“ Auch ein Virologe forderte bei „Anne Will“ Mundschutz für alle.

Maskenpflicht in Deutschland? Virologe Drosten unterstützt Maskentragen

Der Virologe Christian Drosten erklärt den Effekt: Bereits ein Stück Tuch vor dem Mund könne die großen Tröpfchen beim Sprechen, Husten oder Niesen abfangen. „Je näher dran an der Quelle, desto besser. Deswegen muss die Maske an der Quelle sein und nicht am Empfänger.“ Durch Masken könne vor allem vermieden werden, dass infizierte Menschen, die keine oder noch keine Symptome haben, andere unwissentlich anstecken.

„Man geht nicht mit Symptomen in den Supermarkt, aber man erkennt an, dass man nicht weiß, ob man morgen Symptome kriegt“, so Drosten. Der Virologe setzt zudem auf den psychologischen Effekt: Wenn viele in der Öffentlichkeit eine Maske trügen, werde man daran erinnert, dass die Lage ernst sei. Andere Experten warnen dagegen, dass sich ein falsches Sicherheitsgefühl einstellen könnte und Regeln wie Händewaschen und Abstandhalten nicht mehr eingehalten würden.

Im Gesundheitsministerium denken sie allerdings schon deswegen über eine Maskenpflicht nach, weil das ein Mittel wäre, bei gelockerten Ausgangsbeschränkungen das Infektionsrisiko zu senken. Um die Maskenproduktion bis dahin anzukurbeln, will die Bundesregierung nun branchenfremde Unternehmen, die in die Herstellung einsteigen, vor Risiken schützen.

Was passiert nach Ostern?

Der nächste wichtige Stichtag ist der 15. April, der Mittwoch nach Ostern: Bis zur Kabinettssitzung an diesem Tag will die Bundesregierung die bisherigen Corona-Maßnahmen bewerten. Darin dürfte auch einfließen, wie die Kontaktregeln über die Feiertage eingehalten werden. Dass das Familienfest die Disziplin der Deutschen auf eine harte Probe stellen wird, ist klar.

Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, erwägt deswegen sogar noch eine Verschärfung der Regeln zu Ostern: Die SPD-Politikerin regte an, „dass wir uns das Kontaktverbot Richtung Osterferien noch einmal anschauen und in meinen Augen eher noch konkretisieren und verschärfen müssen“. Auch Gesundheitsminister Jens Spahn mahnt: „Wir können dann nach Ostern möglicherweise über eine Veränderung reden, wenn wir bis Ostern alle miteinander konsequent sind.“

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