Rechtsextremismus

„Insta-Cop“ mit Nähe zu Neonazi: Innenministerium reagiert

| Lesedauer: 4 Minuten
Wie Rechte am Balaton unter deutschen Auswanderern mobilmachen

Wie Rechte am Balaton unter deutschen Auswanderern mobilmachen

Unser FUNKE-Reporter Christian Unger hat sich auf den Weg nach Ungarn gemacht: Denn immer mehr Deutsche fliehen dorthin – vor allem Rechte machen sich den Orbán-Staat zunutze. Eine Recherche vor Ort.

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Berlin/Hannover.  Die Frau aus Niedersachsen gilt als Vorzeige-Polizistin – und soll mit einem Neonazi liiert sein. Das Innenministerium ist alarmiert.

Es ist erst ein paar Tage her, da durfte die Polizeikommissarin Anna J. noch einmal posieren. Eine Lokalzeitung porträtiert die Beamtin und ihren Schäferhund von der Diensthundeführerstaffel.

Für die Polizei in Niedersachsen ist Anna J. seit einiger Zeit ein Aushängeschild. Die junge Frau gibt Einblicke in den Polizeialltag, in ihren Alltag. Oft auch mit Hund.

Die Beamtin ist eine „Insta-Cop“, eine Beamtin, die Bilder von der Polizeiarbeit auf der sozialen Foto-Plattform Instagram postet. Mehr als 8000 Menschen folgen ihr auf dem sozialen Netzwerk, darunter auch Polizeigewerkschaften.

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Doch offenbar steht an der Seite von Anna J. nicht nur ihr Schäferhund. Sondern auch Jannik R. – ein mutmaßlicher Rechtsextremist, der auch schon gewalttätig gewesen sein soll. Fotos zeigen die beiden, mit Hunden, Arm in Arm. Jüngst im Urlaub in Dänemark und in Norwegen. Diensthund neben dem Hund von R., „Bronson“. Lesen Sie auch: Ukraine-Krieg – kommen jetzt die Neonazis aus Deutschland?

Jannik R. trägt szenetypische Kleidung und besuchte Neonazi-Veranstaltungen

Das antifaschistische Netzwerk „Recherche Kollektiv Ostwestfalen“ hat den Fall öffentlich gemacht, zeigt Fotos des mutmaßlichen Neonazis R. aus den vergangenen Jahren in szenetypischer Markenkleidung, etwa einem T-Shirt des Rechtsrock-Labels „Opos Record“ oder einem Slogan der Neonazi-Band „Überzeugungstäter“. Motto: „Der Kampf bleibt Vater aller Dinge“. Und die Recherchegruppe dokumentiert die Verstrickungen von R. im extremistischen Milieu.

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Nach Informationen unserer Redaktion soll R. auch den Sicherheitsbehörden als Rechtsextremist bekannt sein. Er selbst gibt auf Instagram an, im Kampfsport aktiv zu sein. Laut einem Bericht der „taz“ verurteilte das Landgericht Bielefeld R. 2013 wegen eines Angriffs auf eine linksalternative Szenekneipe in Minden.

Auch danach fiel Jannik R. nach Recherchen verschiedener Medien weiter auf Veranstaltungen der rechtsextremen Szene auf, besuchte Trauermärsche, etwa 2013 in Bad Nenndorf, nahm bei Treffen der Neonazi-Partei „Der III. Weg“ teil.

Zuletzt soll Jannik R. laut Medienberichten nicht mehr offen auf der Straße in der rechtsextremen Szene aktiv gewesen sein. Anzeichen für eine Distanzierung von dem Milieu gibt es demnach allerdings auch nicht.

Noch ist unklar, ob die Polizistin ihre Funktion bei der Polizei missbraucht hat

Nun ist R. laut der Berichte seit zwei Jahren mit der Polizistin und „Insta-Cop“ Anna J. liiert. Das ist brisant, denn als Polizistin ist die Bedienstete nicht nur der Verfassung verpflichtet und soll sie verteidigen – die Beamtin hat auch Zugang zu sensiblen Polizeidaten und ihrer Dienstwaffe.

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Noch ist unklar, ob und inwieweit die Polizistin ihre Funktion bei der Polizei missbraucht hat. Hinweise gibt es nicht. Auch in der Vergangenheit soll die Beamtin nicht auffällig gewesen sein. Und doch sind die Behörden alarmiert.

Lagebild: Hunderte Beamte mit Verbindungen in extremistische Szene

Das niedersächsische Innenministerium teilt auf Nachfrage unserer Redaktion mit, man habe „sofort eine intensive Überprüfung“ eingeleitet. Sollte sich der Verdacht eines Fehlverhaltens bestätigen, werde ein dienstrechtliches und möglicherweise auf strafrechtliches Verfahren eröffnet. „Dieser Account wurde mit sofortiger Wirkung bis auf Weiteres gesperrt“, schreibt ein Ministeriumssprecher.

Der Fall in Niedersachsen fällt in eine heikle Debatte: Immer wieder wurden in den vergangenen Jahren Fälle von rechtsextremen Netzwerken bei der Polizei bekannt. Ein Lagebericht des Bundesinnenministeriums ergab jüngst: In 327 Fällen in drei Jahren fielen Bedienstete bei Polizei, Verfassungsschutz und Bundeswehr mit verfassungsfeindlichen Bestrebungen auf.

Gut 200 Beamtinnen und Beamte haben laut dem Lagebericht „einschlägige Netzwerkbeziehungen“, sind verbunden etwa mit Neonazi-Akteuren oder rechtsextremen Organisationen. Auch an Veranstaltungen und Chatgruppen der Szene sollen sich die auffälligen Beamten aufgehalten haben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.

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