Kriegswaffen

Phosphorbomben: Warum sie eine grausame Waffe sind

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Ukraine-Krieg: Das sind Phosphorbomben

Ukraine-Krieg: Das sind Phosphorbomben

In der Ost-Ukraine sollen russische Truppen wohl Phosphorbomben eingesetzt haben. Das Video erklärt, das Phosphorbomben sind.

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Berlin   Russland soll in der Ukraine angeblich Phosphorbomben eingesetzt haben. Sie sind brutale und zudem verbotene Kriegswaffen.

Viele Experten sagen voraus, dass der Krieg in der Ukraine brutaler und blutiger wird, je hartnäckiger, je länger der Widerstand gegen Russland anhält. Wie weit will Präsident Wladimir Putin noch gehen? Spekuliert wird über eine wahre Horrorwaffe. Die Rede ist von Phosphorbomben.

Gerüchte, wonach sie von der russischen Luftwaffe längst abgeworfen wurden, lassen sich nicht überprüfen. Der Polizeichef der Kleinstadt Poposna, Oleksij Bilotschyzky, schreibt auf auf Facebook angeblich nach einem solchen Angriff: Es gebe "unbeschreibliches Leid und Brände".

Phosphorbomben: Militärexperte erklärt Wirkung

Angriffe mit Phosphorbomben wären ein Kriegsverbrechen. Ihr Einsatz ist nach den Zusatzprotokollen des Genfer Abkommens seit 1977 verboten – wenn Kollateralschäden im Krieg nicht ausgeschlossen werden können. Lesen Sie hier: Ist Wladimir Putin ein Kriegsverbrecher?

Phosphorwaffen erzeugen Rauchwände. So könnten Truppenbewegungen verschleiert werden, schreibt der US-Armeejurist Matthew J. Aiesi auf dem Militärblog "Lawfare". Außerdem werden sie eingesetzt, um nachts Ziele für Luft- oder Artillerieschläge zu erleuchten.

Allerdings werden Phosphorwaffen nicht nur aus militärtaktischen Gründen eingesetzt. Manchmal treffen sie die Zivilbevölkerung – wo sie heftige Schäden anrichten können. Das liegt an ihrer Zusammensetzung: Die Organisation "International Physicians for the Prevention of Nuclear War" (IPPNW) erklärt, dass Phosphorbomben Brandbomben sind, deren Hauptbestandteil ein Gemisch aus weißem Phosphor und Kautschuk ist.

Phosphorpartikel verursachen schwere Schäden im Körper

Der weiße Phosphor verbrennt bei Temperaturen jenseits der 1000 Grad Celsius. Daraus resultierende Feuer können nicht mit Wasser gelöscht werden. Zwar kann man die Flammen ablöschen, nach wenigen Sekunden flammt das Gemisch aber wieder auf. Um ein durch Phosphor entstandenes Feuer zu löschen, müssen die Flammen mit Sand erstickt werden.

Auch der in den Bomben enthaltene Kautschuk sorgt für schwere Verletzungen. Das brennende Phosphor-Kautschuk-Gemisch bleibt bei Kontakt mit der Haut haften und breitet sich auf dem Körper aus.

Dabei kann es Verbrennungen zweiten und dritten Grades auslösen, die sich bis auf die Knochen durch den Körper fressen. Außerdem werden die Phosphorpartikel vom Körper aufgenommen. Sie sind hochgiftig und können Leber-, Herz- und Nierenschäden auslösen, warnt die US-Behörde "Agency for Toxic Substances and Disease Registry" (ATSDR).

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Doch auch der eigentliche Einsatzzweck von Phosphorbomben ist extrem gefährlich. Laut ATSDR kann das Einatmen des bei Phosphorexplosionen entstehenden Rauchs die Augen reizen sowie die Atemwege beschädigen. In höheren Konzentrationen kann weißer Phosphor schwere Verbrennungen in den Atemwegen auslösen, die im schlimmsten Fall zum Tod führen können.

Ein weiterer Punkt, der die Bomben so grausam macht: Die Opfer eines Phosphorangriffs sind auch lange nach der Attacke stark beeinträchtigt, wie die NGO "Human Rights Watch" (HRW) in einem Bericht dazu schreibt: "Opfer, die ihre ersten Verletzungen überleben können noch lange an intensiven Schmerzen, schweren Infektionen, Organversagen und einem schlechten Immunsystem leiden." Und weiter: "Sie können außerdem entstellt werden und ein Leben lang mit schweren Behinderungen, psychischen Traumata und der Unfähigkeit gezeichnet sein, sich in die Gesellschaft zu integrieren."

Polens Präsident spricht von "Wendepunkt"

Trotz alledem unterliegen Phosphorbomben nicht der Chemiewaffenkonvention. Laut Erik Tollefsen, dem Chef der Kampfmittelbeseitigungseinheit des Internationalen Kommittees des Roten Kreuzes, liege das unter anderem daran, dass die internationalen Regeln der Kriegsführung von den diplomatischen Vertretern der Armeen gemacht wurden. Deshalb würden viele dieser Regeln das Erreichen militärischer Ziele über den Schutz der Zivilgesellschaft stellen, erklärt Tollefsen dem US-Magazin "Newsweek".

Der Einsatz solcher Phosphorbomben im Krieg Russlands gegen die Ukraine könnte auch für ein Umdenken in der Politik der Nato-Staaten sorgen. Würde Russland Chemiewaffen einsetzen, wäre das ein "Wendepunkt", sagte Polens Präsident Andrzej Duda in einem BBC-Interview. In diesem Fall müssten die Nato-Staaten ihre weiteren Schritte ernsthaft überdenken, "denn dann wird es gefährlich. Nicht nur für Europa, nicht nur für unseren Teil Europas, sondern für die ganze Welt."

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.waz.de

Ukraine-Krieg – Hintergründe und Erklärungen zum Konflikt

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