Michail Gorbatschow: Der Wegbereiter der Einheit wird 90

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Der Tag der Deutschen Einheit

Der Tag der Deutschen Einheit

Mit dem Mauerfall 1998 und der Wiedervereinigung 1990 kam das Ende der DDR und die neuen Bundesländer traten der BRD bei. Seitdem ist der 3. Oktober der Nationalfeiertag der Deutschen Einheit.

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Moskau.  Im Westen gilt Gorbatschow als Held, der den Kalten Krieg beendet hat. In der Heimat sehen ihn viele als Totengräber russischer Größe.

Auch im hohen Alter ist Michail Gorbatschow noch zu Witzen aufgelegt. „Er besitzt enormen Humor, schwarzen Humor“, erzählt Dmitri Muratow, Chefredakteur der Oppositionszeitung „Nowaja Gaseta“. Einmal, bei einer Andacht für seine verstorbene Frau Raissa, habe ein Erzbischof Gorbatschow gewünscht, er möge noch 20, 30 Jahre leben. Der antwortete: „Eure Heiligkeit, wir sollten besser im Rahmen von Fünfjahresplänen denken.“ Ein Wink auf jene Planwirtschaft, die Gorbatschow einst umbauen wollte.

Michail Sergejewitsch Gorbatschow, der letzte Generalsekretär der sowjetischen KPdSU, wird an diesem Dienstag 90 Jahre alt. Im Westen gilt er als der Mann, der den Kalten Krieg beendet hat, in Deutschland wird er als Vater der Wiedervereinigung gefeiert.

Gorbatschow handelte mit den US-Präsidenten Ronald Reagan und George H. W. Bush Verträge aus, die den atomaren und chemischen Rüstungswettlauf beendeten. Gemeinsam mit Bush verkündete er am 2. Dezember 1989 bei einem Gipfeltreffen vor der Küste Maltas das Ende der Ost-West-Spaltung. Bei Gesprächen mit Bundeskanzler Helmut Kohl Mitte Juli 1990 im Kaukasus machte Gorbatschow den Weg frei für die Nato-Mitgliedschaft des wiedervereinigten Deutschlands.

Lesen Sie hier: Tag der Deutschen Einheit: Warum eigentlich der 3. Oktober?

Gorbatschow wird 90: In Deutschland gab es „Gorbi“-Euphorie

Als die Menschen in Osteuropa gegen die sozialistischen Diktaturen auf die Straße gingen, schickte Moskau keine Panzer. Anders als bei den Aufständen in Berlin 1953, Budapest 1956 oder Prag 1968. Nach dem Berliner Mauerfall 1989 folgte der Domino-Kollaps der kommunistischen Satellitenstaaten. Gorbatschow wurde im Westen zum politischen Popstar. Wo immer er mit seiner Frau Raissa auftauchte, überschlug sich die Presse über das neue Glamour-Paar. In Deutschland gab es eine regelrechte „Gorbi“-Euphorie.

In Russland aber will man ihm nicht verzeihen, dass sein Versuch, die Sowjetunion zu reformieren, mit deren Zusammenbruch endete. Zunächst ließ die Politik von Glasnost und Perestroika – Offenheit und Umgestaltung – Millionen Menschen in der zweiten Hälfte der 1980er- Jahre auf ein besseres Leben hoffen. Doch bei vielen Russen herrscht heute die Erinnerung an den ungezügelten Kapitalismus und die zahlreichen Privatisierungen vor, die nach dem Ende des Kommunismus über das Land hereinbrachen und von denen vor allem einige Oligarchen profitierten. Etliche Menschen rutschten in die Armut.

Gorbatschow wollte das System reformieren – nicht zerstören

Als Politiker war Gorbatschow eine Ausnahmefigur. Ein Kriegskind, das die deutsche Besatzung, Hunger und Tod erlebte. Er glänzte als Musterschüler, durfte in Moskau Jura studieren. Dort verliebte er sich in eine Kommilitonin aus dem Ostural, Raissa, die einzige Frau in seinem Leben. Klug, tüchtig und enorm zielstrebig stieg er die Karriereleiter hoch. Mit 49 war er Politbüromitglied, mit 54 Generalsekretär der KPdSU und damit praktisch Staatschef. Ein völlig neues Bild in der Sowjet-Nomenklatura: Die Vorgänger Breschnew, Andropow und Tschernenko waren binnen vier Jahren an Altersschwäche gestorben.

Gorbatschow wollte das verknöcherte System reformieren, nicht zerstören. Aber in der Heimat boykottierte der Apparat seine Reformen, Versorgungsengpässe häuften sich. Gorbatschows Popularität sank stark, in den Sowjetrepubliken wurden Unabhängigkeitsbewegungen laut. Im August 1991 putschen mehrere hohe Apparatschiks in Moskau gegen den auf der Krim urlaubenden Gorbatschow. Sie scheiterten jedoch am Widerstand der Hauptstadtbevölkerung.

Deren Anführer war Boris Jelzin, der neu gewählte Präsident Russlands. Im Dezember erklärte Jelzin gemeinsam mit seinen Amtskollegen aus Belarus und der Ukraine die Auflösung der Sowjetunion, entmachtete damit auch Gorbatschow. In Putins Russland, das sich die Wiederherstellung der alten Größe auf die Fahnen geschrieben hat, gilt Gorbatschow bis heute als „Totengräber“ der UdSSR.

Gorbatschows Tochter und Enkelkinder leben in Deutschland

Raissa, die Gorbatschow als seine große Liebe bezeichnet hatte, starb 1999. Tochter und Enkelkinder wohnen in Deutschland. Gorbatschow lebt allein mit ein paar Bediensteten in einem Haus bei Moskau. Er schreibt ein neues Buch auf der Grundlage von Briefen, die er aus der Bevölkerung bekam. In manchen Schreiben werde er gefragt, warum er sich noch nicht umgebracht habe, erzählte er dem Portal meduza.io.

Gorbatschow scheint die Häme gelassen zu nehmen, erlaubt sich selbst boshafte Scherze. „Er trinkt, tanzt, fliegt und schwimmt“, lästerte er 2018 über Putin. „Nur ins Weltall traut er sich nicht. Dann werden nämlich alle schreiben: ‚Wladimir Wladimirowitsch, bleiben Sie dort, tun Sie dem Volk den Gefallen.‘“ Tatsächlich kursieren in Russland inzwischen mehr Putin- als Gorbatschow-Witze.

Auch der Berliner Hauptstadtbrief würdigte am Dienstag Gorbatschow.

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