Corona: So schlimm wütet die Pandemie in Osteuropa

Berlin.  Viele Staaten in Osteuropa begegneten der Corona-Pandemie zunächst erfolgreich mit strengen Maßnahmen. Nun hat sich die Lage geändert.

Tausende Tschechen protestieren gegen Corona-Beschränkungen

In der tschechischen Hauptstadt Prag sind tausende Menschen gegen die Corona-Beschränkungen auf die Straße gegangen. Das Land verzeichnet gerade besonders viele Neuinfektionen.

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Osteuropa galt lange als Bollwerk gegen Corona: Maßnahmen wie Maskenpflicht und Distanzgebot wurden zu Beginn der Pandemie verhängt. Ab Spätsommer gab es Lockerungen. Nun steigen die Infektionszahlen dramatisch.

Corona in Tschechien: Vom Musterland zum Sorgenkind

Kein Land in Europa erlebt einen derart massiven Corona-Crash wie Tschechien. Zu Beginn der Pandemie galt die Republik als Musterland – hier wurde im März erstmals in Europa eine Maskenpflicht eingeführt. Die Regierung in Prag hatte die Zahlen dank drastischer Maßnahmen im Griff. Doch nun ist Tschechien das Sorgenkind in der EU. Am Freitag wurden 11.105 Neuinfektionen verzeichnet – und das bei nur 10,7 Millionen Einwohnern. Auf die Bevölkerung der Bundesrepublik übertragen wäre dies gleichbedeutend mit mehr als 80.000 Neuansteckungen pro Tag.

Nach jüngsten Zahlen der EU-Agentur ECDC steckten sich binnen 14 Tagen 858,6 Menschen je 100.000 Einwohner mit dem Virus an – der höchste Wert in der EU. Am meisten beunruhigt Experten, dass fast jeder dritte Test im Land positiv ausfällt. Die Sorge wächst, dass die Hospitäler bald mit Covid-19-Patienten überlastet sind. Die tschechische Armee hat mit dem Aufbau eines provisorischen Krankenhauses in den Prager Messehallen begonnen. Das Feldlazarett hat eine Kapazität von 500 Betten. Ab Sonntag soll es einsatzbereit sein.

Tschechiens Regierungschef spricht von „katastrophalen“ Corona-Zahlen

Noch im August hatte sich Ministerpräsident Andrej Babis auf einer internationalen Konferenz gebrüstet, Tschechien sei „best in Covid“. Die Zahlen seien „katastrophal“, räumt Babis mittlerweile ein. Der Unmut über das Krisenmanagement der Regierung wächst. „Der Fehler ist wahrscheinlich im Sommer geschehen, als die Maßnahmen schnell gelockert wurden“, sagt der Epidemiologe Petr Smejkal vom Prager Forschungskrankenhaus IKEM.

Was die Akzeptanz der Regeln angehe, habe sich die Haltung der Menschen seit dem Frühjahr geändert, so Smejkal. Das Vertrauen zwischen Regierung und Bevölkerung sei längst nicht so weit entwickelt wie in Deutschland. So kam es am Sonntag in Prag zu Ausschreitungen, als Hunderte Fußball- und Eishockeyfans gegen die Einschränkungen im Sport protestierten.

Corona-Maßnahmen drastisch verschärft

Inzwischen sind Schulen und Gas­tronomie geschlossen, Sport- und Kulturveranstaltungen ausgesetzt, Treffen von mehr als sechs Personen untersagt. Doch die Corona-Zahlen steigen und steigen. Damit wird der andauernde Personalmangel im Gesundheitswesen zu einem immer größeren Problem. Seit Jahren gehen jährlich Hunderte Ärzte, Medizinabsolventen und Pfleger auf der Suche nach höheren Gehältern und besseren Arbeitsbedingungen ins Ausland.

Die Ärztekammer appellierte an die Auswanderer, vorübergehend zurückzukehren. Der Biologe Jaroslav Flegr schlug sogar vor, notfalls Veterinärmediziner einzusetzen. Die Regierung erkundigte sich bereits in Nachbarländern wie Deutschland, ob sie im Bedarfsfall Intensiv-Patienten aufnehmen könnten.

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Polen: Krankenhäuser klagen über Personalmangel

Corona-Alarm auch in Polen. Am Sonnabend wurden mehr als 9600, am Sonntag mehr als 8500 Neuinfektionen gemeldet. Experten haben die Sorge, dass die Kapazität des Gesundheitssystems für eine schnell wachsende Anzahl an Covid-19-Patienten nicht ausreichen könnte. Landesweit haben sich in den letzten sieben Tagen pro 100.000 Einwohner rund 138 Menschen infiziert, in Schlesien sogar 230. Mehrere Krankenhäuser klagten bereits über Personalmangel.

Dabei war Polen dank eines schnellen Lockdowns gut durch die erste Welle gekommen. Doch die Lockerungen der drastischen Maßnahmen fordern nun ihren Tribut. Die Regierung verfügte wegen steigender Fallzahlen und überlasteter Krankenhäuser, Teile des Nationalstadions in Warschau zu einem Corona-Lazarett umzufunktionieren. Ab Ende der Woche sollen dort rund 500 Betten, davon 50 Intensivbetten, für Covid-19-Patienten bereitstehen.

Maskenpflicht im Freien in Polen wegen steigender Corona-Zahlen
Maskenpflicht im Freien in Polen wegen steigender Corona-Zahlen

Slowenien: Regierung verhängt Notstand und teilweisen Lockdown

Wegen der rasch steigenden Anzahl von Corona-Infektionen hat Slowenien am Montag erneut einen 30-tägigen Notstand ausgerufen. Er bildet die Grundlage dafür, dass die Behörden lokal abgestufte neue Einschränkungen anordnen können. Ein erster Notstand war in dem EU-Land vom 12. März bis Ende Mai verhängt worden.

Bereits seit letztem Freitag gilt ein teilweiser Lockdown. In neun von zwölf Regionen dürfen die Bewohner ihr jeweiliges Gebiet nicht verlassen. Außerdem trat am Montag ein Plan in Kraft, dass Schüler ab der 6. Schulstufe nur noch im Homeschooling unterrichtet werden.

In Slowenien wurden am Sonntag 726 und am Vortag 897 Neuinfektionen mit dem Coronavirus bekannt. Damit hat sich die Zahl der aktiven Fälle in dem Zwei-Millionen-Einwohner-Land binnen einer Woche nahezu verdoppelt.

Ukraine: Nachlässigkeiten bei der Corona-Disziplin

Auch in der Ukraine hat sich die Lage verschlechtert. Allein am Sonntag wurden 5834 Neuinfektionen gemeldet. Insgesamt haben sich laut Johns-Hopkins-Universität mehr als 312.000 Menschen angesteckt. Damit liegt das etwa 42 Millionen Einwohner zählende Land weltweit auf Platz 24. Nach Einführung strenger Maßnahmen zu Beginn der Pandemie verfügte Kiew Lockerungen. Ab August stieg die Infektionsrate rapide an.

Nach Angaben von Besuchern ist die Corona-Disziplin im Land trotzdem eher lax: Viele Menschen nähmen es demnach mit der Maskenpflicht nicht so genau, die öffentlichen Verkehrsmittel seien oft rappelvoll, heißt es.

Bayerns Innenminister Herrmann hält Grenzkontrollen für möglich

Angesichts der zugespitzten Corona-Lage in Europa hält Bayerns Innenminister Joachim Herrmann neue Grenzkontrollen für möglich. „Die Diskussion um verstärkte Grenzkontrollen könnte wieder aufflammen, falls das Infektionsgeschehen in den Nachbarländern außer Kontrolle gerät“, sagte der CSU-Politiker unserer Redaktion. „Gleichzeitig haben wir die engen wirtschaftlichen Beziehungen mit intensivem Pendelverkehr von Arbeitnehmern, etwa mit Tschechien und Österreich, im Blick.“ (mit gau)

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