Fall Nawalny: So mordeten Geheimdienste in der Vergangenheit

Berlin.  Gezielte Tötungen gehören zum Repertoire von Geheimdiensten – kommen sie jetzt wieder in Mode? Das sind die spektakulärsten Morde.

Gift-Anschläge auf Kreml-Kritiker

Viktor Juschtschenko, Alexander Litwinenko, Sergej Skripal und nun auch Kreml-Kritiker Alexej Nawalny: Sie alle haben sich gegen die russische Führung gestellt und sie alle wurden mutmaßlich Opfer von Giftanschlägen.

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Alexej Anatoljewitsch Nawalny hat Glück im Unglück. Er überlebt einen Giftanschlag, darf Russland verlassen und wird in Deutschland medizinisch wie politisch betreut. Kein Einzelfall.

Kim Jong Nam hat weniger Glück. Er bricht zusammen und stirbt auf der Fahrt ins Krankenhaus, nachdem eine Frau auf dem Flughafen von Kuala Lumpur ihm am 13. Februar 2017 von hinten ans Gesicht fasst und mit dem Kampfstoff VX tötet.

Das Opfer ist der Halbbruder des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un. Für die Nordkoreaner erleidet der Mann einen Herzinfarkt. Der Rest der Welt vermutet eine gezielte Tötung.

Giftmorde: Dunkelziffer ist vermutlich hoch

Bevor er ins Koma fällt, lacht Georgi Markow bitter auf. „Ich bin vom KGB vergiftet worden und werde sterben, da können Sie nichts mehr tun“, sagt der Bulgare zu seinem Arzt. 1978 wartet Markow in London auf seinen Bus, als ihn ein Fremder mit dem Regenschirm anrempelt.

Markow spürt einen Stich, denkt sich aber nichts dabei. Nach seinem Tod wird man eine winzige Kugel mit Gift in seinem Oberschenkel finden. Es war der 7. September 1978, der Geburtstag des bulgarischen Machthabers Todor Schiwkow. Ließ er zur Feier des Tages den kritischen Schriftsteller um die Ecke bringen?

Videografik: So wirken Nervengifte
Videografik- So wirken Nervengifte

Die Beweisführung ist schwer. Giftmorde gehen mitunter als natürlicher Tod durch; es wird zu wenig obduziert. Bei einer Diskussion im Deutschen Spionagemuseum waren sich die Experten einig, dass die wenigsten Geheimdienstmorde bekannt werden und die Dunkelziffer hoch sein muss. Wenn ein Fall öffentlich wird, dann absichtlich oder weil eine Aktion aus dem Ruder läuft.

Jamal Khashoggi wurde ermordet

„Ist es möglich, den Rumpf in eine Tasche zu packen?“

„Wir durchtrennen die Gelenke. Das ist kein Problem.“

Ein Gespräch unter Handwerkern des Todes. Zu dumm, dass die Männer, die den Journalisten Jamal Khashoggi zum Schweigen bringen, nicht überprüft oder bemerkt haben, dass der Schauplatz des Verbrechens - das saudi-arabische Konsulat in Istanbul - vom türkischen Geheimdienst verwanzt worden war.

Auf 100 Seiten, inklusive der grausigen Dialoge, dokumentiert der UNO-Untersuchungsbericht den Ablauf des Mordes vom 2. Oktober 2018. Das ist selten. Es liegt in der Natur der Geheimoperationen, dass sie nicht direkt mit einem Staat in Verbindung gebracht werden können.

Mossad soll für eine Vielzahl von Attacken verantwortlich sein

Das Killerkommando, das einen Hamasführer am 19. Januar 2010 in seinem Hotel in Dubai vermutlich mit einem Kissen erstickt hat, lässt sich sogar von Überwachungskameras aufnehmen. Vieles spreche dafür, dass der israelische Geheimdienst hinter der Tötung stecke, heißt es damals.

Ein langjähriger Geheimdienstmann, den wir bei den Recherchen kontaktierten, rätselt bis heute, wie das passieren konnte. Eigentlich ist der israelische Geheimdienst Mossad für seine lautlose Effizienz berühmt. Eine Vielzahl von „erfolgreichen Attacken“ auf Atom- und Raketentechnikern gegnerischer Staaten wird seit den 60er Jahren auf den Mossad zurückgeführt.

Auf Anweisung von US-Präsident Donald Trump schalten die Amerikaner im Januar 2020 den iranischen General Kassem Soleimani mit einem Drohnenangriff auf dem Gelände des internationalen Flughafens in Bagdad aus. Nicht die einzige gezielte Tötung dieser Art.

Selimchan Changoschwili wird im Berliner Tiergarten erschossen

Die „Operation Satanique“ war keine gezielte Tötung, aber eine Aktion mit tödlichen Folgen. 1985 werden die Aktivisten von Greenpeace lästig für Frankreich. Die Demonstrationen gegen französische Atomtests auf dem Mururoa-Atoll sind ein Ärgernis.

Französische Agenten sind nach Auckland in Neuseeland geflogen, um das Schiff „Rainbow Warrior“ zu versenken. Taucher befestigen zwei Bomben am Schiffsrumpf. Sie nehmen in Kauf, dass der Aktivist und Fotograf Fernando Pereira stirbt.

Die Grenzen zwischen „Terroristen“ „Dissidenten“, „Staatsfeinden“ sind fließend. Für tschetschenische Separatisten mag der Waffenbruder Selimchan Changoschwili ein Freiheitskämpfer sein. Für Russlands Präsident Wladimir Putin ist er ein „Bandit“.

Über den Mann, der am 23. August 2019 im Tiergarten auf offener Straße erschossen wird, sagt Putin: „In Berlin wurde ein Krieger getötet, der in Russland gesucht wurde, ein blutrünstiger und brutaler Mensch.“ Weil die Deutschen ihn nicht ausliefern, setzt der russische Geheimdienst einen Killer auf ihn. Davon geht die Bundesanwaltschaft aus.

Skripal und Tochter in Salisbury vergiftet

Gefährlich leben erst recht Verräter wie Sergei Wiktorowitsch Skripal, der zu den Briten übergelaufen war. Am 4. März 2018 werden er und seine Tochter im englischen Salisbury bewusstlos aufgefunden – mit Anzeichen einer Vergiftung.

Es ist der gleiche Nervenkampfstoff wie bei Nawalny. Zugang zu dem Nervengift aus der Nowitschok-Gruppe haben nur staatliche Institutionen in Russland. Deswegen liegt der Verdacht nahe, dass der russische Geheimdienst involviert gewesen sein könnte.

Ebenfalls in Großbritannien war im November 2006 der Ex-KGB-Agent Alexander Litwinenko mit den radioaktiven Stoff Polonium 210 vergiftet worden. Die Fälle Litwinenko, Skripal, Changoschwili und Nawalny haben eines gemeinsam: Die Spuren sind eindeutig. Manche Tötungen könnte eine Warnung sein, eine Botschaft: Wir kriegen jeden.

Der CDU-Abgeordnete Patrick Sensburg vertritt die Ansicht, dass gezielte Tötungen wieder in Mode kommen. Sensburg, der zum parlamentarischen Kontrollgremium der Geheimdienste gehört, ist überzeugt: „Russland hat schon seit einiger Zeit die gezielte Tötung von unliebsamen Personen wiederentdeckt.“

Er sagt unserer Redaktion, wenn Europa jetzt kein klares Zeichen setze, auch durch Sanktionen, „dann geben wir Russland das Signal, dass es bei uns Menschen töten kann und keine Reaktionen folgen. Das wäre rechtsstaatlich ein Offenbarungseid.“

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