1200 Euro Grundeinkommen? Warum diese Bewerber es wollen

Berlin.  120 Bürger sollen drei Jahre lang ein Grundeinkommen erhalten. Drei Bewerber des Pilotprojekts erzählen, warum sie das Geld brauchen.

Was ist Glück?

Ein großes Auto, einen Menschen drücken oder der Sinn des Lebens - so unterschiedlich kann man Glück definieren. Diese Menschen erzählen, was Glück für sie bedeutet.

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  • Das DIW-Forschungsprojekt Bedingungsloses Grundeinkommen sorgt für großes Interesse
  • Löst aber auch eine Kontroverse aus: Während es von einigen befürwortet wird, lehnen es andere kategorisch ab
  • Macht das Grundeinkommen glücklich? Bislang gibt es darüber wenig Erkenntnisse

Manche bezeichnen es als eine Utopie, andere als Traum oder als Unsinn, wieder andere als sehr interessant: das Grundeinkommen. Damit ist die Idee gemeint, dass alle Bürger des Landes Anrecht auf einen monatlichen Betrag haben, ohne dafür etwas leisten zu müssen oder dafür Voraussetzungen vorzuweisen. Doch wie soll das gehen?

Das Pilotprojekt zum bedingungslosen Grundeinkommen ist ein Projekt des Vereins „Mein Grundeinkommen“ und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und soll Erkenntnisse liefern, wie sich ein festes Einkommen auf den Einzelnen auswirkt. Seit ein paar Wochen kann man sich dafür im Internet bewerben und schon 1,85 Millionen Deutsche haben das Formular ausgefüllt.

Sie hoffen darauf, einer von den 120 Auserwählten zu werden, die drei Jahre lang 1200 Euro im Monat zusätzlich überwiesen bekommen. Dabei können sie unbegrenzt Geld hinzuverdienen.

Bedingungsloses Grundeinkommen: 120 Auserwählte erhalten 1200 Euro im Monat

Einzige Anforderung: Die Teilnehmer müssen alle sechs Monate einen Fragebogen ausfüllen. „Wir wollen wissen, wie sich ein bedingungsloses Grundeinkommen auf Denken, Fühlen und Handeln auswirkt“, sagt Susann Fiedler vom Max-Planck-Institut. Sie führt die Studie mit anderen Wissenschaftlern durch, die alle ehrenamtlich forschen.

Grundeinkommen: Darum geht es bei der Debatte
Grundeinkommen- Darum geht es bei der Debatte

Es gebe bisher kaum Erkenntnisse darüber, wie sich finanzielle Sorglosigkeit auf die Psyche auswirke. Auf die Frage, ob Geld wirklich glücklich macht, antwortet Fiedler: „Ich denke, eine Grundsicherung erhöht die Lebenszufriedenheit, aber viel Geld führt nicht gleich zu mehr Glück.“ Untersucht werden soll auch, wie Menschen Stress erleben und wie sie ihre Zeit investieren, wenn sie genug zum Leben haben. Lesen Sie auch: Studie in Finnland: Weniger Stress dank Grundeinkommen

Kritiker: Grundeinkommen ist nicht finanzierbar

Bei der Auswahl der Probanden werde man versuchen, ein Teilabbild der deutschen Gesellschaft zu kreieren, dabei orientieren sich die Wissenschaftler an Angaben des Statistischen Bundesamtes und des Sozioökonomischen Panels. Aus einer halben Million Bewerbern, auf die diese bestimmten Charakteristiken zutreffen, werden am Ende 1500 Personen ausgelost und aus denen wiederum jene 120, die das Geld bekommen. Zeitgleich wird es eine Vergleichsgruppe zu den 120 geben. In dieser Gruppe stecken die statistischen Zwillinge der Teilnehmer, nur diese bekommen eben nicht die 1200 Euro. Das Geld für das Projekt wurde von Privatpersonen gespendet.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil hat das bedingungslose Grundeinkommen als „weder praxisnah noch vernünftig“ eingestuft, zuvor hatte es auch Bundesfinanzminister Olaf Scholz strikt abgelehnt.

Ähnlich sieht es auch Professor Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts: „Wenn man alle Menschen über einen Kamm schert, ist das eben gerade nicht gerecht.“ Vöpel bezieht sich auf die vielen Ausnahmen, die ein Grundeinkommen-Modell nicht berücksichtigen würde. Wie Menschen, die durch eine Behinderung oder wegen Pflegebedürftigkeit mehr Geld als nur 1200 Euro brauchen.

Daher müsse der Staat die Sozialversicherungen weiterführen, und das ist nur ein Grund, warum ein Grundeinkommen nur schwer zu finanzieren sei, ohne zugleich den Sozialstaat umzubauen. Schließlich, so Vöpel, dürfe der Staat nicht den Anspruch aufgeben, dass Menschen durch Bildung und Erwerbstätigkeit am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. „Denn ein Job ist nicht nur Einkommen, sondern auch Teilhabe und Aufgabe.“

Lesen Sie hier: Grundeinkommen-Studie: Wie Sie 1200 Euro mehr bekommen

Grundeinkommen: „Etwas bedingungslos zu bekommen, das ist doch erstrebenswert“

Es ist die Bedingungslosigkeit, die Adrian S. motiviert, sich um das Grundeinkommen zu bewerben. Er sagt, „etwas bedingungslos zu bekommen, ohne Leistungsdruck oder Zielvorgabe, das ist doch erstrebenswert, oder?“ Außerdem würden sich die 1200 Euro wie ein Vertrauensvorschuss anfühlen. „Und das ist ein ziemlich gutes Gefühl.“

Wäre er beim Pilotprojekt dabei, würde er mehr ehrenamtlich arbeiten, erzählt er. Schon jetzt gibt er für geistig Eingeschränkte, Kinder und Jugendliche Fußballtraining. „Ich habe gespürt, dass mir das sehr viel Spaß macht und mir mehr Freude bereitet, als manche Aufträge, für die ich beruflich gebucht werde.“ Das sei auch ein Grund für die Bewerbung.

Ein weiterer Punkt ist die Freiheit, die ihm die 1200 Euro im Monat mehr garantieren würden. „Vielleicht würde ich auch mein eigenes Unternehmen gründen.“ Das Geld schenke ihm die Freiheit, zwischen seinen Aufträgen auswählen zu können.

Losgelöst von seiner persönlichen Situation glaubt Adrian S., dass ein Grundeinkommen mehr Gerechtigkeit bedeuten würde. Hartz-IV-Empfänger und Arbeitslose spürten so viel Druck, der sich auch auf ihre Kinder übertrage. „Das ist schon traurig“, findet der Betriebswirt.

„Denke ich an das Grundeinkommen, fühle ich als erstes Leichtigkeit“

Während man mit Lukas Büttner telefoniert, hört man sein acht Monate altes Mädchen erste Laute von sich geben. Büttner steckt voll im Leben. Arbeitet in Vollzeit als Chemielaborant, hat eine Partnerin und ein kleines Baby. Zusammen mit dem Elterngeld hat seine Familie 2500 Euro im Monat zur Verfügung, davon gehen 1000 Euro an Miete drauf.

Wenn man alles abrechnet, haben sie am Ende des Monats noch 200 Euro zur Verfügung. „Davon leisten wir uns besondere Sachen wie Bücher, Kino oder auch mal Brötchen vom Bäcker“, erklärt Büttner. Er hat sich für das bedingungslose Grundeinkommen beworben, weil er es in erster Linie gut gebrauchen kann.

„Denke ich daran, fühle ich als erstes Leichtigkeit.“ Vor ein paar Wochen ist auch noch das Auto der Familie abgebrannt. „Bekäme ich das Geld, würde ich erst einmal nichts ändern, denke ich“, vielleicht einen Tag weniger arbeiten nach zwei Jahren. Zuerst würde er die Miete bezahlen wollen und dann vielleicht ein neues Auto abstottern.

Auch interessant: Hunderten Familien wurde Hartz IV in Corona-Krise gestrichen

„Geld ist natürlich wichtig für mich, aber nicht genug zu haben, setzt mich unter Druck“, sagt der 26-Jährige. Seine Freundin und er wollen auf jeden Fall noch mehr Kinder, auch das wäre mit dem Grundeinkommen eine leichtere Entscheidung.

Geld: „Vielleicht gäbe es mehr Menschlichkeit und weniger Unzufriedenheit“

Bettina Keuter unterstützt den Verein „Mein Grundeinkommen“ schon lange, sie spendet monatlich 25 Euro dafür, dass andere in den Genuss eines Grundeinkommens kommen. Bei dem neuen Pilotprojekt will sie jetzt selbst ihr Glück versuchen und hat sich beworben.

Was sie mit dem Geld machen würde? „Ich würde mich trauen, noch mehr beruflich in Angriff zu nehmen.“ Als Physiotherapeutin arbeitet sie auch als Achtsamkeitstrainerin, sie hilft Menschen, ihren Stress zu reduzieren. Sie würde einen größeren Raum mieten wollen, in Flyer und eine eigene Homepage investieren. „Zum Leben brauche ich das Geld nicht, ich arbeite ja auch selbst und habe einen Mann.“

Wahrscheinlich würde sie auch noch mehr Geld spenden, für Kinderschutzprojekte. Kinder liegen ihr am Herzen. Sie selbst sei lange alleinerziehend gewesen. „Ich musste kämpfen, um mich und meine Kinder durchzubringen. Mit mehr Unterstützung wäre das leichter gewesen,“, sagt sie rückblickend.

Spannend findet sie, wie sich das Grundeinkommen für alle auf die Gesellschaft auswirken könnte. „Vielleicht gäbe es mehr Menschlichkeit und weniger Unzufriedenheit.“ Weniger Ängste und ein geringeres Gefälle zwischen Arm und Reich. „Das würde auch den Zustrom an den rechten Rand verringern.“

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