Bahnfahren in Zeiten von Corona: Die Angst reist mit

Berlin.  Volle Züge, Fahrgäste ohne Masken, zum großen Teil machtlose Schaffner: Bei der Bahn beherrscht das Chaos den Kampf gegen das Virus.

7 Lifehacks für Bahnreisende – mit diesen Tricks reisen Sie besser

Verspätet, überfüllt, zu laut. Mit ein paar cleveren Tricks kann man viele Nervereien beim Bahnfahren umgehen. Wie Sie auch ohne Reservierung einen guten Sitzplatz bekommen und wann es die besten Sparpreise gibt, verrät dieses Video.

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An Bahnsteig 8 wimmelt es an diesem Nachmittag von Menschen. Der ICE 1196, der Frankfurt/Main mit Berlin verbindet, fährt ein. Als die Türen aufgehen, drängeln einige Passagiere. Schnell ist der Zug brechend voll.

Im Gang oder beim Verstauen ihres Gepäcks kommen sich die Menschen nahe. Der eine ist im falschen Wagen eingestiegen und kämpft sich durch. Der nächste muss den Sitz räumen, weil ein anderer ihn beansprucht. Viele Plätze sind reserviert, keiner ist gesperrt. Es kostet Überwindung, sich neben andere zu setzen, schließlich könnte der Nachbar ein Superspreader sein.

Robert-Koch-Institut: 1226 neue Corona-Fälle

Dass die Infektionszahlen sich auf einem Niveau wie zuletzt Anfang Mai eingependelt haben – am Mittwoch meldete das Robert-Koch-Institut 1226 Fälle – könnte nicht zuletzt am Verkehr liegen. Die Angst vor Corona fährt mit. Lesen Sie auch: Schwedens Corona-Sonderweg: „Zwangsmaßnahmen sind riskant“

München, Sonntagabend. Gegen 22.35 Uhr hat der Nahverkehrszug Richtung Freising den Hauptbahnhof verlassen. Ein Mann spricht einen anderen Passagier auf dessen fehlende Maske an. Unvermittelt schlägt der ihm „mit der Faust ins Gesicht“, heißt es im Bericht der Bundespolizei. Ein Einzelfall? Jein.

GDL-Chef: Höheres Infektionsrisiko, verunsicherte Fahrgäste

Es seien nicht wenige Leute, „die ich in der Bahn darauf aufmerksam machen muss, den Mundschutz zu tragen“, erzählt der Zugbegleiter Christian Deckert in der „Zeit“. Die einen hätten ihn halb auf, „sodass die Nase rausschaut“. Andere trügen ihn erst, „wenn ich sie darauf anspreche“.

Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Lokführer (GDL), Claus Weselsky, klagt, „uneinsichtige Maskenverweigerer erhöhen das Infektionsrisiko von Corona“ und verunsicherten Fahrgäste. Die Unruhe beim Zugpersonal ist groß. Erstens sorgen sich die Mitarbeiter, sie könnten sich und ihre Familie anstecken. Zweitens nehmen die Respektlosigkeiten zu. Drittens können die Schaffner nicht durchgreifen.

Melbourne wegen Corona-Lockdowns wie lahmgelegt
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Maskenverweigerer testen die Zugbegleiter

Das Tragen einer Maske ist zwar Pflicht. Weselsky beklagt aber, dass sie – anders als in Österreich – nicht zu den Beförderungsbedingungen der Bahn gehört. Zugbegleiter können einen Maskenverweigerer weder zur Kasse bitten noch am nächsten Bahnhof rausschmeißen. Lesen Sie auch: Corona: Was trotz der hohen Infektionszahlen Hoffnung macht

Sie können ihn ermahnen, die Augen zudrücken oder die Bundespolizei rufen. Gibt der Schaffner klein bei, sehen Reisende mit an, wie wenig die Zugbegleiter ausrichten können. „Das ist eine völlige Untergrabung ihrer Autorität“, sagt Weselsky.

Ruft er nach der Polizei, verursacht der Schaffner vielleicht wegen ein, zwei Maskenverweigerern Verspätungen. „Im Regionalverkehr muss man erst einmal einen Bahnhof finden, an dem es überhaupt noch Bundespolizisten gibt.“

Bußgelder in allen Ländern anders

Die Bußgelder sind überall anders. Zugführer Deckert hat es anhand der ICE-Strecke Köln–Berlin illustriert: In Nordrhein-Westfalen und Berlin drohen Strafen, in Brandenburg nicht, in Niedersachsen ist die Höhe unklar. In sieben Ländern gebe es keine Bußgelder, in manchen zahle man nur zehn oder 25 Euro. „Wie soll ich das den Fahrgästen erklären?“ Lesen Sie auch: Drosten: So verhindern wir einen zweiten Corona-Lockdown

Das Problem der Maskenverweigerer habe das Bahn-Management „einfach an seine Zugbegleiter delegiert und sie dann damit im Regen stehen gelassen“, schimpft Weselsky. Er fordert mehr Zug- und Sicherheitspersonal, „dann würden viele Querulanten ihre Maske von vornherein korrekt tragen.“

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GDL schlägt Reservierungspflicht vor

Vor allem schlägt die GDL eine Reservierungspflicht vor. Sie sei „ein probates Mittel, um die Reisendenströme zu kanalisieren und die Fahrgäste so zu platzieren, dass der Mindestabstand eingehalten werden kann“. Gerade bei längeren Fahrten sei sie ein wichtiger Beitrag zur Reduzierung der Ansteckungen.

Dann könnte die Bahn auch besser überblicken, wie voll ein Zug werde. Zwar hat sie das Reservierungssystem so umgestellt, dass nicht mehr alle Plätze reserviert werden können; die Buchungen werden früher geschlossen. Nur: Jeder kann spontan zusteigen und sich auf einen freien Platz setzen. Das Buchungssystem liefert nur einen Anhaltspunkt für die Belegung.

Manchmal ist auch darauf kein Verlass, wie eine Frau erfuhr, die am 1. August den ICE nach Hamburg nahm, extra eine Stunde später und erste Klasse, Wagen 12, Platz 41. Als der ICE 504 einfuhr, fehlte Wagen 12.

Reservierungspflicht bedeutet weniger Umsatz

Eine Reservierungspflicht im Fernverkehr wäre möglich. Familien oder Pärchen müsste man nicht auseinandertreiben. Sie müssten bloß zusammen buchen. Doch eine Reservierungspflicht bedeutet weniger Umsatz. Die Bahn hat weder die Netzkapazitäten noch die Züge oder Lokführer, um kurzfristig mehr und größere Züge einzusetzen. Lesen Sie auch: Corona in Deutschland: Angst vor dem zweiten Lockdown wächst

Vor allem ist die Reservierungspflicht ein Verlust an Flexibilität. „Es ist nun mal so bei der Bahn, dass auch mal Fahrgäste spontan kommen. Ich denke an die 50.000 Bahncard-100-Kunden, ich denke an die vielen Kunden, die eine Monatskarte für eine bestimmte Strecke haben“, sagte Bahnsprecher Achim Strauß der ARD.

Diesen Vorteil gegenüber dem Flugzeug wolle man nicht aufgeben. Es gibt in der Geschäftsstrategie eine unbekannte Größe: das Vertrauen. Gewerkschafter Weselsky gibt zu bedenken, Fahrgäste könnten auf eine Reise verzichten, weil sie unsicher seien, was sie im Zug erwarte. Corona?

Corona-Virus bei 900 Reisenden festgestellt

Das Risiko ist real, wie eine Anfrage unserer Redaktion beim Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit in Erlangen zeigt. Bevor der Bund Corona-Tests an den Flughäfen zur Pflicht machte, führte der Freistaat gut 85.000 Testungen an Reiserückkehrern durch, Ende Juli zunächst an den Flughäfen, seit 2. August überdies an Bahnhöfen und Grenzstationen.

Von den untersuchten Proben waren mehr als 900 positiv ausgefallen – und im Durchschnitt etwas mehr im Zug- und Autoverkehr als an den Flughäfen.

Grüne und FDP machen Druck

Allmählich dringen zumindest Oppositionspolitiker von den Grünen und der FDP darauf, dass die Bahn die Weichen neu stellt. Sie machen Druck auf Unternehmen und Verkehrsministerium. Christian Jung, Bahnexperte der FDP, argumentiert, was im Flugzeug funktioniere, müsse auch bei der Bahn klappen – er meint die Reservierungspflicht.

Das ist die halbe Wahrheit. Für die Lufthansa muss man einen Sitzplatz buchen – das heißt nicht, dass die Airline Plätze frei hält, um das Abstandsgebot an Bord zu wahren. Letztlich treffen die Verkehrsunternehmen täglich eine Abwägung – zwischen Gesundheitsschutz und Rentabilität. Kurzfristig auf Gewinnmaximierung zu setzen, ist für Claus Weselsky „der falsche Ansatz“.

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