Trump und Co. – die tödliche Bilanz der Corona-Ignoranten

Berlin.  Donald Trump, Wladimir Putin, Jair Bolsonaro und Boris Johnson haben das Coronavirus unterschätzt und kleingeredet. Das rächt sich.

Verschwörungstheorien - warum sie in Krisen so viele Menschen anziehen

5G-Netze, Bill Gates, ein Laborunfall in Wuhan: Um den Ursprung von Covid-19 ranken sich zahlreiche Verschwörungstheorien. Für Experten ist das keine Überraschung. In Krisen geben sie einigen Menschen demnach zumindest ein Gefühl von Kontrolle zurück.

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Es ist kein Zufall: Die vier Länder mit den meisten Corona-Infektionen und einer hohen Zahl von Todesfällen werden von Staats- und Regierungschefs geführt, die die Gefahr durch das Virus zu Beginn geleugnet oder sträflich unterschätzt haben. Die USA, Russland, Brasilien und Großbritannien weisen weltweit die schlimmste Bilanz auf.

Brasilien: Wo Corona als „Fake News“ geschmäht wird

Der brasilianische Präsident Jair Messias Bolsonaro führt die Front derjenigen an, die das Coronavirus entweder für „Fake News“ oder eine völlig übertriebene Gefahr halten. Noch immer huldigen jeden Sonntag Tausende Anhänger und Corona-Leugner ihrem Präsidenten. Sie lassen Bolsonaro hochleben und beten sein Mantra nach, das todbringende Virus sei eine „gripezinha“, eine kleine Grippe.

Demons­trativ schüttelt Bolsonaro die Hände seiner Jünger, geht in die Bäckereien und kauft ohne Mundschutz ein. Gesundheitsexperten sind sich einig: Diese Laissez-faire-Haltung trägt Mitschuld daran, dass das Virus das größte Land Lateinamerikas auf den Kopf stellt. Bolsonaro kommentiert dies in kalter Verhöhnung der Opfer: „Was soll ich denn tun? Ich heiße zwar Messias, Wunder vollbringen kann ich aber nicht.“

Seit gut zwei Monaten formieren sich in den größeren Städten Brasiliens Autokorsos von Bolsonaros Anhängern. Sie kritisieren offen die Gouverneure der Bundesstaaten und die Bürgermeister, die Shoppingcenter geschlossen haben. Währenddessen breitet sich das Virus rasend schnell aus. Bis Mittwoch waren laut der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore (USA) 271.885 Infektionen und 17.983 Todesfälle regis­triert.

Mehr als tausend Corona-Tote in Brasilien binnen eines Tages
Mehr als tausend Corona-Tote in Brasilien binnen eines Tages

USA: Trump und die Illusion von der Kontrolle

Es besteht in den USA in großen Teilen von Politik, Wissenschaft und Medien Einigkeit, dass das spät begonnene und bis heute sprunghaft gebliebene Corona-Krisenmanagement von Präsident Donald Trump die Lage massiv verschlimmert hat. Nach Ausbruch der Seuche im zen­tralchinesischen Wuhan wurde Trump von US-Geheimdiensten und Gesundheitsexperten vor einem Virus-Tsunami gewarnt. „Wir haben es vollkommen unter Kon­trolle“, behauptete der Präsident. Es gab keine Vorsichtsmaßnahmen.

Erst am 13. März vollzog Trump die Kehrtwende und rief den nationalen Notstand aus. In den sieben Wochen davor, haben US-Medien minuziös rekonstruiert, hätte eine vorausschauend und verantwortungsvoll agierende Regierung durch eine Reihe von Schritten die Ansteckungsgefahr deutlich senken können. Nichts davon ist frühzeitig geschehen.

Stattdessen propagierte der Präsident schon vor Ostern die radikale Öffnung des wirtschaftlichen Lebens, macht China zum Sündenbock, sagt gegen alle wissenschaftliche Expertise einen schnellen Impfstoff voraus. Bis Mittwochnachmittag wurden nach der Zählung der Johns-Hopkins-Universität 1.528.661 Infektionen und 91.938 Todesfälle regis­triert.

Trumps aufsehenerregendste Aussagen zum Coronavirus
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Großbritannien: Corona hat Johnson ernsthafter gemacht

Noch Anfang März, als Wissenschaftler auf der ganzen Welt schon längst Alarm geschlagen hatten, nahm es der britische Premierminister Boris Johnson gelassen: Nicht nur schüttelte er weiterhin die Hände von Corona-Patienten, er prahlte damit auch noch im Fernsehen. Es genüge, wenn man sich danach die Hände wasche, versicherte er fröhlich.

Damals wütete das Coronavirus bereits in Italien. In nördlichen Provinzen wurde eine Ausgangssperre verhängt. Interne Dokumente belegen zudem, dass wissenschaftliche Berater die britische Regierung bereits zu jener Zeit auf die hohe Ansteckungsrate des Virus hingewiesen hatten.

Aber erst am 23. März ordnete der Premierminister den vollständigen Lockdown an. Anfang April erkrankte Johnson selbst an Covid-19, musste ins Krankenhaus eingeliefert werden und verbrachte mehrere Nächte auf der Intensivstation.

Die Erfahrung hat ihn geprägt: Seit er zurück im Amtssitz ist, gibt sich Johnson ernster, sein Auftritt ist sachlicher. Aber der Schaden ist längst da: In Großbritannien waren laut Johns-Hopkins-Universität bis Mittwoch 250.138 Infektionen und 35.422 Todesfälle vermeldet – mehr als in jedem anderen europäischen Land.

Russland: Putins gefährlicher Irrtum

Anfang März sah Russlands Präsident Wladimir Putin den Feind noch draußen. Der Geheimdienst FSB habe gemeldet, die „Falschmeldungen“ über die Corona-Epidemie seien hauptsächlich im Ausland organisiert worden. „Ihr Ziel ist verständlich: Sie wollen Panik in der Bevölkerung säen. Gott sei Dank passiert bei uns bisher nichts Kritisches.“

In Russland war damals offiziell ein halbes Dutzend Infektionsfälle gemeldet. TV-Doktor Alexander Mjasnikow versicherte der Fernsehnation, die Ansteckungsgefahr für sie betrage „null Komma null null Prozent“. Putin ließ ihn später zum Sprecher des Corona-Krisenstabes ernennen.

Wochen später stand Quarantäne an, Putin versuchte die Bevölkerung zu besänftigen. Er versprach „eine arbeitsfreie Woche, natürlich bei Lohnfortzahlung“. Der Politologe Juri Korgonjuk glaubt, der Staatschef habe das Virus unterschätzt. „Allerdings haben wir das fast alle.“ Die Seuche breitete sich rasant aus. Bis Mittwoch waren laut Johns-Hopkins-Universität 308.705 Fälle von Corona-Infektionen registriert, 2972 Menschen starben.

Russland konnte weder die Pandemie noch den Lockdown vermeiden. Der hat die Wirtschaftsleistung im April um 28 Prozent gedrückt.

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