Coronavirus: So sieht der Notfallplan der Krankenhäuser aus

Berlin.  In kürzester Zeit wird sich die Zahl der Patienten verdreifachen. Für sie und für die Krankenhäuser ist es ein Wettlauf gegen die Zeit.

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Die deutschen Krankenhäuser bereiten sich vor. Angesichts der steigenden Zahl von Corona-Infizierten haben Bund und Länder einem Bericht zufolge am Dienstag einen Notfallplan für Krankenhäuser beschlossen. Das Ziel: Die Intensivkapazitäten sollen verdoppelt werden.

Hallen, Hotels und Reha-Stationen sollen zu Behandlungszentren für leichtere Fälle umgerüstet werden. Das geht aus einem „Grobkonzept Infrastruktur Krankenhaus“ hervor, auf das sich Bund und Länder am Dienstag verständigt haben.

Notfalls sollen dazu Deutsches Rotes Kreuz, Technisches Hilfswerk oder auch andere Dienste herangezogen werden. „Dies entlastet dann die Krankenhäuser für schwerere Verläufe“, heißt es in dem Papier.

Coronavirus: Jens Spahn richtet persönlichen Appell an Krankenhäuser

Bereits vor ein paar Tagen haben die Krankenhäuser Post vom Gesundheitsminister bekommen. Der Tonfall war ungewöhnlich persönlich – und zutiefst besorgt. Bereits im dritten Absatz des zweiseitigen Briefs spricht Jens Spahn die Lage in Italien an: In den dortigen Krankenhäusern herrsche teilweise eine „humanitäre Notlage“. Und weiter: „Lassen Sie uns gemeinsam alles unternehmen, um die Krankenhäuser auf das vorzubereiten, was kommen kann.“ Spahn will italienische Verhältnisse auf jeden Fall verhindern.

Neue Intensivbetten für Corona-Patienten schaffen

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) rechnet damit, dass sich die Zahl der Corona-Patienten in den bundesweit rund 1900 Kliniken in den nächsten Tagen verdreifachen wird: „Wenn wir Ende der Woche 20.000 bestätigte Infektionsfälle in Deutschland haben, müssen wir davon ausgehen, dass dann auch bis zu 1500 Infizierte in den Krankenhäusern behandelt werden müssen“, sagte DKG-Präsident Gerald Gaß unserer Redaktion.

Um eine noch weitaus größere Zahl von Corona-Kranken behandeln zu können, erwartet die Krankenhausgesellschaft, dass die deutschen Kliniken die Zahl der Intensivbetten von derzeit 28.000 Betten in den kommenden Wochen deutlich erhöhen: „Es geht jetzt darum, die Kapazitäten von Tag zu Tag auszudehnen. In zwei oder drei Monaten ist es möglich, die Zahl der Betten um bis zu 20 Prozent aufzustocken – dann würden wir rund 34.000 Betten haben“, so Gaß.

Im Zuge dessen müsse auch die Zahl der Beatmungsgeräte von derzeit 20.000 Stück erhöht werden. Bei einem deutschen Hersteller ist gerade eine staatliche Bestellung über 10.000 Geräte eingegangen.

Zur Steigerung der Beatmungskapazität plane das Bundesgesundheitsministerium mit den Gesundheitsministern der Länder bis Anfang nächster Woche, wann die vom Bund beschafften Beatmungsgeräte unterschiedlicher Kategorien wo eingesetzt werden können.

Planbare Operationen verschieben

Steige die Zahl der behandlungsbedürftigen Corona-Kranken weiter an, so Gaß, werde im Extremfall in den nächsten Monaten die Hälfte der Patienten auf den Intensivstationen aus Corona-Patienten bestehen. „Wir rechnen mit einem Verhältnis von 50 zu 50 im Vergleich zu anderen Schwerkranken, etwa Herzinfarkt-Patienten oder Menschen mit einem schweren Krebsleiden.“

Mit Blick auf den Appell der Bundesregierung, planbare Operationen zu vertagen, um die Kapazitäten für Corona-Kranke nutzen zu können, rechnet Gaß mit massiven Einschränkungen für Patienten: „Wir werden in den Krankenhäusern bis zu 50 Prozent der sonst üblichen Leistungen zunächst zurückstellen müssen. Die Kliniken haben bereits begonnen, Patienten mit planbaren Eingriffen abzubestellen.“

Doch was ist verschiebbar, wo sind Verzögerungen zumutbar? Bei akuten Verletzungen muss operiert werden, bei seit Langem geplanten Eingriffen an Hüfte oder Knie ist eine Vertagung oft möglich. Das Gleiche gilt in der Regel für kosmetische Operationen, Fettabsaugen oder andere Eingriffe ohne akute Notwendigkeit. Im Moment hätten die Patienten viel Verständnis für die Absagen. „Doch viele sehen sich selbst als dringend behandlungsbedürftig. In einzelnen Fällen wird es Klagen geben.“

Doch das ist in der Krise zweitrangig, denn: Durch die OP-Absagen werden nicht nur Betten und Personal für die Behandlung von Corona-Patienten frei. Auch die technische Ausrüstung, die Monitore, die Beatmungsgeräte und Infusionsapparate, die noch in den Operationssälen und Aufwachzimmern gebraucht werden, könnten dann auf den Intensivstationen eingesetzt werden.

Personallücken schließen

Das Dauerproblem des Personalmangels bekommt in der Krise eine neue Dimension: Bereits vergangene Woche hatte Gesundheitsminister Spahn die (vor Kurzem erst eingeführten) gesetzlichen Personaluntergrenzen in den Kliniken außer Kraft gesetzt. „Die Krankenhäuser müssen bei der Personalplanung flexibel auf die Ausbreitung des Coronavirus reagieren können“, begründete der CDU-Politiker den Schritt.

Doch das Runterfahren der Standards wird nicht reichen: Wenn Pflegekräfte und Ärzte noch stärker als bisher durch Quarantäne-Maßnahmen und eigene Erkrankung ausfallen, braucht es Ersatz. Spahn hatte in seinem Brief an die Kliniken bereits dazu aufgerufen, Ruheständler zurückzuholen und Medizinstudenten als Helfer zu gewinnen. Jede Klinik sollte auch vorhandenes Personal zusätzlich für einen etwaigen Einsatz im Intensivbereich schulen. In Bayern haben sich bereits 500 Studenten gemeldet, es könnten in den nächsten Wochen bis zu 5000 werden, kündigte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Dienstag an.

DKG-Präsident Gaß empfiehlt auch Pflegeschülern in der Ausbildung, sich jetzt als Helfer in den Kliniken zu melden. Nach einem Aufruf der Bundeswehr hatten sich beim dortigen Sanitätsdienst bereits mehr als 730 Reservisten gemeldet: Es habe sich auch Fachpersonal gemeldet, das vorher nicht in der Bundeswehr gearbeitet habe, hieß es dazu. Diese Interessenten seien an zivile Hilfsorganisationen wie das DRK, die Johanniter oder die Malteser verwiesen worden.

Gesucht werden weiterhin militärisch ausgebildete Pflegefachkräfte, Krankenpfleger, Notfallsanitäter, Laborassistenten und pharmazeutisch-technische Assistenten.

Für viele Pflegekräfte stellt sich nun zusätzlich das Problem der Kinderbetreuung: Bislang gilt in vielen Bundesländern die Regelung, dass nur diejenigen Anspruch auf Notbetreuung haben, die alleinerziehend sind oder deren Partner ebenfalls in einem systemrelevanten Beruf arbeitet

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Schutzkleidung beschaffen

Fast eine Milliarde Euro zusätzlich kann das Bundesgesundheitsministerium unter anderem für die Beschaffung von Schutzkleidung und Atemmasken ausgeben. Zum Teil sind davon bereits Bestände aufgekauft worden.

DKG-Präsident Gaß forderte Bund und Länder dazu auf, die Kliniken jetzt schnell damit zu beliefern. Die Lieferengpässe dauerten nun schon seit Mitte Januar an und führten mittlerweile zu kritischen Lagen: „Manche Krankenhäuser kommen schon in 14 Tagen an ihre Grenze, manche haben noch Material bis Mitte April.“

Bayerns Ministerpräsident Söder, der auch in diesem Punkt forscher vorgeht als viele seiner Länderkollegen, kündigte am Dienstag eine Änderung des bayerischen Infektionsschutzgesetzes an – unter anderem, um in Zukunft Schutzausrüstung für Ärzte und Pfleger im Notfall auch staatlich beschlagnahmen zu können. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) solle zudem im Ernstfall Materiallieferungen mit Polizeibeamten sichern, verlangte Söder. (FMG, dpa, AFP)

Besuchszeiten reduzieren

Mit massiven Einschränkungen bei den Besuchszeiten wollen die Kliniken das Ansteckungsrisiko minimieren. In vielen Abteilungen ist sogar der Besuchsstopp sinnvoll, glauben Experten. Nur eins dürfe nicht passieren, da sind sich derzeit die meisten einig: dass Menschen, wie es in Italien bereits vorkommt, ohne Begleitung durch Kinder, Eltern oder Freunde einsam sterben müssen.

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