Mehr Nachwuchs: Gesellschaft ist kinderfreundlicher geworden

Berlin  Der Trend zur Kinderlosigkeit in Deutschland scheint gestoppt. Das liegt auch an einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Nachwuchs in Deutschland: Mehr Akademikerinnen entscheiden sich für Kinder.

Nachwuchs in Deutschland: Mehr Akademikerinnen entscheiden sich für Kinder.

Foto: anatols / Getty Images/iStockphoto

Es ist eine gute Nachricht: Der seit 30 Jahren anhaltende Trend zur häufigeren Kinderlosigkeit setzt sich nicht mehr fort. Das heißt, es gibt wieder mehr Nachwuchs in Deutschland. Vor allem gut ausgebildete Frauen entscheiden sich vermehrt, Mütter zu werden. Ein Überblick über die überraschenden Zahlen des Mikrozensus 2016 des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden:

Wie lauten die Fakten?

„Der langjährige Trend zur höheren Kinderlosigkeit ist offenbar gestoppt. Bei den akademisch gebildeten Frauen ist die Kinderlosigkeit in den letzten Jahren sogar zurückgegangen“, sagt Georg Thiel, Vizepräsident des Statistischen Bundesamtes. Der leichte Geburtenanstieg hänge nicht nur mit der stärkeren Zuwanderung, sondern auch mit Veränderungen im Geburtenverhalten der Gesamtbevölkerung zusammen.

„Die Gesellschaft ist kinderfreundlicher geworden“, betont Thiel. „Und das scheint sich auszuwirken.“ Bereits seit einigen Jahren verzeichnet Deutschland mehr Kinder. Die Geburtenziffer erreichte im Jahr 2015 erstmals seit 1982 den statistischen Wert von 1,5 Kindern je Frau. Damit geht eine Phase von 30 Jahren zu Ende, in der sich die Quote kinderloser Frauen von elf auf 21 Prozent fast verdoppelt hatte. In den alten Bundesländern und unter gut ausgebildeten Frauen war sie am höchsten. Und nun zeichnet sich genau hier eine Wende ab.

Was sind die Gründe für die Trendwende?

Die Wiesbadener Statistiker führen politische Maßnahmen wie das 2007 eingeführte Elterngeld, die Elternzeit, aber vor allem die verbesserte Kinderbetreuung an. Ein Indikator dafür sei, dass die Erwerbstätigkeit von Müttern mit Kleinkindern in den vergangenen acht Jahren zugenommen habe.

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Gibt es Unterschiede zwischen den Bundesländern?

Besonders hoch ist die Kinderlosigkeit in den Stadtstaaten wie Berlin oder Hamburg, besonders gering in den ostdeutschen Flächenländern. Spitzenreiter der kinderlosen Stadtstaaten ist Hamburg mit einer Kinderlosenquote unter den 45- bis 49-Jährigen von 31 Prozent. In den westdeutschen Flächenländern betrug die Quote 21 Prozent, in den ostdeutschen Bundesländern 12 Prozent. Eines eint alle Bundesländer: Die Kinderlosigkeit ist in den städtischen Regionen durchweg höher als in den ländlichen. Besonders auffallend waren diese Unterschiede im vergangenen Jahr in Bayern. Dort gab es auf dem Land nur 15 Prozent kinderlose Frauen, in den Städten waren es 30 Prozent.

Als Gründe für diese regionalen Differenzen zwischen Ost und West sowie Stadt und Land führt die zuständige Expertin Olga Pötzsch tradierte Unterschiede aus der Zeit der deutschen Teilung an. So hat etwa jede fünfte bis 1967 geborene Frau keine Kinder. Das war die Generation, die sich im Westen zwischen Beruf und Familie entscheiden musste. Kinder und Karriere zu vereinbaren war aufgrund der wenigen Betreuungsplätze kaum möglich.

Im Osten war die Betreuungssituation deutlich besser. Hier blieben nur etwa halb so viele Frauen kinderlos. Es zeichne sich jedoch ab, dass diese Unterschiede langsam abnehmen, so die Forscherin. In den großen Städten, in denen weniger Kinder geboren werden, lebten vor allem jüngere Frauen, die noch in der Ausbildung oder im Studium sind. „Nach der Familiengründung ziehen sie dann oft ins Umland“, erklärt Pötzsch.

Wie wachsen die Kinder auf?

Die Familie als dominierendes Lebensmodell ist den Angaben nach weiter auf dem Rückzug. 2016 lebte knapp die Hälfte der Bevölkerung (48 Prozent) in Familien. 2008 waren es noch 51 Prozent, 1996 sogar noch 57 Prozent. Mit gut 68 Prozent sind Ehepaare mit Kindern immer noch die bei Weitem häufigste Familienform. An zweiter Stelle kamen 2016 mit gut 23 Prozent die Alleinerziehenden. Lebensgemeinschaften mit Kindern stellten einen Anteil von etwa acht Prozent aller Familien. Der Anteil der Ehepaare mit Kindern an allen Familien ist im Osten besonders stark rückläufig.

Was ist mit den Akademikerinnen, die zuletzt immer weniger Kinder bekamen?

Frauen mit akademischem beruflichem Bildungsabschluss, also etwa einem Di­plom, einem Masterabschluss oder Promotion, haben in Deutschland nach wie vor besonders wenige Kinder. Allerdings sind seit der letzten Erhebung 2012 klare Fortschritte zu erkennen. Bei den 30- bis 44-Jährigen Hochgebildeten mit akademischem Abschluss ist der Rückgang der Kinderlosenquote mit drei Prozent besonders signifikant. Während die Kinderlosigkeit bei Hochqualifizierten also zurückgeht, steigt sie bei in Deutschland geborenen Frauen ohne akademischen Abschluss allerdings weiter an.

Wie steht es um die Berufstätigkeit der Mütter?

In der Bundesrepublik arbeiten 74 Prozent der Mütter, sind in Mutterschutz oder in Elternzeit. Damit liegt Deutschland im oberen Mittelfeld der EU-Länder, der europäische Durchschnitt der 28 EU-Mitgliedsstaaten liegt bei 68 Prozent. Spitzenreiter sind die skandinavischen Länder Schweden und Dänemark. Am seltensten waren Mütter in Südeuropa erwerbstätig: In Griechenland und Italien hatte nur etwas über die Hälfte der Mütter einen Job.

Mögliche Gründe sind laut Forschern die insgesamt schlechtere Arbeitsmarktlage in Südeuropa sowie andere Leitbilder von Elternschaft. Interessant: Die Akademikerinnen kehren schneller in den Beruf zurück als noch vor wenigen Jahren. So arbeiteten 2016 rund 58 Prozent der Akademikerinnen mit einem Kind im Alter von einem Jahr. 2008 lag diese Zahl noch bei 54 Prozent. Allerdings: Nur 19 Prozent dieser Frauen arbeiteten Vollzeit, insgesamt treten lediglich 24 Prozent der Mütter beruflich nicht kürzer.

Wie beeinflusst die gestiegene Zuwanderung die Ergebnisse?

Der Mikrozensus ist mit 800.000 Befragten die größte jährliche Haushaltserhebung in Deutschland. Zuwanderer, die nach ihrer Anerkennung bereits in einer eigenen Wohnung leben, werden mit erfasst. Asylbewerber, die sich noch in Sammelunterkünften oder Notaufnahmen befinden, werden nicht erfasst. Es zeigt sich: Insbesondere bei Zuwanderinnen hängt die Zahl der geborenen Kinder vom Bildungsstand der Mutter ab.

So hatten Zuwanderinnen mit hoher Bildung 1,9 Kinder je Mutter und damit genau so viele wie in Deutschland geborene Mütter mit einem hohen Bildungsstand. Bei Müttern mit niedrigerer Bildung bekamen ausländische Mütter rund 2,6 Kinder, die Deutschen hingegen nur 2,2 Kinder.

Ist der demografische Wandel nun gestoppt?

Nein. Deutschland gehört trotz der Trendwende neben der Schweiz, Italien und Finnland weiterhin zu den Ländern mit der höchsten Kinderlosigkeit in Europa. Frankreich zum Beispiel liegt mit einer Geburtenrate von 1,9 ganz vorne. Der Vizepräsident des Statistischen Bundesamtes spricht daher auch von „fragilen Zahlen“. Der demografische Wandel sei nicht aufgehoben. Aber es sei schon eine „positive Veränderung“.

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