Umstrittene Tierversuche für Corona-Impfstoffe unverzichtbar

Göttingen/Hamburg.  Verantwortungsbewusste Versuche seien unverzichtbar, sagt etwa der Göttinger Biologe Stefan Treue. Auch Tierschützer lenken teilweise ein.

Mehr als 80 Prozent der gut zwei Millionen Versuchstiere, die 2018 in Deutschland verwendet wurden, waren Ratten oder Mäuse, wie aus Zahlen des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft hervorgeht.

Mehr als 80 Prozent der gut zwei Millionen Versuchstiere, die 2018 in Deutschland verwendet wurden, waren Ratten oder Mäuse, wie aus Zahlen des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft hervorgeht.

Foto: Uwe Anspach / dpa

Erst vor wenigen Monaten demonstrierten in Hamburg bis zu 15.000 Menschen gegen Tierversuche. Ähnliche Kundgebungen dürfte es zum Tag des Versuchstiers an diesem Freitag (24. April) kaum geben, allein schon wegen der Einschränkung der Versammlungsfreiheit in der Corona-Krise.

Wissenschaftler: Kein Corona-Impfstoff ohne Tierversuche – „Verantwortungsbewusste Versuche unverzichtbar“

Fast alle Menschen wünschen sich möglichst schnell ein Mittel, das die Pandemie beenden kann. Doch Impfstoffe werde es ohne Tierversuche nicht geben, geben Wissenschaftler zu bedenken.

„Der Medizin ist es gelungen, erfolgreiche Impfungen zum Beispiel gegen Kinderlähmung, Mumps oder eben die Grippe zu entwickeln. Bei Covid-19 ist aber noch erheblicher medizinischer und wissenschaftlicher Fortschritt nötig“, erklärt der Göttinger Biologe Stefan Treue, Sprecher der „Initiative Tierversuche“.

Verantwortungsbewusste Tierversuche seien unverzichtbar: „Das ist weltweiter Konsens in Forschung und Gesetzgebung.“ Hinter der Initiative stehen deutsche Wissenschafts- und Forschungsorganisationen von den Helmholtz- und Fraunhofer-Gesellschaften bis zur Leopoldina.

Tierschützer: Medikamententests an Tieren sind „grundsätzlich falsch“ – auch in Corona-Krise

Tierversuche sind in Deutschland streng geregelt. Sie würden nur unternommen, wenn keine Alternativmethoden verfügbar seien, sagt ein Sprecher des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR).

Die Organisation „Ärzte gegen Tierversuche“ hält Medikamententests an Tieren derweil für grundsätzlich falsch. „Eine schnelle und zuverlässige Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen mit Tierversuchen ist nachweislich nicht möglich“, erklärt Sprecherin Gaby Neumann.

Trotzdem werde aktuell versucht, passende Tiermodelle für die Sars-CoV-2-Forschung zu finden oder herzustellen. Neumann: „Die aktuelle Corona-Krise zeigt mehr als deutlich, welch großer Fehler es in der Vergangenheit war, tierversuchsfreie, humanbasierte Forschungsmethoden wie menschliche 3D-Lungenmodelle und Multi-Organ-Chips nicht ausreichend zu fördern.“

Tierversuchs-Befürworter: Komplexe Viruserkrankungen nicht nur mit Computermodellen besiegbar

Sprecher Stefan Treue von „Tierversuche verstehen“ sagt dazu: „Natürlich nutzt die Forschung auch alle verfügbaren tierversuchsfreien Methoden – aber weder mit einer Petrischale noch einem Organ-on-a-chip oder Computermodell alleine werden wir komplexe Viruserkrankungen, Krebs oder Alzheimer besiegen können.“

Mehr als 80 Prozent der gut zwei Millionen Versuchstiere, die 2018 in Deutschland verwendet wurden, waren Ratten oder Mäuse, wie aus Zahlen des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft hervorgeht. Bei der Entwicklung eines Mittels gegen das Coronavirus kommen nach Angaben von Treue vor allem Mäuse zum Einsatz: „Aber auch Studien an anderen Tierarten wie zum Beispiel Affen sind dafür unumgänglich.“

Auch der Berliner Virologe Christian Drosten hält Versuche mit Makaken wie Rhesusaffen „in sehr, sehr limitierter Art und Weise“ für sinnvoll, weil das Immunsystem dieser Tiere dem des Menschen ähnlicher sei. Versuche mit Menschenaffen sind in Deutschland unterdessen verboten.

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„Es rächt sich nun, dass Alternativmethoden nicht genug gefördert wurden“

Zu Protesten gegen Tierversuche hatte in der Vergangenheit häufiger die Organisation „Soko Tierschutz“ aufgerufen, die ein Ende aller Tierversuche fordert. Auch jetzt in der Corona-Krise bleibe der Verein bei seiner Haltung, sagt Sprecher Friedrich Mülln.

Mülln bekräftigt, dass sich jetzt die Schwächen des Tierversuchs zeigen, der viel zu viel Zeit braucht und nun ohne guten Zwischenschritt am Menschen getestet wird. „Wenn man bei 300 Kilometern pro Stunde eine Vollbremsung macht, wird das nicht gut ausgehen“, sagt Mülln. Es räche sich nun, dass Alternativmethoden nicht genug gefördert worden seien. dpa

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