Terroranschlag

TV-Doku: 11. September und Guantánamo – Was Folter anrichtet

| Lesedauer: 6 Minuten
Videografik: Die Anschläge vom 11. September 2001

Videografik: Die Anschläge vom 11. September 2001

Die Anschläge vom 11. September 2001 in den USA markieren einen harten Einschnitt in der Weltgeschichte: Zum ersten Mal nutzen Terroristen Passagierflugzeuge als Waffen, um die Weltmacht USA anzugreifen. Tausende Menschen werden getötet.

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Berlin  Nach 14 Jahren in Guantánamo will der „Mauretanier“ seine Peiniger zum Tee einladen und ihnen vergeben. In „Slahi und seine Folterer“.

Mohamedou Ould Slahi hat eine überwältigend charismatische Ausstrahlung: Wenn er lächelt, und das tut er vor einer Kamera fast immer, dann wirkt er wie ein großer Junge. Überaus sympathisch, ist er offensichtlich auch noch hochintelligent. Er spricht mehrere Sprachen, sogar deutsch.

Niemand würde Slahi ansehen, dass er 14 Jahre lang illegal in Guantánamo festgehalten wurde – weil er einer der Drahtzieher hinter „9/11“ gewesen sein soll. Auch Folter hat ihn nicht brechen können. Zwar hatte er immer noch Alpträume und könnte nicht mehr weinen, sagt er. Nach der Freilassung 2015 hat sich sein Los aber doch gewendet: Mit seinem „Guantánamo -Tagebuch“ landete er einen internationalen Bestseller, der als „Der Mauretanier“ mit Jodie Foster verfilmt wurde und vor kurzem einen Golden Globe gewann.

Jetzt, aus Anlass des 20. Gedenktages der Terroranschläge von „9/11“, kommt noch ein aktueller Dokumentarfilm über den wohl bekanntesten Guantánamo -Häftling: „Slahi und seine Folterer“ läuft kommenden Dienstag in einer 52-minütigen Fassung auf arte. Eine knappe Woche später, am 14. September, zeigt den packenden Dokumentarfilm von John Goetz Das Erste in voller 90-Minuten-Länge (sowie in der Mediathek).

Das dunkelste Kapitel der US-Justiz-Geschichte

Nach einer Vorab-Präsentation des Films im Berliner Babylon Kino, strahlt Slahi, zugeschaltet per Video, überlebensgroß von der Leinwand und beantwortet munter alle Fragen. Viele sind das nicht. Der starke Film, der das dunkelste Kapitel der US-Justiz-Geschichte in allen nur möglichen Graustufen ausleuchtet, wirkt lange nach.

Die Journalisten und geladenen Gäste scheinen wie benommen vor allem von seinem Anliegen, das die Dokumentation überhaupt erst initiiert hatte: Statt Vergeltung für die erlittenen Todesängste, wollte Slahi seine einstigen Folterer „auf eine Tasse Tee einladen – und ihnen vergeben.“ Dafür aber musste er sie erst noch finden.

So kam der amerikanische Investigativ-Journalist John Goetz ins Spiel, der in Berlin lebt und als Allererster über den Mauretanier berichtet hatte, im „Spiegel“ schon vor neun Jahren. Er soll ihm helfen. John Goetz sagt zu, und liefert zu seiner brisanten Suche nach der wahren Identität der US-amerikanischen Folterer das „Making-of“ gleich mit.

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Wer sind „Master Jedi“ und „Mr. X“?

Zwei Jahre stockt die Recherche. Slahi weiß nicht, wie die gesuchten Männer aussehen, und kennt nur ihre Tarnnamen. Wer hinter „Master Jedi“ oder „Mr. X“ steckt, hält die US-Regierung dagegen strikt unter Verschluss. Dann kommt im Frühjahr „Der Mauretanier“ in die Kinos. „Und plötzlich wollten alle mit uns reden“, berichtet der Filmemacher, plötzlich misstrauisch: Wer benutzt hier wen?

Offenbar ging es um Deutungsmacht: Der Ex-Guantánamo-Häftling sollte nicht das letzte Wort in der Sache haben. Anderseits hatte auch der Mauretanier ein Publicity-Coup gelandet, als er ausgerechnet einen Amerikaner für seine Zwecke einspannte. War er womöglich doch der Teufel, für den Sydney ihn hielt?

Analystin sicher: „Mit seinem Charme manipuliert er alle"

Die „hervorragende Analystin“, die auf dem umstrittenen US-Marinestützpunkt mit seinem Fall betraut war, ist heute noch davon überzeugt, dass Slahi die Bomber rekrutiert hatte, die am 11. September 2001 in die New Yorker WTC-Türme flogen: „Mit seinem Charme manipuliert er alle“, warnt Sydney im Film. Slahi könnte auch einem Eskimo noch Eis verkaufen.

Als sie erfuhr, dass er mit Zustimmung sämtlicher US-Geheimdienste nach einem Lügendetektor-Test freigelassen werden sollte, quittierte sie aus Protest den Dienst. Als sie fünf Jahre später hörte, dass die Verfilmung seines Tagebuches sogar für einen Oscar nominiert war, bekam sie Bluthochdruck und Schweißausbrüche: „Ich kann es nicht fassen“, sagt sie, immer noch empört, „In welcher Welt leben wir eigentlich?“

Leichenteile aus dem World Trade Center enden auf einer Deponie
Ein Berg aus Trümmern: World-Trade-Center-Reste liegen auf einer Deponie

In einer „Nacht-und-Nebel“-Aktion verschleppt

Als die Amerikaner den Mauretanier in einer illegalen „Nacht-und-Nebel-Aktion“ im November 2001 nach Guantánamo Bay verschleppten, schien alles klar: Slahi studierte in Hamburg. Drei der vier Attentäter kannte er persönlich. Auf den Radar der Geheimdienste tauchte er auf, nachdem sein Vetter ihn aus Afghanistan anrief – über das persönliche Satellitentelefon von Bin Laden.

War er deshalb schon ein Terrorist, weil er mit einem Terroristen verwandt war bzw. andere kannte? Seine Rolle konnte nie geklärt werden. Ein Prozess wurde ihm nicht gemacht. Gestanden hatte er erst spät, unter maximalen Druck jener „erweiterten Verhörmethoden“, die der damaligen Verteidigungsministers Donald Rumpsfeld für Guantánamo angeordnet hatte. Inzwischen sind sie verboten.

So begleitet ihn der nicht ausgeräumte „Schatten des Terror-Verdachts“ weiter. Auch dafür haben die Amerikaner gesorgt: Ein Visum bekommt er nicht, sitzt jetzt in seiner Heimat fest. Als schließlich ein Video-Kontakt mit den einstigen Peinigern gelingt, kommt es zu kuriosen Begegnungen.

Folter zerstört Menschen - auch die Täter

Opfer sind sie alle. Eindrücklich macht der Film klar, wie Folter Menschen zerstört – selbst die Täter. Der eine der gesuchten Wärter entpuppt sich als schlichter Mensch, der an seiner „Schuld fast zerbrochen“ wäre. Inzwischen gläubiger Christ, will er sich bei Slahi entschuldigen und lässt sich sogar dazu hinreißen, unter Tränen zu gestehen: „Ich liebe dich, Mann“.

Den anderen, einen bullig-riesigen US-Marine, quälen „psychotischen Schübe“. Von der traumatisierenden Entgleisung versucht er, sich durch Therapie zu befreien, töpfert und malt verstörende Selbstporträts. „Wir haben unsere Werte verraten“, sagt er traurig.

Und Slahi? Im Videochat danach gefragt, wie er nach 20 Jahren die Terroranschläge von „9/11“ beurteilt, zitiert er erst einmal, was George Bush nach der Attacke sagte: „Sie haben uns angegriffen, aber zerstören können sie uns nicht.“ Dann setzt er, eiskalt, hinzu: „Die Amerikaner haben es selbst getan – sie können die Welt nur noch in Schwarz-Weiß sehen.“

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