Charité-Studie: Gefahr einer Corona-Infektion in Bahn gering

Berlin.  Eine Studie der Deutschen Bahn und der Berliner Charité hat ergeben: Zugbegleiter haben kein erhöhtes Risiko einer Corona-Infektion.

Bahnfahren in Coronazeiten

Corona: Menschenmassen, enge Räume und keine Frischluft: Inzwischen sind die Züge und Bahnen wieder voll. Das Risiko, sich an dem Coronavirus zu infizieren, steigt - besonders, wenn keine Maske getragen wird.

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Die Schutzmaßnahmen der Bahn gegen Corona-Infektionen zeigen offenbar Wirkung. Obwohl sich Zugbegleiter stundenlang in Fernzügen aufhalten, Fahrkarten kontrollieren und mit Passagieren sprechen, besteht für sie kein höheres Risiko, an Covid-19 zu erkranken. Dies hat eine gemeinsame Studie der Bahn mit der Berliner Charité ergeben.

Das Ergebnis bewerten die Wissenschaftler positiv: So besteht offenbar für die Zugbegleiter bislang weder ein erhöhtes Risiko, sich bei den Passagieren anzustecken, noch gibt es eine größere Gefahr, dass sich Reisende bei den Bahnmitarbeitern anstecken. Wie sicher das Reisen damit für Passagiere ist, wurde nicht untersucht.

Für die Studie wurden in einer ersten Testwelle im Juli rund 1100 Bahnmitarbeiter in Hamburg, Berlin, Frankfurt und München auf Corona getestet – und zwar Zugbegleiter, Lokführer sowie Werkshandwerker, die stets mit denselben Kollegen zusammenarbeiten.

Nur ein Mitarbeiter wurde positiv auf Covid-19 getestet

Das Ergebnis überrascht: Entgegen der Erwartungen gibt es keinen Hinweis darauf, dass sich Zugbegleiter, die einen berufsbedingt großen Personenkontakt haben, eine größere Infektionsrate aufweisen als Lokführer, die meistens allein in ihrem Führerstand sitzen.

Von den Bahnmitarbeitern, die sich freiwillig dem Nasen-Rachen-Test (PCR) zur akuten Infektion unterzogen haben, wurde nur ein einziger von 1072 Beschäftigten positiv auf Corona getestet – und zwar ein Werksmitarbeiter. Dies entspricht einer Infektionsrate von 0,1 Prozent.

20 Mitarbeiter hatten Antikörper im Blut

Antikörper – als Hinweis auf eine vergangene Corona-Infektion – wurden in einem weiteren Bluttest wiederum bei 20 Mitarbeitern nachgewiesen. Dabei wies die Gruppe der Zugbegleiter mit 1,3 Prozent den niedrigsten Wert auf, bei den Lokführern und Instandhaltern waren 2,7 Prozent betroffen.

Die Testreihe soll mit zwei Untersuchungen im Herbst (im Oktober) und im Winter (im Februar) fortgesetzt werden, um weitere Erkenntnisse über mögliche Veränderungen in den kühlen Jahreszeiten und einem möglicherweise höherem Passagieraufkommen zu erhalten.

Bahnchef Huber: „Bahnfahren ist sicher“

Doch schon aufgrund dieser ersten wissenschaftlichen Erkenntnisse ist der Bahnvorstand Berthold Huber überzeugt: „Bahnfahren ist sicher.“ Es gebe keinen Grund zur Sorge vor Bahnreisen. „Wir haben kein erhöhtes Risiko in unseren Zügen. Unsere Hygiene- und Schutzmaßnahmen wirken.“ Voraussetzung sei jedoch, dass sich alle an die Maskenpflicht und Hygienevorschriften halten.

Die Klimaanlagen in den Zügen tragen zudem dazu bei, dass sich mögliche Aerosole, die maßgeblich zur Ansteckung mit dem Virus beitragen können, nicht so stark im Zug verbreiten. „Unsere Klimaanlagen arbeiten vertikal – sie ziehen die Luft von oben nach unten“, beschreibt Huber die Technik.

Damit würden die Aerosole sehr schnell auf den Boden gezogen und aus dem Zug geleitet. „Die Frischluftzufuhr sorgt dafür, dass alle sieben Minuten die komplette Luft im Zug ausgetauscht wird. Insofern verhindert die Klimaanlage das Risiko, sich anzustecken.“

Züge der Bahn sind zu 40 Prozent ausgelastet

Aktuell seien die Züge zu 40 Prozent ausgelastet, im Vorjahr waren es 60 Prozent. Die Zahl der Passagiere steige aber kontinuierlich wieder an – insbesondere bei Privatleuten, während noch weniger Geschäftsreisende unterwegs seien.

Die große Mehrheit der Reisenden tragen Masken oder ziehen sie auf, wenn man sie dazu auffordert, so Huber. Eine Reservierungspflicht lehnt der Vorstand unverändert ab, um die Flexibilität bei der Zugwahl gerade auch für Berufspendler zu erhalten.

SPD-Experte Lauterbach appelliert an die Passagiere

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach glaubt, dass die Ergebnisse der Studie durchaus auch auf die Fahrgäste übertragen werden können. „Zur jetzigen Zeit ist Bahnfahren offenbar relativ sicher“, sagte Lauterbach dieser Redaktion. Voraussetzung allerdings sei, dass sich die Fahrgäste auch vernünftig verhalten.

„Ein Fahrgast, der im Zug eine Maske trägt, hat kein höheres Risiko als das Personal“, vermutet Lauterbach. „Masken und Klimaanlagen können offenbar ein sichereres Reisen ermöglichen, als man es erwartet hatte.“ Die Situation könnte sich allerdings ändern, wenn die Züge deutlich voller werden und mehr Infizierte reisen. Dieses Geschehen müsse beobachtet werden.

Öffentliche Verkehrsmittel sind bisher keine Corona-Herde

Bislang gab es in Deutschland noch keine größeren Ausbrüche von Corona-Erkrankungen, die auf Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln zurückzuführen waren. Nach einer aktuellen Auswertung des Robert-Koch-Instituts (RKI) stecken sich die meisten Menschen in privaten Haushalten an.

Flugzeuge, Busse oder Bahnen seien bislang noch nicht als zentrale Orte für Ansteckungen aufgefallen. Allerdings lassen sich gerade im Bahnverkehr, so die RKI-Experten, Ausbrüche nur schwer ermitteln, da sich in vielen Fällen die möglichen Kontaktpersonen im Nachhinein nicht mehr nachvollziehen lassen.

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