Airbnb, Uber und Co.: Beendet Corona die Idee des Teilens?

Berlin.  Autos, Fahrräder, E-Scooter, Wohnungen: Die Sharing Economy ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Bremst die Krise den Trend aus?

Beispielloser Wirtschaftseinbruch wegen Corona-Pandemie

Die deutsche Wirtschaft ist wegen der Coronavirus-Pandemie im zweiten Quartal 2020 um mehr als zehn Prozent eingebrochen, das ist der stärkste Rückgang seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1970.

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Fahrräder, Autos, Wohnungen und Schreibtische: Das Teilen gegen eine Gebühr hat in den vergangenen Jahren einen regelrechten Boom erlebt. Das wirtschaftliche Modell des Teilens, Sharing Economy genannt, schuf im vergangenen Jahrzehnt Marktgiganten wie die Wohnungs-Vermietungs-Plattform Airbnb, den Taxidienst Uber oder den Büroflächenvermieter WeWork.

Und sie beinhaltete ein Wachstumsversprechen. Eine 2016 erstellte Studie für das Europäische Parlament ergab, dass in der EU durch Sharing pro Jahr bis zu 572 Milliarden Euro an Marktpotenzial entstehen könnten. Doch die Corona-Krise stellt die Branche vor eine neue Situation. Funktioniert das Teilen noch, wenn es gesundheitliche Sorgen aufgrund der Pandemie gibt?

Corona-Krise: Carsharing-Branche gerät unter Druck

„Solange das Virus vorhanden ist, wird es einen psychologischen Effekt geben“, meint Friedrich Wilkening, Innovation Manager bei der Forschungs-Tochtergesellschaft des Münchner Projektentwicklers CV Real Estate. „Auch wenn nach jetzigen wissenschaftlichen Erkenntnissen es sehr unwahrscheinlich ist, sich über Kontaktflächen zu infizieren, so werden sich Kunden doch fragen, wer vor ihnen im Auto saß oder zuletzt den E-Scooter genutzt hat“, sagt Wilkening.

Trotzdem glaubt er nicht, dass die Corona-Krise die Idee des Teilens beenden wird. Im Gegenteil. „Die Corona-Krise kann wie ein Katalysator wirken“, so Wilkening. Diese Entwicklung könne allerdings dazu führen, dass einige Marktteilnehmer vom Markt verschwinden, etwa beim Carsharing. „Viele Carsharing-Anbieter hatten schon vor der Krise lokale Schwierigkeiten, hier kann eine Marktbereinigung nun schneller stattfinden“, sagt Wilkening. Lesen Sie auch: Trotz Carsharing: So viele Autos wie nie in Deutschland

Bundesverband Carsharing warnt vor Insolvenzen

Als „kritisch“ bezeichnet Wiebke Schönherr vom Bundesverband Carsharing die Situation für die Carsharing-Anbieter. Rund 25.000 Fahrzeuge gibt es bundesweit laut Verbandsangaben in 840 Städten und Gemeinden zum Ausleihen.

Die Umsätze würden noch weit unter denen des Vorjahressommers liegen, es sei nicht absehbar, ob alle Anbieter die Krise überstehen, sagt Schönherr und fügt an: „Einige Carsharing-Anbieter können es sicher aus eigener Kraft schaffen, sich wirtschaftlich wieder zu stabilisieren, für viele wird es aber schwer werden.“ Übrig bleiben könnten am Ende vor allem die großen Anbieter.

Beim Carsharing wird in zwei Angebotsformen unterschieden. Zum einen gibt es ein stationsbasiertes Modell, zum anderen ein sogenanntes Free-Floating-Modell, bei dem das Auto dort steht, wo es der letzte Kunde abgestellt hat. Mehr als die Hälfte der Fahrzeuge im Free-Floating-Modell stellt hierzulande ShareNow, der Sharing-Dienst von Daimler und BMW, dahinter folgt der Sharing-Dienst von Sixt, dem größten deutschen Autovermieter.

Verband hofft auf mehr Förderung

Dahinter tummeln sich viele kleinere Anbieter. Für sie könnte es nun schwierig werden – ebenso wie für kleinere Anbieter beim stationsbasierten Modell. Um sie zu unterstützen, schlägt Schönherr vor, dass die Kommunen öffentliche Stellplätze ausweisen könnten. „So könnten auch stationsbasierte Anbieter, die ihre Fahrzeuge bisher fast ausschließlich auf privaten Stellplätzen – beispielsweise in Hinterhöfen – abstellen können, im öffentlichen Raum sichtbarer werden“, sagt Schönherr.

Auch sei es eine Chance, wenn der öffentliche Personennahverkehr und der Radverkehr gestärkt werden. „Das würde dem Carsharing, das sich als Ergänzung zum Umweltverbund versteht, helfen zu wachsen“, sagte Schönherr.

Fahrrad-Verleiher könnten von der Krise profitieren

In einigen Städten wird der Radverkehr seit der Corona-Krise bereits gefördert. In Berlin und Düsseldorf etwa wurden mit Klebestreifen Autospuren zu Fahrradwegen umgestaltet, sogenannte Pop-up-Radwege. „Städte wie Kopenhagen, Amsterdam oder auch Münster zeigen: Wenn die Infrastruktur vorhanden ist, dann zieht die Bevölkerung auch nach und steigt auf andere Verkehrsmittel um“, sagte Maximilian Richter, der wie Wilkening Innovation Manager bei CV ist.

„Die Tendenz kann ja nicht zurück zum Auto gehen, das bisherige System ist an seinen Kapazitätsgrenzen angelangt“, sagt Richter und verweist auf die Hauptstadt. „Dort liegt die Durchschnittsgeschwindigkeit zwischen 15 und 22 Stundenkilometern. Da ist das Auto sicher nicht das effizienteste Mittel.“

E-Scooter-Branche trotzt der Krise

Doch nicht nur Fahrräder könnten von den neuen Radwegen profitieren, auch die vor einem Jahr in Deutschland zugelassenen E-Scooter könnten zu den Krisengewinnern zählen. „Unsere Analysen zeigen, dass der E-Scooter-Markt profitabler sein kann als der Bikesharing-Markt“, sagt Kersten Heineke, Mobilitätsexperte und Partner bei der Unternehmensberatung McKinsey.

Fahrräder würden sich Kunden eher selbst anschaffen. „E-Scooter dagegen eignen sich als Sharing-Modell. Sie sind mit keiner Kraftanstrengung verbunden und bieten sich daher für den Pendelweg ebenfalls an“, findet Heineke.

Von der erwarteten Marktbereinigung ist im E-Scooter-Markt bisher wenig zu spüren. Im Februar wurde das Berliner Start-up Circ vom US-Unternehmen Bird geschluckt, die anderen Anbieter halten sich nach wie vor. Und der Markt wächst sogar. Lesen Sie auch: Datensicherheit: Verkaufen die Tretroller-Firmen unsere Daten?

Neue Anbieter im umkämpften E-Scooter-Markt

Im November stieß das niederländische Start-up Dott zum etablierten Kreis der Anbieter wie Lime, Bird, Voi und Tier hinzu, mitten in der Krise verkündete die Ford-Tochter Spin ihren Deutschlandstart. Nach einem Einbruch zur Hauptphase der Einschränkungen berichten die Anbieter von steigender Nachfrage.

„Die Nutzung ist nach Corona stark angestiegen und bewegt sich inzwischen auf sehr viel höheren Levels als vor der Krise und dem Start vor einem Jahr“, berichtet Claus Unterkircher, Voi-Chef für den deutschsprachigen Raum. Die Krise könne den E-Scooter-Verleihern sogar helfen, sagt Jshar Seyfi, Geschäftsführer von Lime Deutschland: „Da viele Menschen gerade wegen Corona ihre Fortbewegung neu organisieren, haben wir eine super Chance, sie für das Thema Mikromobilität und E-Scooter zu gewinnen.“ Auch interessant: Kooperation: So wollen E-Scooter-Anbieter die Branche nachhaltiger machen

Uber und Airbnb bauen im Zuge der Krise Stellen ab

Für aufstrebende Start-ups kann die Corona-Krise auch eine Chance sein. Doch die Marktriesen wurden durch die Krise kräftig durchgeschüttelt. Uber etwa kündigte nach einem Verlust von 2,9 Milliarden US-Dollar im ersten Quartal den Abbau von 6700 Stellen an, das zweite Quartal fiel mit einem Minus von 5,2 Milliarden Dollar noch schlimmer aus.

Auch Airbnb entließ in der Hochphase der Krise weltweit ein Viertel seiner Angestellten und strich 1900 Arbeitsplätze. Die Hoffnung einiger deutscher Städte, dass die privaten Ferienwohnungen wieder zu klassischen Mietwohnungen umgewandelt werden, erfüllte sich nicht.

Wie Daten des Immobilienportals Immoscout zeigen, wurden im April kurzzeitig einige Wohnungen dem Mietwohnungsmarkt zugeführt. Doch ab Mai habe sich das Angebot wieder normalisiert. Kein Wunder. Airbnb verzeichnete nach eigenen Angaben zuletzt mehr Buchungen als im Vorjahr.

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