Bei dieser neuen Milch ist der Verbraucher der Chef

Berlin.  Die neue Milchmarke „Du bist hier der Chef“ soll besser für die Bauern und die Kühe sein. Mitgestaltet wurde sie von Verbrauchern.

Foodsharing-Apps für weniger Lebensmittelverschwendung

Lebensmittelverschwendung ist auch in Deutschland ein riesiges Problem. Laut Statistiken wirft jeder Verbraucher im Schnitt 75 Kilogramm Essbares jährlich weg. Foodsharing-Apps können dabei helfen, dieses Problem zu mindern.

Beschreibung anzeigen

Bauer Sven Lorenz ist keiner, der jammern will. Sah es in den letzten Monaten oft so aus, als protestierten alle Landwirte gegen mehr Platz für Tiere im Stall, gegen strengere Düngeregeln, gegen die da oben, zeigt Lorenz: Das stimmt nicht. Viele Bauern suchen nach neuen Wegen. Der von Lorenz – 120 Milchkühe, 120 Hektar – ist besonders.

Lorenz, seit Jahren schon Biobauer, lässt seine Kühe jetzt noch länger auf die Weide, hat diese vergrößert, auch einen Hektar hinzugepachtet. Seit Wochenbeginn steht das Ergebnis als Erstes in Regalen von Rewe, später soll es bei anderen Lebensmittelketten folgen: die Milchmarke „Du bist hier der Chef“. „Das gab es so alles noch nicht“, sagt Lorenz, „Sie sehen schon auf der Verpackung, was anders ist.“

Milch: Verbraucher konnten über Produktionsbedingungen abstimmen

Die ist denkbar schlicht, grün und blau. Auffällig die Aufschrift: „Diese Milch wurde von uns Verbrauchern gewählt“. Das Besondere: Bevor Lorenz und zwölf weitere Kollegen in den letzten Wochen ihre Arbeit verändert haben, konnten Verbraucher online unter dubisthierderchef.de abstimmen. Die Frage: Was für eine Milch soll zu welchem Preis in Läden verkauft werden? Wie bio soll die Milch sein, woraus die Verpackung bestehen, wie gut der Bauer dabei vergütet werden?

Knapp 10.000 Kunden haben sich insgesamt bei acht Fragen entschieden. Und je nachdem, was sie anklickten, verschob sich der Preis für die Milch. Nun steht unten auf der Vorderseite der Milchpackung „Unverbindliche Preisempfehlung, von Verbrauchern gewählt: 1,45 Euro.“

Bauern erhalten 58 Cent pro Liter Milch

Entscheidend für Lorenz auch ein Satz auf der Seite: „Die Bauern erhalten pro Liter 58 Cent“ – mehr als üblich. Im Schnitt bekommen konventionelle Bauern derzeit 31 Cent pro Liter, 44 Cent halten sie aber erst für fair. Die Einkaufsmacht der großen Handelsketten, vor allem der Discounter sei enorm, meint Lorenz. Die einzelnen Landwirte könnten dem wenig entgegensetzen. Das ruiniere viele. „Alle zehn Jahre macht die Hälfte aller Milchhöfe in Deutschland dicht“, sagt Lorenz. 60.000 sind es heute noch.

Lorenz hat seinen Hof im nordhessischen Vöhl vor zehn Jahren auf Bio umgestellt. Biobauern bekommen immerhin 47 Cent pro Liter Milch, haben aber auch mehr Aufwand. „Der Preis rechnet sich auch bei Bio noch nicht richtig“, sagt Lorenz. Die Umfrage jedoch zeige, dass Kunden bereit seien, mehr zu zahlen, solange sie wüssten, dass beide glücklicher werden – Bauern und Kühe.

Die Tiere sind auf Höchstleistung getrimmt. Eine konventionelle Kuh gibt am Tag nicht nur ein paar Liter für ihr Kälbchen, sondern gut 30 Liter für den Milchmarkt. Sie lebt selten länger als viereinhalb Jahre. Dabei können Kühe leicht 20 Jahre werden. Das schaffen sie auch auf dem Biohof nicht, dort leben sie im Schnitt sechs Jahre, geben 20 Liter Milch am Tag. Die neue Marke ist „eine Chance, einen guten Preis zu bekommen und die Tiere noch artgerechter zu halten“, meint Lorenz.

Idee kommt ursprünglich aus Frankreich

Er sagt, es rieche im Stall nun nach dem frischen Gras, mit dem er seine Kühe jetzt vor allem füttert. Und wenn es doch mal Kraftfutter gibt, darf es nur aus der Region kommen. Viel öfter als vorher sind die Tiere aber ohnehin draußen. Mindestens vier Monate im Jahr laufen Lorenz’ Kühe nun vor dem Hof auf der Weide. Er muss neue Regeln einhalten – dem Kundenwunsch entsprechend.

Auch interessant:

Die Idee kommt ursprünglich aus Frankreich. Unter der Marke: „C’est qui le patron?!“ werden dort bereits gut 35 Produkte etwa bei der großen Supermarktkette Carrefour verkauft. Neben Milch gehören Äpfel und Butter dazu. In Deutschland hat die Idee Nicolas Barthelmé, ein gebürtiger Franzose, von seinem Wohnort aus, dem hessischen Eltville, angeschoben. Er hat die Online-Umfrage ins Leben gerufen und suchte Mitstreiter.

Fündig wurde er unter anderem bei Lorenz, der Vorsitzender der Milcherzeugergemeinschaft Hessen ist, ein Zusammenschluss von Biobauern, die in eigener Regie auch die einzige Bio-Molkerei Hessens führen. Der Name: Upländer Bauernmolkerei. Sie holt die Milch von Lorenz und den anderen ab, verarbeitet sie, bevor Rewe sie dann in seine Regale stellt.

Milch soll bald in mehr Bundesländern angeboten werden

Die Handelskette startet damit zunächst in 400 Filialen vor allem in Hessen, aber auch in einigen in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz. Rewe-Einkaufschef Hans-Jürgen Moog hält die Milch für „eine wirkliche Bereicherung für den Markt“. Später soll sie auch andernorts angeboten werden.

Mehr zum Thema:

Und wenn die Kunden trotz allem nicht zugreifen? Lorenz rechnet damit nicht. Im Moment sieht es so aus, als würden schon in vier Wochen auch andere Handelsketten die Milch verkaufen, dann zum Beispiel auch in Baden-Württemberg. Die Verhandlungen laufen. Eine fettarme Milch und eine H-Milchvariante sollen folgen. „Wir haben bereits Bauern auf der Warteliste, die mitmachen wollen“, sagt Lorenz.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder