IT-Experte Peters: „Manche wurden böse aufgeweckt“

Berlin.  Die Corona-Krise hat viele Firmen ins Home-Office gezwungen. Wie klappt der Umstieg? Einer der größten IT-Dienstleister berichtet.

Ratgeber: So klappt's mit dem Home Office in Corona-Zeiten

Wegen der Cornavirus-Pandemie lassen immer mehr Betriebe ihre Mitarbeiter die Arbeit zu Hause erledigen. Wer ein paar Tipps beherzigt, dem wird die Umstellung nicht schwer fallen.

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Vom DAX-Konzern bis zur kleinen Firma: Zahlreiche Arbeitgeber haben aufgrund der Corona-Krise ihre Mitarbeiter schnell ins Home-Office geschickt. Laut dem Digitalbranchenverband Bitkom arbeitet mittlerweile jeder zweite Arbeitnehmer von zu Hause aus.

Das allerdings bringt für viele Unternehmen Herausforderungen mit sich, etwa fehlende Laptops, technische Schwierigkeiten oder stabile Datenübertragungen. Dirk Peters ist täglich mit diesen Problemen konfrontiert.

Er gehört zum Vorstand der Datagroup SE, einem der größten deutschen IT-Dienstleister. Das Unternehmen, das an 29 Standorten in Deutschland rund 2.700 Mitarbeiter beschäftigt, ist für die technische Infrastruktur von 300 Großkunden, darunter einige DAX-Konzerne, tätig. In Interview beschreibt Dirk Peters die Erfahrungen der Unternehmen mit dem Wechsel ins Home-Office.

Wie hat sich die Nachfrage nach IT-Dienstleistungen seit Beginn der Corona-Krise entwickelt?

Dirk Peters: Wenn sich Kunden mit Anliegen an uns wenden, eröffnen wir für die Bearbeitung dieser Anliegen ein Online-Ticket. Aktuell liegen wir bei einem täglichen Volumen von 30.000 Tickets pro Tag. Das sind 200 Prozent mehr Anfragen als gewöhnlich. Zu Beginn der Krise im vergangenen Monat lag das Volumen sogar zwischenzeitlich bei 300 Prozent über dem Normalwert.

Viele Unternehmen haben ihre Mitarbeiter ins Home-Office geschickt. Wie klappt das?

Dirk Peters: Der Vorteil ist, dass die private Infrastruktur bei Mitarbeitern meist schon vorhanden ist. Sie verfügen über stabile Internetleitungen und über einen Rechner, häufig gestellt vom Arbeitgeber. Wir stellen fest: Viele Arbeitnehmer haben zu Hause fast ein besseres Equipment als die Unternehmen. Das liegt unter anderem daran, dass sie im Privaten weniger Sicherheitsbestimmungen unterliegen.

Damit sind sie aber auch anfälliger für Sicherheitslücken.

Dirk Peters: Bezogen auf die Interaktion mit dem Arbeitgeber kann man das so nicht sagen. Die Mitarbeiter schalten sich ja in die Firmennetze ein. Entscheidend sind also die Browser. Hier sorgen wir dafür, dass die Verbindungen unter den erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen hergestellt werden.

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Die EU-Kommission hat Netflix gebeten, die Datenübertragung zu drosseln. Halten die Netze der Belastung aus dem Home-Office stand?

Dirk Peters: Entscheidend sind die Bandbreiten – und hier merken wir keine Einschränkungen. Wir haben bei uns im Unternehmen noch vor dem Wochenende, an dem die Bundesregierung die Kontaktbeschränkungen verkündet hat, einen Last-Test mit über 1000 Mitarbeitern durchgeführt. An der Netzstabilität hat sich nichts geändert. Auch Kunden berichten uns bisher nicht von Problemen.

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Für viele Unternehmen kam das Home-Office plötzlich. Wie gut waren die Firmen vorbereitet?

Dirk Peters: Das ist unterschiedlich. Viele unserer Kunden sind systemrelevante Unternehmen, etwa die ARD Medienanstalten, die BITBW - IT Baden Württemberg oder die NRW.Bank. Solche Großkunden sind aufgrund ihrer Internationalität für das schnelle Umsiedeln ins Home-Office gewappnet. Schwierigkeiten haben wir zum Beispiel bei anderen Medienunternehmen festgestellt. Insbesondere beim Backoffice war die Funktionalität oft nicht gut ausgeprägt. Man muss schon sagen: Der ein oder andere wurde böse aufgeweckt.

Waren bestimmte Branchen also überfordert?

Dirk Peters: Nein, das ist kein branchenspezifisches Phänomen. Entscheidend in solchen Krisen ist wie so oft die menschliche Fähigkeit. Gibt es Pandemie- oder zumindest Notfall-Pläne? Wie krisenfest ist das Management? Ich selbst habe Erfahrungen im Krisenmodus gesammelt: Der Millenium-Bug, die Dotcom-Krise, die Finanz- und Wirtschaftskrise. In all diesen Situationen zeigte sich, dass Unternehmen dann gut aufgestellt sind, wenn sie vorbereitet waren und ein ruhiges Management hatten.

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Also waren Sie auf eine solche Situation vorbereitet?

Dirk Peters: Wir sind aufgrund der vorgeschrieben Normungsprogramme dazu angehalten, regelmäßig Ausfallszenarien zu testen. Natürlich ist diese Krise länger und komplexer, als man das erwarten konnte. Aber wir sind gut aufgestellt und nutzen unsere Erfahrung, um jetzt in dieser Zeit zielgerichtet und schnell agieren zu können. Denn klar ist: Bei unseren Kunden ist jetzt auch das letzte Unternehmen aufgewacht.

Arbeiten Ihre Mitarbeiter im Home-Office?

Dirk Peters: 90 Prozent unserer Mitarbeiter arbeiten im Home-Office: Als die Krise losging, haben wir die Hälfte unserer Mitarbeiter ins Home-Office geschickt, nach und nach haben wir die Zahl erhöht. Für unsere Telekommunikationsanlagen und Ticketsysteme brauchen wir aber auch Unterstützung vor Ort, außerdem fahren Mitarbeiter natürlich noch zu unseren Kunden, sodass wir nicht alle Kapazitäten ins Home-Office verlagert haben.

Viele Unternehmen können ihre Kapazitäten nicht ins Home-Office verlagern. Wenn die Lufthansa nicht fliegen kann, nützt ihr auch Home-Office nichts.

Dirk Peters: Die Situation bei der Lufthansa ist spannend. Die Personenflugsparte ist sehr reduziert, aber die Fracht- und auch die Techniksparte arbeiten weiter und sind nach wie vor auf IT-Dienstleistungen angewiesen. Davon abgesehen bin ich mir aber sicher, dass die Lufthansa gut durch diese Zeit kommen wird.

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Viele Unternehmen haben jetzt massive Liquiditätsprobleme. Können sich diese Firmen IT-Dienstleistungen überhaupt noch leisten?

Dirk Peters: Unternehmen sind auf IT-Dienstleistungen angewiesen. Uns sprechen aber immer mehr Firmen an, die die Zahlungsfrist von 30 Tagen gerne auf 60 oder 90 Tage verlängern wollen.

Woran hapert es akut?

Dirk Peters: In China ist die Produktion zwar wieder angelaufen, aber die Schiffe fahren noch nicht. Auch bei der Luftfracht gibt es Schwierigkeiten. Dabei ist der technische Bedarf bei den Unternehmen groß. Es fehlt in manchen Bereichen schlicht an Hardware, bezogen auf den einzelnen Arbeitsplatz.

Hat die Krise das Home-Office beflügelt?

Dirk Peters: Das Home-Office hat schon jetzt bewiesen, dass es arbeitsfähig ist. Es ermöglicht eine fokussierte Art der Arbeit. Aber es wird nach der Krise eine andere Form bekommen. Ich merke das selbst: Ich freue mich, wenn man mit Kollegen an einem Tisch sitzt und sich persönlich austauscht. Menschen sehen die Isolation nicht als das Ziel an. Aber ein oder zwei Tage pro Woche im Home-Office können geeignet sein, um dringende Themen abzuarbeiten. Und Unternehmen werden sich natürlich überlegen, ob sie sich künftig mobile oder feste Arbeitsplätze kaufen.

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Gilt das auch für Videokonferenzen?

Dirk Peters: Zumindest zeigt die Krise, dass es nicht notwendig ist, überall rund um den Globus für kurze Meetings reisen zu müssen. Ich glaube schon, dass die Reisetätigkeiten weniger werden. Über Videokonferenzsysteme kann man viel effizienter arbeiten.

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