„Querdenken“ sagt Montagsdemo in Braunschweig kurzfristig ab

Braunschweig.  Die Kritiker der Corona-Maßnahmen wollten am 9. November mit Kerzen durch die Stadt ziehen. Nach heftiger Kritik wird nun nichts daraus.

Am 31. Oktober fand bereits eine Demo der Bewegung „Quersdenken“ in Braunschweig statt. Sie begann auf dem Schlossplatz, anschließend ging es auf dem Harz-und-Heide-Gelände weiter.

Am 31. Oktober fand bereits eine Demo der Bewegung „Quersdenken“ in Braunschweig statt. Sie begann auf dem Schlossplatz, anschließend ging es auf dem Harz-und-Heide-Gelände weiter.

Foto: Stefan Lohmann / regios24

Was für ein Hin und Her! Die Bewegung „Querdenken“ hat eine für Montag, 9. November, angekündigte Demo in Braunschweig am Sonntagabend kurzfristig wieder abgesagt – und um Entschuldigung gebeten. Zuvor hatte es heftigste Kritik gegeben. Eine kleine Chronik der Entwicklung am Wochenende:

Nachdem „Querdenken“ in Braunschweig schon am 31. Oktober eine Kundgebung mit bis 750 Teilnehmern durchgeführt hatte, war nun auf der Internetseite der Initiative erneut ein Aufruf zu finden: Die Rede war von einer „Montagsdemo“ am 9. November.

Noch am Samstag war dort zu lesen, dass um 18.18 Uhr ein Aufzug durch die Innenstadt beginnen soll, Ende um 19.19 Uhr. Das Motto: „Licht für Frieden, Freiheit, Wahrheit.“ Und: „Geschichte gemeinsam wiederholen.“ Warum diese merkwürdigen Uhrzeiten? Welche Geschichte soll wiederholt werden? Eine entsprechende Anfrage unserer Redaktion blieb am Samstag unbeantwortet.

Wertmüller: Es handelt sich um eine Nazi-Veranstaltung

Daraufhin kam noch am Samstag heftige Kritik von Verdi-Bezirksgeschäftsführer Sebastian Wertmüller: „Die letzte größere rechtsextreme Veranstaltung, die am Jahrestag der Reichspogromnacht in Braunschweig durchgeführt wurde, war von ,Bragida’ im Jahr 2015. 60 Nazis und andere Rechtsextreme versammelten sich vor dem Rathaus, weit über 1000 Menschen folgten dem Protestaufruf des ,Bündnisses gegen Rechts’“, schrieb er in einer Pressemitteilung.

„Jetzt ist es wieder so weit: Die ,Querdenker’ (Coronaleugner, Reichsbürger, Esoteriker, Rechtsextreme) haben sich für diesen Tag der Erinnerung mit einer weiteren Kundgebung in Braunschweig angekündigt.“ Aus Wertmüllers Sicht handelt es sich dabei um eine Nazi-Veranstaltung. Dies zeige allein schon die Uhrzeit 18.18 Uhr: Die Zahlenkombination aus 1 und 8 wird von Neonazis seit Jahren als Chiffre für Adolf Hitler verwendet – A und H als erster und achter Buchstabe des Alphabets.

Gegenproteste angekündigt

Wertmüller kündigte eine Gegenkundgebung für Montag um 17.30 Uhr auf dem Schlossplatz an. „Bitte kommt zahlreich, diese Provokation braucht eine starke Antwort!“, hieß es in der Pressemitteilung. „Wir achten auf Infektionsschutz, auf Abstände und auf Masken, wir achten am 9.11. aber auch auf den Schutz der Freiheit, der Demokratie und des Antifaschismus!“

„Eine der widerlichsten Demonstrationsankündigungen“

„Das ist eine der widerlichsten Demonstrationsankündigungen, die ich in dieser Stadt bisher erlebt habe“, so Wertmüller. „Der 9.11. steht unmissverständlich für den Beginn der staatlich organisierten Vernichtung des deutschen und europäischen Judentums und ist zu Recht ein notwendiger Tag der Erinnerung.“

Der Termin, das Motto und die Uhrzeiten machten ihm zufolge unmissverständlich klar, wer hier auf die Straße wolle. Es gehe darum, Menschen, die mit den Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus unzufrieden sind, für ein gemeinsames Agieren mit der Naziszene zu gewinnen.

„Teil einer neuen rechten Mobilisierungsstrategie“

Wertmüller: „Es ist mir unverständlich, wie die Stadt sowas zulassen kann.“ Schlimmer noch sei es aber, dass die „Querdenker“-Szene immer noch wie ein Haufen schrulliger Impfmuffel wahrgenommen werde, und nicht als Teil einer neuen rechten Mobilisierungsstrategie.

Er kündigt an, dass Verdi sich dieses Themas verstärkt annehmen werde: „Das sind wir unseren Kolleginnen in der Pflege und anderen kundennahen Berufen schuldig, wenn sie von so einer gemeingefährlichen Truppe nicht nur gesundheitlich, sondern jetzt auch noch gesellschaftspolitisch bedroht werden.“

„Querdenken“ ändert zunächst die Ankündigung der „Montagsdemo“

Am Sonntagvormittag war die Uhrzeit 18.18 Uhr plötzlich von der Querdenken-Internetseite verschwunden. Am Sonntagmittag folgte per E-Mail auch eine anonyme Antwort auf die am Samstag gestellt Anfrage unserer Redaktion zu der Kundgebung. Darin heißt es: „Wir nehmen Kritik sehr ernst und haben die Informationen zur Veranstaltung auf unserer Website präziser formuliert.“ Warum vorher 18.18 Uhr als Beginn angegeben war, bleibt unbeantwortet.

Auf der Internetseite war nun zu lesen, dass „Querdenken“ in der Tradition der friedlichen Revolution von 1989 zu mehreren Montagsdemos in Braunschweig einlade – zum Auftakt am 9. November mit einem Kerzen-Umzug. „Zum einen wurde am 9.11.1989 die Berliner Mauer endgültig geöffnet, und das über viele Jahre geteilte Deutschland und seine Menschen in Ost und West waren wieder vereint. Zum anderen birgt dieses Datum ebenso die mahnende Erinnerung an das furchtbare Leid der Novemberpogrome des NS-Regimes gegen die deutschen Juden im Jahr 1938“, heißt es.

„Querdenken“ stehe für Abbau der Mauern in den Köpfen und Herzen der Menschen und Aufbau einer Welt voll Frieden und Mitgefühl für alle. „Wir sind Demokraten. Wir leben einen friedvollen Umgang. Rechtsextremes, linksextremes, faschistisches, diskriminierendes oder menschenverachtendes Gedankengut hat in unserer Bewegung keinen Platz. Gleiches gilt für jede Art von Gewalt“, ist außerdem zu lesen.

Darüber hinaus wurde in der Ankündigung auch die Großdemo in Leipzig an diesem Samstag mit mindestens 20.000 Teilnehmern erwähnt und als „friedlich“ bezeichnet – obwohl dort Tausende zunächst die Auflagen (Maskenpflicht, Abstände) ignoriert haben und sich dann der Versammlungsauflösung durch die Polizei widersetzten und auf dem Innenstadtring marschierten. Dabei wurden Polizisten mit Gegenständen beworfen, außerdem gab es laut Polizei Angriffe auf Journalisten. Dazu war auf der Querdenken-Internetseite am Sonntag aber nichts zu lesen.

Am Sonntagabend kam die Absage von „Querdenken“

Kurz nach 19 Uhr am Sonntag erhielt die Redaktion dann eine erneute Mail von „Querdenken“ mit dem Hinweis, dass die Demo abgesagt werde. „Bevor es zu weiteren Fehlinterpretationen und Missverständnissen kommt hinsichtlich Datum, Uhrzeit und Inhalt hat sich die Initiative Querdenken 53 Braunschweig dazu entschieden, die geplante Versammlung abzusagen“, heißt es in dem Schreiben. Dies sei nun auch auf der Webseite zu lesen.

Und weiter: „Wir entschuldigen uns ausdrücklich für das gewählte Datum und die unglücklich gewählte Uhrzeit, welche von uns nur aus Gründen der Einprägsamkeit gewählt wurde. Uns war nicht bekannt, dass diese Zahlenkombination mit rechtsextremer Symbolik und Gedankengut in Verbindung gebracht wird. Wie von unserem Manifest sowie unserer Homepage bekannt ist, distanzieren wir uns hiermit ausdrücklich nochmals von jeglichen extremistischen Richtungen.“

„Bündnis gegen Rechts“ hatte Gegendemo vor einer Woche abgesagt

Das „Bündnis gegen Rechts“ hatte auch schon anlässlich der letzten Querdenker-Demo am 31. Oktober eigentlich eine Gegen-Demo geplant, diese dann aber kurzfristig abgesagt. Grund waren die steigenden Infektionszahlen.

Die Anhänger von „Querdenken“ hielten jedoch an ihrer Kundgebung fest. Die Veranstaltung begann mit Verzögerung, weil sich zunächst noch Ordner fehlten. Unter den Freiwilligen, die sich dann meldeten, waren zwei polizeibekannte Männer der rechtsextremen Szene. Polizeisprecher Dirk Oppermann sagte hinterher: „Gemeinsam mit der Versammlungsleitung wurde beschlossen, dass diese Personen nicht als Ordner geeignet sind.“ Als sich einer der Männer weigerte, die Ordnerbinde abzulegen, zog die Polizei ihn gegen seinen Willen aus der Menge.

Schicksalstag der deutschen Geschichte

Der 9. November gilt als Schicksalstag der deutschen Geschichte: 1848 scheiterte die Märzrevolution am Widerstand der reaktionären Kräfte. 1918 wurde die erste deutsche Republik ausgerufen (Novemberrevolution). 1923 kam es in München zum gescheiterten Putschversuch der NSDAP unter Adolf Hitler und Erich Ludendorff. 1938 organisierten SA-Truppen und Angehörige der SS gewalttätige Übergriffe auf die jüdische Bevölkerung. 1989 fiel die Berliner Mauer.

Der Artikel wurde aktualisiert.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (28)