Stillen in der Öffentlichkeit: Strategie für mehr Akzeptanz

Berlin.  Viele Menschen stören sich an stillenden Müttern in der Öffentlichkeit. Julia Glöckner will die Bedingungen für Mütter verbessern.

Stillen ohne Stigma

Zur Weltstillwoche treffen sich Tausende philippinische Mütter, um gegen das gesellschaftliche Stigma zu protestieren, mit dem das Stillen in der Öffentlichkeit behaftet ist.

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Würde es Sie stören, wenn eine Frau ihr Baby in der Öffentlichkeit stillt? In einem Café, Restaurant oder einer Drogerie? Fühlen Sie sich unwohl, wenn eine Mutter ihrem Kind in Ihrer Anwesenheit die Brust gibt? Vor einigen Jahren stellte die Kosmetikmarke Baby Dove diese Frage in Großbritannien zur Diskussion: „75 Prozent sagen, Stillen in der Öffentlichkeit sei okay. 25 Prozent sagen: Packt die Brüste ein. Wie seht ihr das?“, fragte das Unternehmen Leserinnen und Leser damals im Zuge einer Kampa­gne – und trat einen Shitstorm los.

Nun könnte Dove dieselbe Frage auch hierzulande zur Diskussion stellen. Umfrageergebnisse und Reaktionen dürften vermutlich ähnlich sein. Denn: „Das Problem ist, dass unsere Geschlechtsorgane oft sexualisiert sind. Dabei sind Brüste evolutionsbedingt dafür da, Kinder zu stillen, nicht aber, um ein hübsches Dekolleté auszufüllen“, sagt Stillberaterin Anna Hofer. Frauen, die im öffentlichen Raum stillen, würden daher häufig auf Unverständnis und Ablehnung stoßen. Das dürfe nicht sein.

Stillen in der Öffentlichkeit: Ministerium will Empfehlungen umsetzen

Auf Anregung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hat das internationale Forschungsvorhaben „Becoming Breastfeeding Friendly“ (BBF) deshalb die Rahmenbedingungen für das Stillen in Deutschland untersucht und Empfehlungen zur Verbesserung der Bedingungen für Mütter abgeleitet.

Bundesministerin Julia Klöckner plant, möglichst viele dieser Empfehlungen in einer „Nationalen Stillstrategie“ umzusetzen. Zu den empfohlenen Maßnahmen zählt beispielsweise, dass Müttern und ihrem sozialen Umfeld der Zugang zu professioneller Stillberatung und Selbsthilfeangeboten erleichtert werden soll.

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Arbeitgeber müssen Müttern Zeit zum Stillen einräumen

Stillberaterinnen und Stillberater wie Hofer sollen Müttern die Stillzeit ermöglichen – indem sie sie beraten, sie moralisch und mental unterstützen. Die meisten Frauen, die sich an Hofer wenden, hätten aus physiologischen Gründen Schwierigkeiten, ihr Baby mit Muttermilch zu ernähren. Weil sie zu wenig oder zu viel Milch produzieren würden oder dabei Schmerzen hätten. „Mir geht es nicht darum, Frauen vom Stillen zu überzeugen, sondern darum, ihnen alle nötigen Informationen bereitzustellen, um für sich selbst zu entscheiden.“

BMEL und BFF empfehlen außerdem, die Vereinbarkeit von Beruf und Stillen zu verbessern. Schon jetzt müssen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber Müttern täglich mindestens zweimal eine halbe Stunde oder aber einmal eine volle Stunde Zeit einräumen, um ihr Kind stillen zu können.

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Arbeitet die Mutter länger als acht Stunden, hat sie sogar das Recht auf zwei Stillzeiten von mindestens 45 Minuten. Dabei gilt, dass Stillpausen weder vor- noch nachgearbeitet werden müssen. Auch ein Verdienstausfall für Stillzeiten ist nicht rechtens. Seit 2018 besteht der Anspruch auf bezahlte Stillpausen allerdings nur noch in den ersten zwölf Monaten nach Geburt des Kindes.

In Deutschland stillen 82 Prozent der Frauen

Frauen, die ihr Kind in den ersten Monaten mit Muttermilch versorgen, gehören in Deutschland zur Mehrzahl. Zu diesem Ergebnis kommt ein Bericht des Kinderhilfswerks Unicef von 2018. Demnach stillen hierzulande 82 Prozent der Frauen. In Entwicklungs- und Schwellenländern wie Peru, Madagaskar und Nepal seien es gar 99 Prozent. Stillen fördere nicht nur ein gesundes Wachstum und die Entwicklung des Kindes, sondern könne darüber hinaus auch Mütter gesundheitlich schützen, heißt es in der Mitteilung.

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So konnten Forscherinnen und Forscher um Frederic Bushman von der Perelman School of Medicine in Philadelphia nachweisen, dass gestillte Säuglinge weniger Viren im Darm tragen. Muttermilch sei perfekt auf den jeweiligen Säugling abgestimmt, was Fett-, Wasser- und Eiweißgehalt angeht, erklärt Hofer. Außerdem impfe sie das Immunsystem des Kindes und beinhalte Omega-3-Fettsäuren, die die Entwicklung seines schnell wachsenden Hirns unterstützen. Muttermilch sei ein unglaublich toller Bio-Cocktail, den Frauen für ihre Kinder bereitstellen, erklärt die Stillberaterin.

WHO-Empfehlung: Säuglinge in den ersten sechs Monaten ausschließlich stillen

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt deshalb, Säuglinge in den ersten sechs Monaten ausschließlich zu stillen. Kinder, die vier bis sechs Monate mit Muttermilch ernährt wurden, haben nicht nur ein geringeres Risiko für Atemwegsinfekte, sondern leiden auch seltener an Übergewicht und Diabetes Typ 2, erklärt das Bundesinstitut für Risikobewertung in einem Themenheft.

Dennoch: „Man kann nicht pauschal sagen, dass ein Kind, das nicht gestillt wird, benachteiligt ist oder krank wird“, betont Hofer. Sogenannte Pre-Nahrung sei durchaus ein äquivalenter Ersatz für Muttermilch. Denn manchmal können oder wollen Mütter ihre Kinder nicht stillen. Diese Wahlfreiheit stehe ihnen zu. Negative gesundheitliche Auswirkungen für ihre Kinder müssen sie deshalb nicht fürchten.

Gesunde Kinder auch ohne Muttermilch

Obwohl sich der Großteil der Frauen dafür entscheidet: Gerade im öffentlichen Raum fehlt es Müttern an Möglichkeiten zum Stillen. Etwa beim Einkaufen. Hofer ermuntert ihre Klientinnen, proaktiv auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zuzugehen und nach einem geeigneten Ort zu fragen: „Wir Eltern müssen lernen zu kommunizieren.“

Während Stillen in Parks, Freizeiteinrichtungen und auf Spielplätzen von den Deutschen mehrheitlich akzeptiert wird, sinkt ihr Zuspruch in Restaurants, Cafés, öffentlichem Nahverkehr oder beim Einkaufen. Das bestätigt Ellen Großhans, Sprecherin des BMEL, auf Anfrage unserer Redaktion. Demnach hätte etwa jede zehnte Mutter negative Erfahrungen beim Stillen in der Öffentlichkeit gemacht. Etwa jede Dritte vermeidet das Stillen an öffentlichen Orten aus Sorge vor negativen Reaktionen.

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