Wer wird den Wettlauf um den Corona-Impfstoff gewinnen?

Berlin.  Forscher weltweit suchen nach einem Corona-Impfstoff. Deutschland ist vorne mit dabei. Doch warum hat noch niemand das Ziel erreicht?

So läuft die Suche nach dem Corona-Impfstoff

Wenn möglichst viele Menschen gegen das Coronavirus immun sind, haben die Einschränkungen ein Ende. Ein Weg, das zu erreichen, ist ein Impfstoff. Forscher auf der ganzen Welt suchen danach.

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Wer wird Sieger? Wer entdeckt als Erster einen wirksamen Impfstoff? Weltweit findet aktuell ein einzigartiger Wettlauf im Kampf gegen die Corona-Pandemie statt. Seit Wochen suchen Tausende Forscher in Laboren nach Wirkstoffen gegen die vom neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 ausgelöste Multiorganerkrankung Covid-19.

Es geht um Leben und Überleben. Ein Impfstoff wäre eine Voraussetzung, damit der Alltag für die gut sieben Milliarden Menschen auf dieser Erde sich wieder normalisieren könnte.

Weltweit gibt es 170 Corona-Impfstoffprojekte

Noch ist der Ausgang des Wettbewerbs aber offen. Weltweit gibt es etwa 170 Corona-Impfstoffprojekte – davon acht in Deutschland. „Das sind unglaublich viele“, sagt Han Steutel, Präsident des Verbands forschender Arzneimittelhersteller (vfa). „Die Forscher arbeiten aktuell in einer sehr hohen Geschwindigkeit und einem so intensiven Austausch wie nie zuvor.“

Der Wettbewerb ist groß. Jeder möchte seinen Impfstoff zuerst zur Zulassung bringen. „Aber eigentlich ist es wichtig, dass es mehrere schaffen. Denn kein Unternehmen könnte allein den Weltbedarf decken“, ist der Verbandschef überzeugt.

Mit an der Spitze sind die deutschen Firmen Biontech und Curevac, die bereits Allianzen eingegangen sind. Biontech arbeitet mit Pfizer zusammen, bei Curevac hat sich der deutsche Staat mit 300 Millionen Euro beteiligt.

Beide Unternehmen sind mit ihren Studien bereits in Testphasen mit Freiwilligen. Weitere forschende Unternehmen sind unter anderem Leukocare, Artes Biotechnology, Baseclick und Prime Vector Technologies.

Coronavirus: Nicht für jede Krankheit wird Impfstoff gefunden

Die Impfstoffentwicklung ist wie ein Krimi – spannend bis zum Schluss. Keiner weiß, ob der Fall gelöst wird. „Es gibt niemals eine Garantie, dass ein Impfstoff gefunden wird“, gibt Steutel zu bedenken. So gibt es Krankheiten – etwa Malaria – für die bis heute noch kein Impfstoff entdeckt wurde.

Alle Medikamente und Impfstoffe müssen drei Forschungsphasen absolvieren und bestehen, bevor sie zugelassen werden. Es geht um die Verträglichkeit (Phase 1), die Wirksamkeit (Phase 2) und den Test des Impfschutzes unter realen Bedingungen (Phase 3).

Einige Unternehmen testen Impfstoff schon an Freiwilligen

Einige Corona-Impfstoffe, die jetzt geprüft werden, haben die ersten beiden Testphasen bestanden. Nun komme für viele die entscheidende dritte Phase. Dort wird untersucht: „In welcher Dosis schützt der Impfstoff die Geimpften wirklich?“, so Steutel.

Wem dies gelingt, der darf aufs Siegerpodest. Wem nicht, der verliert das eingesetzte Geld. Und das ist bei Medikamenten nicht wenig. „Wenn man mit einer Faustformel arbeiten will, kann man von ein bis zwei Milliarden Dollar Entwicklungskosten ausgehen. Bei Impfstoffen ist es etwas weniger“, sagt Steutel.

Allerdings müssen Unternehmen, die jetzt nicht zum Ziel kommen, deshalb nicht schlecht sein. „Auch sie haben oft wichtige wissenschaftliche und technische Erfahrungen gesammelt, die für weitere Entwicklungen wichtig sein können. Allerdings haben sie das eingesetzte Forschungsgeld verloren“, so Steutel. „Geraten solche Firmen in Geldnot, werden sie wegen ihres Wissens oft von anderen Unternehmen übernommen.“

Impfstoffentwicklung und -produktion immer wichtiger

Für Pharmafirmen ist die Pandemie Herausforderung und Chance zugleich. „Deutschland entwickelt sich gerade wieder zu einem führenden Land für Impfstoffentwicklung und -produktion“, sagt Steutel. Denn neben der Erforschung des Impfstoffes gegen Covid-19 werden bereits jetzt an vier Standorten neue Anlagen und Kapazitäten aufgebaut, um die künftigen Impfstoffe herstellen zu können.

Und zwar in Mainz und Idar-Oberstein (Biontech), Tübingen (Curevac) und Dessau (IDT Biologika). Auch in Hamburg, Cuxhaven und Köln können Corona-Impfstoffkomponenten produziert werden.

Videografik: So wirken Impfungen
Videografik- So wirken Impfungen

Pharma-Verbandschef Steutel sieht für Deutschland in der Pandemie „eine Entwicklungschance, die sich nicht jedes Jahr ergibt“. Er fordert dazu auch Rückenwind aus der Politik. „Investitionen müssen steuerlich besser gefördert und Verwaltungsprozesse vereinfacht werden.“

Die Forschung und Entwicklung hierzulande zähle bereits heute zur Weltspitze. Aktuell gibt es 45 forschende Pharmaunternehmen. Dazu zählen nicht nur die großen Konzerne wie Bayer oder Boehringer Ingelheim, sondern auch viele Start-ups.

Sieben Milliarden Euro für Arzneimittelforschung

In Deutschland arbeiten rund 17.000 Beschäftigte in der industriellen Arzneimittelforschung. Pro Jahr investiert die Pharmaindustrie rund sieben Milliarden Euro in neue Medikamente. „Setzt man Umsatz und Ausgaben in Relation, ist Pharma damit die forschungsintensivste Industrie Deutschlands – noch vor der Automobilindustrie“, sagt Steutel.

Zuletzt wurden in Deutschland vor allem Medikamente gegen Krebs, Alzheimer und Entzündungskrankheiten erfunden. Aktuell werden Medikamente gegen mehr als 100 Krankheiten erprobt. Im vergangenen Jahrhundert war die deutsche Pharmaindustrie vor allem für ihre Herzmedikamente, Diabetesmittel, Antibiotika und Antibabypillen bekannt.

Wenngleich bei Corona noch kein Unternehmen die letzte Prüfungsphase überstanden hat, glaubt Steutel fest an einen Erfolg: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir 2021 noch keinen Impfstoff gegen Covid-19 haben werden.“

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