Braunschweigs Staatsorchester spielt in neuem Mozart-Film

Braunschweig.  Braunschweigs Staatsorchester, das Wiener Jugendtheater und die Accademia in Florenz schufen ein Video über Mozarts Jugendbegegnung mit Linley.

Marius Zernatto als Mozart (links) und Stefan Rosenthal als Thomas Linley in einem Ausschnitt aus dem Youtube-Film „Wunderkinder“.

Marius Zernatto als Mozart (links) und Stefan Rosenthal als Thomas Linley in einem Ausschnitt aus dem Youtube-Film „Wunderkinder“.

Foto: Felix Metzner / Staatstheater Braunschweig

Endlich ein Freund. Als der 14-jährige Mozart in Florenz dem gleichaltrigen britischen Geigenvirtuosen Thomas Linley aus Bath begegnet, funkt’s. Beide klagen über ihre Väter, die alles besser wissen und sie vorführen in adlige Soireen und vor großem Kirchenpublikum. Beide vermissen ihre geliebten Schwestern. Und beide stehen am Übergang zum Mannsein. Unter Tränen verabschiedet „Tommaso“ den weiterreisenden Wolfgang mit einem zärtlichen Gedicht.

Das Theater der Jugend in Wien hat aus der historischen Episode einen Youtube-Film gemacht, „Wunderkinder“, darin wird auch Michelangelos Statue des David in der Galleria dell’Accademia zum Kulminationspunkt der Freundschaft, und das Staatsorchester Braunschweig spielt dazu Werke von Mozart und Linley.

Ex-Braunschweiger Museumsdirektorin führte die Künstler fürs Video zusammen

Die internationale Dreierkonstellation verdankt sich der deutschen Direktorin der Galleria, Cecilie Hollberg, die von der neuen italienischen Regierung wieder ins Amt eingesetzt worden ist. Aus ihrer Zeit als Direktorin des Städtischen Museums Braunschweig pflegt sie noch gute Beziehungen nach Niedersachsen. „Zu Beginn des ersten Lockdowns habe ich mit Tobias Henkel von der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz und mit dem mir bekannten Gerald Maria Bauer vom Theater der Jugend Wien in einer Telefonkonferenz angeregt, ein grenzübergreifendes Projekt zu starten, das unsere Exzellenzen zusammenführt“, erklärt Hollberg am Telefon. Sie habe dabei gleich ans Staatsorchester Braunschweig gedacht, so dass Musik, Theater und Museum zusammenkommen sollten.

Die Episode aus dem Leben Mozarts brachte dann Bauer ein. „Kultur ist international, und so suchten wir nach einer Figur, die immer schon international aufgetreten ist. Mozart war von Paris bis London, von Florenz bis Neapel unterwegs. Und machte so viele Reisen, wie sie uns nun im Lockdown weitgehend verboten waren“, sagt Bauer am Telefon.

Braunschweigs Staatsorchester spielt im Film Werke von Mozart und Linley

Schöne Pointe: Dass der große Barockopernkomponist Johann Adolf Hasse, „Il divino Sassone“, der dem jungen Mozart einen Empfehlungsbrief nach Italien mitgab, kurzzeitig auch in Braunschweig tätig war. Linley wiederum stammt aus Braunschweigs Partnerstadt Bath. Das Staatsorchester spielt unter Alexis Agrafiotis nun Mozart-Werke, besonders aus „Don Giovanni“, aber auch den wunderschönen Flug Ariels aus Linleys Musik zu Shakespeares „Sturm“.

Braunschweigs Staatsorchester gibt Abschied und Aufbruch Klang

Die Film-Handlung ist tatsächlich eine sehr freie „Fantasie“. Mozart erinnert sich während der Komposition des „Don Giovanni“ aus Anlass des „Steinernen Gastes“, einer Totenstatue, die den Sünder Giovanni heimsucht, an die Statue des David, die er in Jugendjahren in Florenz gesehen hat. Das ist nun weniger überzeugend, denn die schöne Jünglingsstatue hat nichts von den Schrecken eines Totenmals.

Der junge Mozart gesteht Jugendfreund Thomas Linley seine Einsamkeit

Marius Zernatto spielt dann aber sehr sympathisch den jungen Mozart, der selbstbewusst „der größte Musiker“ werden will und den Herrschaften, an die ihn der Vater vermakelt, attestiert: „einen Dreck verstehen sie von Musik“. Die Reise in der Kutsche ist auf der leeren Drehbühne in Wien humorvoll als Ritt auf dem Sofa inszeniert. Und Frank Engelhardt mimt kräftig den geschäftssinnigen Vater. In Florenz kommt dann Stefan Rosenthal als romantischer Thomas Linley dazu, mit dem Mozart in die Küche flieht, wo er ihm seine Einsamkeit gesteht.

Doch die von Clemens Pötsch ausgearbeitete „Fantasie“ erfindet auch noch eine Küchenhilfe Zerlina (Victoria Hauer), die mit den Worten des Bauernmädchens aus dem „Giovanni“ die Jungs zum Trinken und Tanzen auffordert und mit ihnen in die Stadt ausstromert. An der David-Statue macht sie ihnen klar, wie steif und fügsam sie bisher musiziert hätten und dass sie für ihre Ansichten einstehen müssten – wie einst David gegen Goliath und Florenz gegen seine Feinde.

Treueschwur dreier Jugendlicher im Zeichen Davids

In den Treueschwur der Freunde wird nun das Mädchen eingeschlossen. Und das neue Selbstbewusstsein wird gleich an Vater Mozart ausprobiert: Wie solle er große Musik schaffen, wenn er immer nur den väterlichen Regeln folge, trumpft Mozart auf, und der Vater sieht’s sogar ein. Plötzlich sagt er statt Wolferl Wolfgang, auch der Vater nimmt die Mannwerdung zur Kenntnis.

„Fidelio“ in Braunschweigs Staatstheater als Mutmachstück

Das ist nun alles sehr einnehmend gespielt, überdeckt aber ziemlich die pubertäre Erotik der ersten Jungenfreundschaft. „Ich gebe zu, wir wollen bewusst mehr Frauenfiguren auf der Bühne haben. Und wir wollten den sozialen Aspekt stärken: dass die Künstler am Ende gerade noch in der Küche speisen durften“, sagt Bauer. So siegte hier wohl die Frauenquote über den Diversitätsgedanken. Schade. Frauengeschichten hätte es bei Mozart später noch genug gegeben. Aber Tommaso und sein Gedicht gehörten ihm ganz allein.

Das ersehnte Wiedersehen bleibt aus: Linley stirbt mit 22 Jahren

Mozart antwortet auf Tommasos Zeilen unter den Augen des Vaters (wie das Postscriptum beweist) höflich kühl. Er durfte offenbar nicht, wie er wollte. Das ersehnte Wiedersehen gibt es nicht mehr: Linley stirbt 22-jährig. Man hätte, wie es Sven Limbeck in seinem Opernführer „Casta Diva“ nahelegt, in der Begegnung auch Mozarts dunkel-sensible, im Requiem endende Seite begründen können, die er nur allzuoft hinter koboldiger Ungebärdigkeit verbarg. Zugegeben, die Wiener Fantasie ist fröhlicher.

Filmlink: https://www.youtube.com/watch?v=d68FP2uzDgA&feature=emb_logo

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