„Verhasste Amtssprache wird weiter verwendet“

Braunschweig  Leser hatten unserer Zeitung 2009 und 2010 Briefe von Firmen und Behörden zugeschickt, die sie für unverständlich hielten. Was ist daraus geworden?

Nach Besuchen sicherten alle Verantwortlichen dem Sprachwissenschaftler Günther Zimmermann zu, ihre Sprachwahl zu verbessern. Jetzt zieht Zimmermann Bilanz. Alle, die sich der Kritik unserer Leser stellten, gelobten Besserung: Die Mitarbeiter sollten geschult, bessere Texte erstellt werden.

Inzwischen sind je nach beteiligter Firma oder Behörde zwei bis drei Jahre vergangen. Wir haben Stellungnahmen der Teilnehmer eingeholt, der Sprachwissenschaftler Günther Zimmermann hat diese sowie neu verfasste Texte der Institutionen studiert. Hier seine Auswertung:

Die Stadt Braunschweig

„Braunschweig ist im Rahmen der Verstanden!-Initiative konkret und umfassend tätig geworden“, sagt Zimmermann. Vor dem Hintergrund der Kritik an den anderen Teilnehmern gleicht das einem Ritterschlag für das Bemühen um verständliche Sprache. Als vorbildlich bezeichnet der Professor etwa den „Versuch, Gesetzesvorgaben in Alltagssprache zu erklären“, wie das beispielsweise im Merkblatt zur Hygienepraxis für mobile Lebensmittelverkaufsstände erfolgte. Auch das 2009 von Zimmermann gerügte „Merkblatt zur Beantragung einer Verpflichtungserklärung“ wurde grundlegend verbessert.

Die Stadtverwaltung gibt ihren Mitarbeitern außerdem vielfältige Anregungen, etwa mit dem regelmäßigen „Schreib-Tipp der Woche“ und mit der Veröffentlichung des Leitfadens für „Bürgernahe Verwaltungssprache“ – zu diesem Thema fanden gerade zwei Mitarbeiterschulungen statt. Alle Dezernate wurden ferner gebeten, auf Anglizismen zu verzichten. Die Wissensdatenbank für Bürger im Internet ist sehr übersichtlich gestaltet. Und schließlich hält Braunschweig bei seiner Sprachinitiative Kontakt zu anderen Kommunen mit ähnlichem Ziel, zu denen etwa Salzgitter gehört.

Auch in den Briefen der Stadtverwaltung Braunschweig ist noch nicht alles perfekt. So wird noch gerne der Nominalstil gepflegt, also die sperrige „Hauptwörterei“. Beispiel: „Das Einverständnis kann erfolgen durch Erscheinen.“

Doch insgesamt sollte hier nicht gemosert werden. Zimmermann schlägt sogar vor: „Vielleicht sollte die Braunschweiger Zeitung einen Preis für verständliche Sprache ausloben – die Stadtverwaltung Braunschweig hätte ihn verdient.“

Westermann Schulbuchverlag

In einer kurzen E-Mail antwortete Markus Berger vom Westermann-Schulbuchverlag auf unsere Fragen, ohne auf diese im Einzelnen einzugehen. Er bedankte sich für die Anregungen Zimmermanns, sein Buch „Texte schreiben – einfach, klar, verständlich“ werde in den „hausinternen Schulungen“ verwendet. Berger: „Es ist unser erklärtes Ziel, in Schulbüchern Sachinhalte für unterschiedliche Altersgruppen aufzubereiten und in einer verständlichen Form darzubieten.“

So kurz, wie die Westermann-Antwort ausfällt, so kurz fällt auch Zimmermanns Urteil aus: „Wer schult hier anhand eines Buches? Nach welchen Vorgaben werden die Lehrwerke überarbeitet? Was hat eigentlich Westermann getan, um das Thema konkret aufzugreifen? Augenscheinlich nicht viel.“

Die Öffentliche Versicherung

„Wir haben die Mitarbeiter aller kundenrelevanten Abteilungen für das Thema sensibilisiert, sowohl über deren Vorgesetzte als auch über unsere Mitarbeiterzeitschrift“, erklärt Dagmar Pake, Assistentin der für die Öffentlichkeitsarbeit zuständigen Gabriele Schimmel-Radmacher: „Wir sind sicher, dass sich die Qualität unserer Korrespondenz verbessert hat, aber wir wissen auch, dass es nie eine 100-prozentige Zufriedenheit geben kann.“

Zimmermann ist mit dieser Entwicklung nicht zufrieden: „Was heißt eigentlich ,Sensibilisierung’? Das ist doch kein Ersatz für ernsthafte Schulungen.“

Im aktuellen Produktinformationsblatt „Privathaftpflichtversicherung“ der Öffentlichen finden sich Sätze wie dieser: „Grundlage sind die Vertragsbestimmungen zur Haftpflicht von privaten Haftpflichtrisiken mit den Allgemeinen Versicherungsbedingungen für die Haftpflichtversicherung (AHB 2008) und die Abschnitte A und L der Risikobeschreibungen, Besonderen Bedingungen und Erläuterungen zur Haftpflichtversicherung von privaten Haftpflichtrisiken (RBE-Privat 2008).“ Abgesehen von den verwendeten Fachwörtern rät die Wissenschaft von Sätzen mit mehr als 20 Wörtern ab; hier sind es 37. Zimmermann: „Ernsthafte Bemühungen um eine bürgernahe Versicherungssprache sind nicht zu erkennen.“

Die Landessparkasse – Nord-LB

Eine der sechs von unserer Zeitung gestellten Fragen für diese Verstanden!-Bilanz lautete: „Haben sich Ihre Maßnahmen inzwischen konkret in Ihrem Schriftverkehr niedergeschlagen? Wenn ja, in welcher Form?“ Die Antwort von Nord-LB-Sprecher Lutz Tantow fiel kurz aus: „Ja, Berücksichtigung bei Kundenanschreiben und -mailings.“ Seine Antwort auf die Frage „Falls sich nicht viel verbessert hat, woran hat es gelegen?“ lautete: „An juristisch vorgegebenen Formulierungen (rechtl./gesetzl. Restriktionen).“

Professor Zimmermann erinnert an Tantows Versprechen von 2009: „Wir werden die Texte jetzt auf dieser Basis verbessern. Wir packen das an, wollen uns daran messen lassen.“ Mit „dieser Basis“ waren Zimmermanns Verbesserungsvorschläge gemeint. Doch Tantows Angaben bezüglich der Mitarbeiterschulung sind dem Sprachforscher zu unkonkret. So sei nichts über die Qualifikation der Trainer in Punkto Textverständlichkeit bekannt.

Tantows Argument, juristische Formulierungen machten die Texte unverständlich, hört Zimmermann ständig. Aber er lässt es nicht gelten: „Auch juristisch vorgegebene Formulierungen lassen sich so ,übersetzen’, dass Laien sie gut verstehen.“ Ein Vorbild gibt hier ja die Stadt Braunschweig ab.

Zimmermann führt Beispiele für eine missglückte Bank-Kunden-Kommunikation an: „In dem Faltblatt ,SEPA-Lastschrift’ verwendet die Landessparkasse einen Fachwortschatz, der nach Aussagen unserer Versuchspersonen für Laien unverständlich ist: Kreditlinie, Gläubiger-Identifikationsnummer, Mandatsreferenz, Belastungsdatum, Kombimandat.“

Zimmermanns Fazit: „Kann man es den Lesern und den Bürgern generell verdenken, wenn sie – wie in unseren Untersuchungen immer wieder geschehen – mit Schlagworten wie ,Politikverdrossenheit’ und ,Arroganz der Macht’ reagieren? Es ist schade, dass dieses auch für die Firmen selbst so elementare Thema von diesen so gering geschätzt wird.“

Die Finanzämter / Das Land

Auch das Niedersächsische Finanzministerium verweist im Schreiben an unsere Zeitung darauf, dass es etwas unternommen hat. So habe Finanzminister Hartmut Möllring (CDU), nachdem er mit der Verstanden!-Initiative konfrontiert worden war, die Formschreiben an der Steuerakademie Rinteln sprachlich überprüfen lassen. „Die Vorschläge der Nachwuchskräfte wurden zum Anlass genommen, die niedersächsischen Steuerfachreferate um Prüfung und ggf. Umsetzung der Vorschläge zu bitten“, so Ministeriumssprecher Karsten Pilz.

Doch Zimmermann erinnert daran, dass Minister Möllring einen bundesweiten Vorstoß für verständlichere Texte versprochen habe. Dieser sei ausgeblieben. Die Vordrucke und Formblätter hätten sich nicht deutlich verändert, von Verständlichkeit keine Spur. „Auch Schulungen haben in diesem Bereich offensichtlich nicht stattgefunden.“

Und so fällt es leicht, jede Menge abschreckende Formulierungen zu entdecken. Zum Beispiel in dem Blatt „Anforderung zur termingebundenen Abgabe von Steuererklärungen“ wird weiter „das veraltete und von den Bürgern gehasste Amtsdeutsch verwendet“. Vom Hauptwortstil ist etwa dieser Satz geprägt: „Bei Nichtabgabe Ihrer Erklärungen müssten Sie außerdem mit der Festsetzung eines Verspätungszuschlags in Höhe von bis zu 10 v.H. der endgültig festgesetzten Steuer rechnen.“ Außerdem wird heute statt der veralteten Bezeichnung „von Hundert“ von „Prozent“ gesprochen.

Zimmermann wirft den Steuerbehörden gleich zwei Versäumnisse vor: Erstens verwirrten sie die Bürger. Zweitens entstünden immense Kosten aufrund von Nachfragen aus der Bevölkerung und dadurch erforderliche persönliche Beratungsgespräche und Briefwechsel. Diese Kosten müsse der Steuerzahler tragen.

Die Polizei

„Wir bemühen uns um verständliche Sprache und halten unsere Mitarbeiter an, sich verständlich auszudrücken.“ Das sagte 2009 Thomas Geese, Sprecher der Polizeidirektion Braunschweig.

Geese verweist nun in seiner aufwändig mit Textbeispielen versehenen Antwort darauf, dass die meisten Formulare oder auch Vorladungen einheitlich für Niedersachsen erstellt würden. Schwierig sei, juristische Texte so zu verfassen, dass sie verständlich und zugleich rechtlich korrekt seien. Geese: „Es bleibt dem Empfänger unter Umständen nicht erspart, im Gesetzestext nachzulesen.“

Wie schon bei der Nord/LB oder den Finanzämtern weist Zimmermann das Argument zurück, wonach sich juristisch schwierige Sachverhalte nicht leicht verständlich darstellen lassen: „Der Hinweis zu den juristischen Formulierungen ist ein Totschlagsargument, das Diskussionen beendet. Nein: Auch alle angewandt-juristischen Texte lassen sich allgemeinverständlich formulieren.“

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