Anmerkungen einer Fußnote

Lübeck  Auch mit 85 Jahren gibt Nobelpreisträger Günter Grass keine Ruhe – Was muss noch gesagt werden?

Als die Dichter noch geholfen haben (von links) Heinrich Böll, Günter Grass und Willy Brand im November 1970.Archiv-

Foto: dpa

Als die Dichter noch geholfen haben (von links) Heinrich Böll, Günter Grass und Willy Brand im November 1970.Archiv- Foto: dpa

Oh je, Grass nun wieder... Da möchte man flugs den Beginn seines Anti-Israel-Gedichts „Was gesagt werden muss“ umschreiben: „Warum rede ich, sage schon wieder/ was offensichtlich ist und mit Nobelpreis gewürdigt wurde,/ über den Grass, zu dessen Füßen wir Kritiker allenfalls Fußnoten sind.“

Er wird aber auch arg benörgelt in letzter Zeit. Sein Ruhm war ja schon angegriffen, seit er die deutsche Wiedervereinigung als Schreckgespenst an die Wand gemalt, seit er die DDR als „kommode Diktatur“ bezeichnet hatte, seit dem zu späten Bekenntnis zur jugendlichen SS-Verstrickung. Spätestens seit er jenes Israel-Gedicht geschrieben hat, lässt das Feuilleton kein gutes Haar mehr an ihm. Das kümmert ihn aber nicht.

In seinem jüngsten Gedichtband „Eintagsfliegen“ drischt er in unverdrossen rechthaberischer Manier auf seine Kritiker ein und schreibt über Deutschland: „Meiner Liebe gewisses Land/dem ich verhaftet bin/notfalls als Splitter im Auge.“

Das Erstaunliche daran ist: Viele Deutsche (nicht alle) lieben ihn dafür. Lieben ihn als einen, der nicht immer Recht hatte, der sich aber nie verbogen hat seit seinen Anfängen als öffentliche Person. Als Wahlkämpfer für Willy Brandt, gegen die Adenauer-Restauration, aber auch gegen die radikalen Studenten. Im steten Gespräch mit den Kollegen in der DDR, aber nie anbiedernd gegenüber dem Regime. Wollte man Grass in einem Satz skizzieren, müsste man Wolf Biermann ins Gegenteil verkehren: Nur wer sich nicht verändert, bleibt sich treu.

Das hat inzwischen sicher Züge von Altersstarrsinn, auch von einer zunehmenden Selbstgefälligkeit in der Rolle des letzten Moralisten.

Egal. Die Menschen mögen diesen Moralisten, der so angriffslustig wie dünnhäutig zu dem heutzutage ja viel belächelten Etikett steht. Gerade weil die Politik so ganz und gar unübersichtlich, komplex und kompliziert geworden ist, dass sie kaum noch die Profis durchschauen, geschweige denn die Literaten, gibt es offenbar ein Bedürfnis nach den unbeirrbaren moralischen Kanten des Günter Grass. Der polternde Knurrhahn gegen all die Aalglatten im Land – das hat was.

Und literarisch? „Mit letzter Tinte“ will er sein Israel-Gedicht geschrieben haben. Oft wurde schon bemerkt, dass die Politik seiner Literatur seit der zurecht nobelpreisgekürten „Danziger Trilogie“ nicht gut getan hat. An die Stelle des sprachmächtig fabulierenden Fantasten trat oft der literarische Leitartikler. Auch sein eigentlich ganz schönes Buch über die Brüder Grimm wird dadurch teilweise entwertet.

Grass ist vom Dichter zum schreibenden Empörungs-Generator geworden. Und immer noch zum zuverlässigen Debatten-Generator. Das ist wirklich phänomenal. Letzte Tinte? Warten wir’s ab.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Captcha
Leserkommentare (1)
    Weitere Artikel aus diesem Ressort