Forderung aus Beendorf: Egon Krenz von Uni-Tagen ausladen

Helmstedt  Kritik am geplanten Auftritt von Egon Krenz bei den Universitätstagen kommt aus Helmstedts Nachbarort Beendorf. Es wird gefordert, ihn auszuladen.

Die Teilnahme von Egon Krenz an den Universitätstagen stößt auf Kritik aus Sachsen-Anhalt.

Foto: Britta Pedersen/dpa

Die Teilnahme von Egon Krenz an den Universitätstagen stößt auf Kritik aus Sachsen-Anhalt. Foto: Britta Pedersen/dpa

Den einstigen SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzenden der DDR an die ehemalige innerdeutsche Grenze einzuladen, empfindet Beendorfs früherer Bürgermeister Karl-Heinz Friedrichs als Affront. „Dieser Mann hat den Schießbefehl mit zu verantworten, man sollte ihm keine öffentliche Plattform bieten, um sich zu rechtfertigen und seine Thesen zu verkünden“, ärgert sich Friedrichs und fügt hinzu, dass er mit seiner Meinung vielen Menschen aus seinem Umfeld in Sachsen-Anhalt aus der Seele spreche. Was der 73-Jährige fordert, wäre ein Novum in der Geschichte der Universitätstage: „Krenz sollte ausgeladen werden!“

Wir haben mit dem wissenschaftlichen Leiter der Universitätstage, dem Historiker Prof. Dr. Martin Sabrow aus Potsdam, über die Kritik am Krenz-Auftritt in Helmstedt gesprochen. Egon Krenz (79) soll an der Abschlussdiskussion der 22. Universitätstage am Samstag, 17. September, im Juleum teilnehmen. Sabrow wird die Diskussion moderieren, weiterer Gesprächsgast ist Hans-Otto Bräutigam, von 1982 bis 1988 Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der DDR. Die Universitätstage widmen sich Parallelbiografien. Dabei geht es um ehemalige Gegner, Gefährten und Counterparts. Die Fragen und Antworten des nachfolgenden Interviews wurden per E-Mail ausgetauscht.

Frage: Wie stehen Sie zu der Kritik, man dürfe einem Mann wie Egon Krenz, der den Schießbefehl an der Grenze bis zuletzt mit zu verantworten gehabt habe und der eine Haftstrafe verbüßen musste, keine Plattform bieten, um sein Tun zu rechtfertigen oder in ein günstiges Licht zu rücken?

Antwort Sabrow: Ich respektiere diese Haltung nicht nur, ich kann sie auch gut nachvollziehen. Der Schmerz über erfahrenes Unrecht, über verweigerte Lebenschancen kann auch nach 25 Jahren noch unvermindert fortbestehen. Aber Egon Krenz ist in meinen Augen nicht nur der Verantwortungsträger einer freiheitsfeindlichen Diktatur, sondern auch der Mann an der Macht, der im entscheidenden Moment des Herbstes 1989 lieber friedlich untergehen als mit Gewalt an der Macht bleiben wollte. Er hat dem Regime gedient, aber er hat auch Honecker gestürzt, der in der sich zuspitzenden Regimekrise zur Abschreckung Panzer durch Leipzig schicken wollte. Seine Ansichten hat er nicht geändert, aber seine Haftstrafe verbüßt, und ich sehe keinen Grund, ihn dauerhaft aus dem öffentlichen Gespräch auszuschließen. Die offene Gesellschaft des Westens hat den Systemwettlauf nicht nur aus ökonomischen Gründen gewonnen, sondern auch, weil ihre Offenheit sich der Abschließung ihres Konkurrenten als überlegen erwiesen hat. Unser Gemeinwesen sollte souverän genug sein, um auch Egon Krenz zu Wort kommen zu lassen– und zugleich Kritik an dieser Liberalität zu ertragen.

Frage: Macht es aus Ihrer Sicht einen Unterschied, ob eine Person wie Egon Krenz irgendwo im Lande an einer Diskussion teilnimmt oder an einem Ort wie Helmstedt, der unmittelbar an der ehemaligen innerdeutschen Grenze liegt und damit mit deren dunkler Vergangenheit enger verbunden ist?

Antwort Sabrow: Diese Unterscheidung von heißen und kalten Erinnerungsorten leuchtet mir nicht ein. „Irgendwo im Lande“ gibt es nur aus der Ferne, und wovon einer öffentlich Zeugnis ablegt, darf nicht davon abhängen, in welcher Umgebung er es tut. Wohl aber liegt der Gedanke nahe, dass in Berlin und in Ostdeutschland und auch entlang der innerdeutschen Grenze mehr Menschen einer Diskussion mit Egon Krenz folgen wollen als vielleicht an Rhein und Neckar, und auf dieses an der deutsch-deutschen Zeitgeschichte interessiertes Publikum zielen die Helmstedter Universitätstage. Also nicht obwohl, sondern weil Helmstedt an der Teilungslinie der Hemisphären lag, ist seine einstige Universitätsaula ein idealer Ort für das Programm, das die Universitätstage seit mehr als 20 Jahren anbieten.

Frage: In welcher Funktion soll Egon Krenz in Helmstedt zu Wort kommen und welche Bedeutung hat seine Teilnahme für das inhaltliche Konzept der diesjährigen Universitätstage?

Antwort Sabrow: Herr Krenz ist nicht als Referent geladen, sondern als Diskutant; seine Rolle ist nicht die des wissenschaftlichen Beobachters, sondern die des damaligen Akteurs und dies im Gespräch mit dem damaligen Leiter der Ständigen Vertretung in Ost-Berlin, Hans-Otto Bräutigam. Das Thema der beiden ist nicht die Bewertung der DDR, sondern die gemeinsame oder gegensätzliche Sicht in West und Ost auf das jeweilige Gegenüber im politischen Apparat. Die Universitätstage nähern sich der Geschichte des Jahrhunderts der Extreme aus ungewohnter Sicht, indem sie nach parallelen und kontrastierenden Lebensläufen fragen, nach Gefährten und nach Gegnern. Krenz und Bräutigam werden im Dialog erörtern, wie sich die gegnerischen Nachbarn in der westdeutschen Ostpolitik und in der ostdeutschen Westpolitik wahrgenommen und eingeschätzt haben. Diese Frage ist noch kaum gestellt worden. Die Helmstedter Universitätstage tun es, und sie vertiefen damit hoffentlich unser Verständnis der Ost-West-Unterschiede und der Ost-West-Gemeinsamkeiten in der Zeit der Teilung.

Frage: Was würde es bedeuten, wenn man Egon Krenz – wie von einigen Kritikern gefordert – ausladen würde? Welche Folgen könnte das für die Universitätstage haben – und für die künftige Auswahl von Diskussionsteilnehmern?

Antwort Sabrow: Eine Ausladung auch nur in Erwägung zu ziehen, würde schon das Ansehen der Stadt und der Universitätstage beschädigen. Zu ihrer selbstverständlichen akademischen Tradition gehört die Offenheit auch gegenüber dem Anstößigen, gehören streitbare Argumentation und intellektuelle Herausforderung, aber bestimmt nicht der Widerruf einer Einladung zum öffentlichen Gespräch. In diesem Sinne hat der Beirat festgestellt: „Die Helmstedter Universitätstage setzen sich mit dem Unrecht in der DDR auseinander und wollen dies öffentlich austragen und diskutieren: im Juleum, nicht durch Einladungsverzicht.“ Aber sie wollen dies auch nicht durch Verzicht auf streitbare Diskussionen tun – Kritik ist willkommen! In einem Wort: Die Universitätstage versprechend spannend und lehrreich zu werden, und das ist ihr Zweck.

Frage: Ist zu befürchten, dass Krenz seinen Besuch in Helmstedt für Zwecke der Selbstdarstellung/Rechtfertigung nutzt? Und wie würden Sie solchen Versuchen vorbeugen?

Antwort Sabrow: Einem eingeladenen Gast hängt man keinen Maulkorb um. Aber man setzt seine Äußerungen wie die jedes anderen der kritischen Bewertung durch seinen Gesprächspartner auf dem Podium, durch den Moderator und durch das Publikum aus. So tut es die offene Gesellschaft, so tun es die Helmstedter Universitätstage.

Erläuterungen zur Person: Egon Krenz war der zweite Mann hinter Erich Honecker, bis er putschte und zum Staatsratsvorsitzenden der DDR aufstieg. Als Mitglied des Nationalen Verteidigungsrates der DDR war Krenz auch zuständig für die Schützen an der Mauer. Wegen Totschlags wurde Krenz daher 1997 zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt, vier davon saß er ab. Der Ex-SED-Chef fühlt sich jedoch bis heute ungerecht behandelt.

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